Ex-Axel-Springer-Vorstand Andreas Wiele soll neuer Aufsichtsratschef von ProSiebenSat.1 werden.

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Unterföhring – Der ehemalige Axel-Springer-Vorstand Andreas Wiele soll im Mai 2022 neuer Aufsichtsratschef von ProSiebenSat.1 werden. Der 59-Jährige, der bei Springer bis 2019 unter anderem für Elektronische Medien und die "Bild"-Gruppe verantwortlich war, soll dann Werner Brandt nachfolgen, wie der Fernsehkonzern am Montagabend in Unterföhring bei München mitteilte. Brandt, der im Jänner 68 Jahre alt wird, will sein Amt bei der nächsten Hauptversammlung nach acht Jahren abgeben.

Vorstandssprecher Rainer Beaujean wird zum Vorstandschef befördert und bekommt einen neuen Vertrag, der bis 2027 läuft. Der größte ProSiebenSat.1-Aktionär, der italienische Fernsehriese MFE-Mediaforeurope (früher Mediaset), fühlt sich Insidern zufolge bei beiden Entscheidungen überrumpelt.

MFE wollte eigenen Kandidaten

Die Italiener seien vorab nicht eingebunden worden, sagten zwei mit dem Vorgang vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters. MFE hält direkt 19 Prozent und hat Optionen auf weitere vier Prozent der Anteile. Laut Insidern wollte der vom früheren Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi dominierte Konzern eigene Kandidaten für den ProSiebenSat.1-Aufsichtsrat nominieren – einschließlich eines Nachfolgers für Brandt. Das ist bisher aber nicht geschehen. MFE will ProSiebenSat.1 in einen europäischen Fernsehkonzern einbinden und hatte Zweifel an Beaujean geschürt. Die Antworten aus Unterföhring fielen aber bisher zurückhaltend aus. Zu den Beschlüssen im Aufsichtsrat wollte sich MFE am Dienstag nicht äußern.

Erfahrung mit Transformationsprozessen

Wiele soll schon im Februar in den ProSieben-Aufsichtsrat einziehen. Dort wird der Posten von Adam Cahan vakant, der als Chef des US-Technologiekonzerns PAX Labs keine Zeit mehr hat. Auf der Hauptversammlung im Mai muss er dann nur noch bestätigt werden, seine Wahl zum Aufsichtsratschef gilt als Formsache. ProSiebenSat.1 betonte vor allem Wieles Erfahrung mit Transformationsprozessen. Bis vor kurzem beriet er unter anderem den Springer-Großaktionär KKR. Den zweiten frei werdenden Posten im Aufsichtsrat soll der Ex-Chef des Rivalen RTL, Bert Habets, einnehmen. Der Niederländer war 2019 bei Springer im Streit mit Bertelsmann-Chef Thomas Rabe über die Strategie gegangen und führt inzwischen den griechischen Fernsehkonzern Antenna.

Vorstandssprecher Beaujean befördert

Der Aufsichtsrat stärkte zudem Vorstandssprecher Beaujean den Rücken. Im Zuge einer Vertragsverlängerung um fünf Jahre – das ist bei ProSiebenSat.1 ungewöhnlich – wird er zum Vorstandsvorsitzenden ernannt. Das sei "die logische Konsequenz seiner sehr erfolgreichen Arbeit im Vorstand", erklärte Brandt. Beaujean habe ProSiebenSat.1 sicher durch die Coronakrise geführt und die Neuausrichtung konsequent umgesetzt. Beaujeans Rolle als Finanzvorstand, die er bisher neben dem Sprecher-Posten bekleidet hatte, übernimmt zum 1. Januar sein bisheriger Stellvertreter Ralf Peter Gierig (56). (APA, Reuters, 7.12.2021)