Das kurze Leben einer musikalischen Ikone.
Foto: AP Photo/Matt Dunham

Mit dem Album "Frank" beginnt 2003 die Karriere von Amy Winehouse. Der "Guardian" schreibt damals: "Winehouse klingt so, als wäre sie bereits tausendmal in verrauchten Jazzclubs aufgetreten. Es ist also eine Überraschung, zu erfahren, dass sie erst 19 und in Nordlondon aufgewachsen ist." Nur zwei Alben braucht Amy Winehouse, um zu einer der prägendsten Musiker*innen ihrer Generation zu werden. Was ihr kreativer Geist noch erschaffen hätte, darüber kann man leider nur noch spekulieren. Was bleibt, ist ihre Musik – und die bittere Erkenntnis, dass sich kaum etwas so gut verkauft wie Selbstzerstörung.

Angefangen hatte die Geschichte der jungen Frau mit der tiefen, ausdrucksvollen Stimme mehr als verheißungsvoll. In einer Familie von Jazzenthusiast*innen und auch einigen professionellen Jazzmusiker*innen aufgewachsen, fing sie bereits mit 14 an, ihre eigene Musik zu schreiben. Als einer ihrer Freunde ein Demotape an ein Plattenlabel schickte, kam der Stein ins Rollen. Bald rissen sich mehrere Labels um sie. Sie erschien genau zur richtigen Zeit auf der Bildfläche: In einer Phase, in der das Publikum der sogenannten "Musik aus der Retorte" langsam, aber sicher müde wurde, hebt sie sich mit ihrem von Größen wie Dinah Washington oder Thelonious Monk inspirierten Jazz deutlich von der Masse ab. Das Debütalbum "Frank" kommt gut an. Es ist noch nicht der ganz große Durchbruch, aber sie ist offensichtlich auf dem richtigen Weg.

Interview aus der Zeit des ersten Albums.
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Try to make me go to rehab

Es ist ein vielversprechender Start. Und doch beginnt Amy bald die Kontrolle über ihr Leben zu entgleiten. In dieser Zeit lernt sie Blake Fielder-Civil kennen und geht eine fast schon symbiotische Beziehung zu ihm ein. Sie haben viel gemeinsam, beide kämpfen seit Jahren mit Depressionen und neigen zum selbstzerstörerischen Exzess. Als Blake sie nach wenigen Monaten für seine Ex-Freundin verlässt, wird Winehouse, in ihren eigenen Worten, "wahnsinnig". Sie wird schwer depressiv, verliert drastisch an Gewicht und greift bereits morgens zur Flasche. Als ihre Freund*innen, von Nachbarn alarmiert, ihre Wohnung aufsuchen, sind sie erschrocken über deren desolaten Zustand und Amys Verfassung. Sie sind der Meinung, dass sie dringend professionelle Hilfe braucht, Winehouse selbst willigt in einen Entzug ein – sie möchte nur noch hören, dass auch ihr Vater dafür ist. Wie das ausgeht, ist weithin bekannt.

I ain't got the time, and if my daddy thinks I'm fine, Just try to make me go to rehab – I won't go, go, go.

Ein entscheidender Moment in Amys Leben, eine tragischerweise verpasste Chance, so Nick Shymansky, ihr damaliger Manager, den sie schon seit Jugendtagen kennt. Sie war zu dem Zeitpunkt noch nicht der global bekannte Star, der sie werden sollte. "Sie hätte eine professionelle Behandlung bekommen, bevor jeder ein Stück von ihr wollte", sagt Shymansky.

Neues Album, neue Probleme

Statt sich also auf ihre Genesung zu konzentrieren, wirft sie sich, instabil und angeschlagen, wie sie ist, komplett in den kreativen Prozess und verarbeitet ihre Emotionen zu Songs für ihr neues Album. "Ich habe keine Angst, verletzbar zu wirken", sagt Winehouse einmal. Das merkt man ihrem zweiten Album "Back to Black" deutlich an. Es geht gut voran, Mark Ronson, einer der Produzenten des Albums, erzählt, wie sie in nur zwei Stunden Text und Musik zu "Rehab" schrieb.

Bei der Aufnahme von "Back to Black" in Mark Ronsons Studio.
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Doch dann erkrankt ihre Großmutter, eine prägende Figur in ihrem Leben, schwer und stirbt. Ein Tiefpunkt für Winehouse. Ihre selbstzerstörerischen Tendenzen nehmen wieder überhand, die Bulimie, an der sie bereits in Jugendtagen litt, gerät außer Kontrolle. Zu viel geschieht praktisch zur selben Zeit. Schnell nach der Veröffentlichung der ersten Singles im Herbst 2006 wird deutlich, dass sich ein sensationeller Erfolg für "Back to Black" abzeichnet. Prompt ist Blake Fielder-Civil wieder zurück in ihrem Leben, aber nicht ohne zuvor die Presse zu informieren, dass er als Inspiration fürs Album diente. Die Beziehung nimmt noch extremere Züge an als beim ersten Mal, und schließlich heiraten sie im April 2007. Bei den Preisverleihungen dieses Jahres wird "Back to Black" mit Preisen überhäuft, es dominiert monatelang die Charts und erreicht mehrfachen Platinstatus. Während es in ihrer Karriere also steil bergauf geht, ist sie privat und gesundheitlich auf einer ebenso steilen Talfahrt.

Die Katastrophe nimmt ihren Lauf

Sie, die bisher maximal Marihuana rauchte, beginnt in dieser Zeit harte Drogen zu nehmen. Dazu sagt Fielder-Civil in einem Interview: "Ich beging den größten Fehler meines Lebens, als ich vor ihr Heroin nahm. Durch mich kam sie an Heroin, Crack und begann mit selbstverletzendem Verhalten." Beide werden schnell schwer abhängig. Während sie zum allerorts erkannten Megastar wird, treten die Eskapaden und das erratische Verhalten des Paares zunehmend in den Vordergrund. Als Winehouse schließlich fast an einer Überdosis stirbt, ist ihr Umfeld alarmiert. Doch Management und ihre Familie schieben sich gegenseitig die Verantwortung zu. Ein Entzug, den Amy und Blake gemeinsam durchführen, bringt wenig überraschend nicht den gewünschten Erfolg. In den Tagen nach dem Aufenthalt in der Entzugsklinik entstehen schockierende Paparazzifotos. Ausgemergelt, mit verschmierter Maskara, blutigen Ballerinas und verletzten Armen verlässt sie nachts an der Seite Fielder-Civils ein Hotel. Schließlich wird Fielder-Civil wegen Behinderung der Justiz im Fall einer Körperverletzung verhaftet und kommt für die nächsten Monate ins Gefängnis.

Beste Unterhaltung

Mit Amy geht es sichtbar weiter bergab. Immer dabei: die ganze Welt. Je kaputter die Sängerin wirkt, desto besser ist das Fotomotiv. Je verwahrloster sie aussieht, desto schneller verkaufen sich die Magazine und desto öfter werden die Artikel angeklickt. Ihr Aufstieg fällt mit dem Beginn der Social-Media-Ära zusammen, bei ihrem Verfall sitzen dann alle schon auf den besten Zuschauerplätzen. Wirkt sie bei einem Konzert benommen, als wäre sie betrunken oder unter Drogeneinfluss, ärgert das nicht nur die Personen vor Ort – über Youtube konnten nun alle an ihrer Schande teilhaben. Selbst jene, die mit ihrer Musik nichts anfangen können, wissen gezwungenermaßen über sämtliche ihrer Skandale und Probleme Bescheid.

Dabei entwickelt sich schnell eine Dynamik, die für die 2000er typisch ist: Aus Voyeurismus wird schnell, so wie auch bei Britney Spears oder Paris Hilton, erbarmungslose, grausame Häme. Die Tatsache, dass man einer schwer suchtkranken, labilen jungen Frau über Jahre beim Sterben zusieht, wird schnell zur Punchline. Es ist ein ungleicher Kampf, der da ausgetragen wird. Talkshow-Hosts, die sie gar nicht so lange zuvor noch mit offenen Armen als Gast und Music-Act empfangen haben, reißen nun Witze über ihren Zustand. Sie "sieht aus wie ein Poster einer Kampagne für vernachlässigte Pferde", so ein Comedian damals.

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Bad Boy vs. Lachnummer

Szenen, wie sie versucht, durch große Trauben rempelnder Paparazzi zu ihrem Auto zu kommen, wirken beängstigend und bedrohlich. Wirklich ernst genommen wird ihr besorgniserregender Zustand nicht. Die Frage, ob Männern im Business – zumindest in den ausgehenden 2000ern – die gleiche Behandlung zuteilwird wie Frauen, beantwortet zumindest ein "New York Times"-Artikel aus dieser Zeit mit einem eindeutigen Nein. Unter dem vielsagenden Titel "Jungs sind nun mal Jungs, Mädchen werden von den Medien gejagt" wird die Berichterstattung zu Amy Winehouse, Britney Spears oder Anna Nicole Smith mit jener über die damals ebenfalls strauchelnden Owen Wilson, Robert Downey Jr. und Heath Ledger verglichen: "Männer, die in Ungnade fallen, werden mit Ernsthaftigkeit und Distanz behandelt, Frauen in derselben Situation werden zum Gespött."

Das Ende

Eine große Hilfe ist auch ihre Familie nicht unbedingt. Als sie sich für mehrere Monate auf die Insel St. Lucia zurückzieht, um clean zu werden und Abstand vom Medienzirkus zu gewinnen, kommt ihr Vater sie besuchen – samt Kamerateam. Und schließlich wird eine Comebacktour geplant. Für sie, die einst sagte, Livegigs seien ihr Leben, markiert dies das Ende. Ihr erstes Konzert dieser allerletzten Europatour ist ein Fiasko. Amy wirkt auf der Bühne in Belgrad desorientiert, die Musik geht immer mehr in Buhrufen des zunehmend gereizten Publikums unter. Einen Monat später, im Sommer vor zehn Jahren, wird sie tot in ihrer Wohnung aufgefunden. Eine Alkoholvergiftung kostet sie letztendlich das Leben, sie wird nur 27 Jahre alt.

Der Nachlass

"Meine größte Angst ist, zu sterben, ohne dass irgendjemand weiß, welchen Beitrag ich zur Musik geleistet habe", sagte Amy Winehouse einmal in einem Interview. Und ja, es sieht lange so aus, als wäre genau das der Fall, als würden ihre Skandale ihre musikalischen Erfolge ausblenden. Doch zumindest erkannte sie selbst, dass sie der Nachwelt etwas Wertvolles hinterlassen hatte: "Aber es ist okay, ich habe das bereits geschafft. Sollte ich morgen sterben – klopf auf Holz –, wäre ich erfüllt und zufrieden." Ihr musikalischer Output ist tragischerweise überschaubar, ihrem Einfluss tut das aber bis heute keinen Abbruch. Adele, Florence Welch, Billie Eilish und eine ganze Reihe junger Sängerinnen geben an, als musikalisches Vorbild und Inspiration zu ihr aufzuschauen. Winehouse ebnete unkonventionellen Sängerinnen nach ihr den Weg zum musikalischen Durchbruch, so Lady Gaga.

mayclips

Ihre letzte Aufnahme machte Amy Winehouse mit einem ihrer Idole, dem Jazzsänger Tony Bennett. Er erinnert sich: "Sie war eine der wahrhaftigsten Jazzsängerinnen, die ich je gehört habe. Für mich ist sie auf einer Ebene mit Ella Fitzgerald, mit Billie Holiday – sie hatte eine vollkommene Gabe. Hätte sie weitergelebt, hätte ich ihr gesagt: 'Lebe langsamer, du bist zu wichtig. Das Leben lehrt uns, wie man es am besten lebt, wenn man nur lange genug dabei bleibt.'" (Anya Antonius, 10.12.2021)