Lady Macbeth (Anna Netrebko) ist noch in Feierlaune, aber das wird sich bald ändern.

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Wer in seinem Inneren eine Schwäche für Höhenphobie verspürt, ist von Regisseur Davide Livermore bei der Eröffnung der Scala-Saison telegen bedient worden. Giuseppe Verdis Oper Macbeth wurde auf die Bühne nicht nur als optisch-technisches Multimediaevent gewuchtet. Sogar fürs Patschenkino (etwa auf Arte) wurden szenische Impressionen computeranimiert erschlossen, bei denen es im Wortsinn hoch hinausging: An der Außenwand eines Wolkenkratzers steht die langsam ihren Verstand einbüßende Lady Macbeth und blickt hunderte Meter herab in den städtischen Abgrund.

Natürlich muss sich niemand um Anna Netrebko sorgen. Was der TV-Zuschauer an urbanen Schluchten sieht, ist bei Regisseur Livermore auf der Bühne unsichtbar, wenngleich das Filmische in seiner Inszenierung essenzieller Teil einer unbescheidenen Überwältigungsästhetik bleibt. So erscheint dem von Angstfantasien geplagten Macbeth der getötete Banko (respektabel Ildar Abdrazakov) nicht nur als Untoter. Macbeth bricht beim Fest zusammen unter der Last eines den ganzen Hintergrund okkupierenden grinsenden Extra-large-Gesichts des Toten. Auch im TV beeindruckend.

Sich freimorden

Die opulente Bühnenwelt zeigt eine technokratische Welt, eine futuristische Metropole. Eiskalte Geschäftsleute haben die Macht über die Politik errungen. Von realen Niederungen des Alltags unbelästigt, schmieden sie ihre Pläne – wenn sie sich nicht gerade gegenseitig beseitigen.

Die gerne in Grellrot einherstolzierende Lady, die ihren Gatten Macbeth motiviert, sich den Weg zur Macht freizumorden, raucht ausgiebig und trinkt sich ihre Laune herbei. Wo es um Hochgefühle geht, werden Lady Netrebko gar ausgelassene Tanzmomente abverlangt ... Sie singt jedenfalls zumeist sauber und mit der ihr gegebenen Mischung aus Intensität und Klangpracht in den Höhen.

Etwas Schnellsex

Letztlich verlässt sich Regisseur Livermore jedoch allzu sehr auf den filmischen Charme. Blendet man kurz die bühnenopulenten Aspekte aus, kommt eine konventionelle Figurengestaltung zum Vorschein (sie betrifft auch den intensiven Tenor Francesco Meli als Macduff), die mit eckigen Bewegungschoreografien (die Hexenwelt betreffend) gewürzt ist. Da ist der TV-Zuschauer doch etwas im Vorteil. Wenn die Lady und Macbeth (sehr eindringlich Luca Salsi) von den in einem Aufzug angebrachten Kameras in Nahaufnahme (auch beim Schnellsex) erwischt werden, wirkt das Drama, welches das Mörderpaar plagt, regelrecht impulsiv und glaubhaft.

Nebstbei zeigt die TV-Inszenierung grundsätzlich, wie gestreamte Aufführungen einen eigenen Charme erlangen könnten, sofern sie ästhetischen Mehrwert liefern. Also über das starre Abbilden der Bühnenvorgänge hinausgehen.

In Summe – bühnenbezogen – wurde es hier jedenfalls eine eher normale Inszenierung in interessanter multimedialer Verpackung und einem fulminanten Mörderpaar, das auch schon in Wien zu erleben war. Netrebko und Salsi hatten sich im Vorjahr an der Staatsoper in der Inszenierung von Barrie Kosky blutige Hände geholt. Und: In Koskys asketischer Macbeth-Version konnten sie im szenischen Detail differenzierter miteinander umgehen.

Zuerst die Hymne

Einen Vorteil hatte die Scala aber: Während die Staatsoper ihren Don Giovanni kürzlich publikumslos absolvieren musste (nach dem Lockdown gibt es eine Zusatzvorstellung am 13. 12), ist das Mailänder Haus am 7. 12. gut besucht, am Tag des Heiligen Ambrosius also, dem Schutzpatron der Stadt. Zwar dirigiert der Musikchef der Scala, Riccardo Chailly, das fulminante Orchester maskiert. Es waren jedoch an die 2000 Personen zugegen, um beim Ertönen der italienischen Hymne aufzustehen und später Staatspräsident Sergio Mattarella applaudierend zu feiern.

Der Regisseur hatte weniger Glück. Er wurde ausgebuht, sogar für Netrebko gab es Unmutsäußerungen. Was immer die Pandemie an Kulturverhalten ändern mag, Opernwut bleibt wohl unzerstörbar. (Ljubiša Tošić, 9.12.2021)