Mit dem Teufel diskutiere man nicht, sagt Papst Franziskus.

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In der Wallfahrtskirche der Madonna von Monte Berico in Vicenza ist es am vergangenen Sonntag zu einem besonders spektakulären Fall von vermeintlicher Besessenheit gekommen: Eine 28-jährige Frau hat im Beichtstuhl plötzlich wüste Gotteslästerungen und Verwünschungen ausgestoßen und den Beichtvater tätlich angegriffen.

Hunderte Gläubige wurden Ohrenzeugen des Vorfalls; die Kirche musste vorübergehend geschlossen werden. In der Folge hat der Priester den Exorzisten der Wallfahrtskirche, Don Giuseppe Bernardi, herbeigerufen: Er und vier Ordensbrüder haben dann während acht Stunden versucht, den Teufel aus dem Leib der jungen Frau zu vertreiben.

"Normalerweise flüchtet das Böse nach wenigen Ave Marias, aber in bestimmten Fällen verbeißt sich der Dämon in die Person und will sie nicht mehr verlassen", erklärte anschließend der Abt der Wallfahrtskirche, Carlo Maria Rossato, der bei dem Exorzismus ebenfalls dabei gewesen ist. "Am Ende waren wir alle völlig erschöpft." Nach der Teufelsaustreibung sei die Frau zusammengebrochen und in eine betreute Pflegeeinrichtung in Verona gebracht worden. Eine Lokalzeitung schrieb von "Szenen wie in einem Horrorfilm". Der Vorfall wurde von den Verantwortlichen der Wallfahrtskirche an die Diözese gemeldet. Laut Medienberichten hat sich auch die Staatsanwaltschaft eingeschaltet.

Halbe Million Austreibungen pro Jahr

Im deutschen und angelsächsischen Sprach- und Kulturraum mag der Gedanke, dass im 21. Jahrhundert immer noch Teufelsaustreibungen vorgenommen werden, irritierend sein. In südlichen und katholischen Ländern und ganz besonders in Italien, dem Mutterland des Katholizismus, sind sie aber nach wie vor an der Tagesordnung. Allein in Italien, schätzt die vom Vatikan anerkannte Internationale Vereinigung der Exorzisten, werden die Dienstleistungen dieser speziell ausgebildeten Priester rund eine halbe Million Mal pro Jahr in Anspruch genommen. Die Tendenz ist seit Jahren steigend. In der Pandemie, die viel Leid und Verunsicherung mit sich gebracht hat, ist die Nachfrage noch einmal sprunghaft angestiegen.

In Italien verfügt jedes Bistum über einen oder auch mehrere anerkannte Exorzisten – und diese sind angesichts der großen Zahl von Hilfegesuchen aus den Pfarreien meist völlig überlastet. Die päpstliche Universität Regina Apostolorum in Rom bietet deshalb seit vielen Jahren Lehrgänge für angehende Teufelsaustreiber an. Zum letzten Seminar im vergangenen Oktober hatten sich insgesamt 137 Priester und Laien angemeldet, eine Rekordzahl. Bei dem "Kurs über Exorzismus und das Befreiungsgebet" – so der Titel der einwöchigen Lehrveranstaltung – sprachen insgesamt 250 Exorzisten, Psychologen, Psychotherapeuten und interessierte Laien über die Dämonenaustreibung.

Psychologische Untersuchungen

Grundsätzlich sei niemand gefeit davor, von Satan besessen zu werden, betont der Exorzist Ildebrando Di Fulvio, der im großen Zisterzienserkloster von Casamari südlich von Rom jedes Jahr Hunderte von Teufelsaustreibungen vornimmt. "Aber aufgepasst: Viele Menschen glauben, von Dämonen besessen zu sein, aber nur wenige sind es wirklich", betont der Exorzist. In den allermeisten Fällen litten die Betroffenen unter einer gewöhnlichen Depression oder anderen psychischen Störungen.

Bevor eine Teufelsaustreibung vorgenommen werde, müsse deshalb zuerst eine psychologische und medizinische Untersuchung erfolgen – so sehen es auch die Exorzismusregeln des Vatikans vor, die im "Rituale Romanum" niedergeschrieben sind. Erst wenn diese Untersuchungen keinen Befund ergäben, deute dies auf die Präsenz des Bösen hin.

Die Überzeugung vieler Menschen, dass es den Teufel gar nicht gebe, sei dessen mächtigste Waffe, betont Dino Battiston, der jahrzehntelang in Vicenza als Exorzist gewirkt hat. "Die Menschen fühlen sich einsam, verlieren sich, und dann klammern sie sich an materielle Dinge, ans Geld, und sie werden besessen von Neid und Hass: Das ist das erste Anzeichen des Bösen."

Ganz ähnlich argumentiert auch Papst Franziskus, der vor ein paar Jahren erklärt hatte, dass "der Teufel über den Geldbeutel in unsere Herzen" eindringe. Der Verführer, so Franziskus, sage uns: "Denke dies, mache das. Die Gefahr besteht darin, mit ihm zu diskutieren, wie Eva es getan hatte. Aber wenn wir mit dem Teufel in einen Dialog treten, sind wir verloren. Mit dem Teufel diskutiert man nicht", betonte der Papst. (Dominik Straub aus Rom, 9.12.2021)