Darf's eine Brustmassage sein? Marina Abramovićs Multikanal-Installation "Balkan Erotic Epic" beschäftigt sich mit der Bedeutung von Erotik in den Volkskulturen der Balkanländer und ist auf Ubuweb zu sehen.

Foto: imago images / Everett Collection

Wer diese Website öffnet, wird sich erst einmal die Augen reiben. Die Startseite ist so nüchtern gestaltet, dass von vornherein klar wird – das Ubuweb mag kein Bling-Bling, nur Inhalt. Oben ein schwarzer Balken mit abwechselnd Simone Mareuil in Luis Buñuels Film Ein andalusischer Hund oder Samuel Beckett, der durch seine Sonnenbrille auf eine Liste aus 19 Links schaut: zum Beispiel Film & Videos, Sound, Dance, Conceptual Comics oder Electronic Music Resources.

Dahinter warten unzählige – hunderte, tausende – ansonsten oft schwer erreichbare Soundfiles, Filme und Texte, die der New Yorker Künstler und MoMA-Poet-Laureate Kenneth Goldsmith (60) seit jetzt 25 Jahren wie manisch sammelt und online stellt. Seit 1996 betreibt der, Selbstbezeichnung, "Geek" mit Unterstützung einiger Freiwilliger seine Plattform für obskure avantgardistische Kunst, natürlich non-profit und in ständiger Herausforderung von Copyrights.

Ulay, der Fladerer

Der Klick auf "Film & Video" bringt vier lange Spalten mit 1.151 (!) illustren oder weniger bekannten Namen von zurzeit Marina Abramović bis Antoinette Zwirchmayr. Abramović zeigt auf Ubuweb zehn Videos, darunter Balkan Erotic Epic – oder City of Angels, an dem ihr langjähriger künstlerischer Partner Ulay beteiligt war. Von Ulay selbst gibt es Da ist eine kriminelle Berührung in der Kunst von 1976. Der Künstler hatte für seine Kunstaktion Spitzwegs Gemälde Der arme Poet aus der Berliner Neuen Nationalgalerie gefladert und in der Wohnung einer türkischen Migrantenfamilie aufgehängt.

Anderer Einstieg: Unter Kathy Acker findet sich ein Interview, das die Punk-Poetin und Copyright-Kritikerin (Hannibal Lecter, My Father) 1988 mit dem von ihr bewunderten William S. Burroughs (Naked Lunch) geführt hat. Auf Burroughs’ Liste wiederum stehen unter anderem Dokus, seine Cut-up-Filme und die Lesung seines Buchs Junky oder das gemeinsame Album The ,Priest‘ They Called Him mit Kurt Cobain zur Verfügung.

Künstlerisch orientierte Zusammenstellung

Unzählige mögliche Streifzüge durch die Welten von Ubuweb führen zu großartigen Begegnungen. Wer sich bei der künstlerischen Avantgarde nicht so gut auskennt, kann sich spielerisch informieren. Wer Vorwissen mitbringt, findet garantiert noch etliche Perlen.

Gerade in Lockdown-Zeiten erweist sich das Ubuweb als wunderbar werbungsfreies Zeitreisebüro für beliebig ausgedehnte Expeditionen durch die Weiten der experimentellen Künste. An das Vintage-Design der Seite gewöhnt man sich schnell. Goldsmith wollte die Gestaltung so einfach wie möglich halten und hat so sein unabhängiges Portal gut durch all die Wandlungen des Internets gebracht.

Mittlerweile ist viel von dem Material ebenfalls auf Youtube zu sehen. Was aber die algorithmenverseuchte Bildmassenschleuder nicht leisten kann, ist Goldsmiths künstlerisch orientierte Zusammenstellung, Dokumentation und Verknüpfung. Ubuweb besticht bis heute als "Schattenarchiv", das sich den Regulierungen der Netzgiganten entzieht.

Daher kann man sich dort anschauen, was beispielsweise die Österreicherin Elke Krystufek in den 1990ern allein zu Haus mit sich und ihrer Kamera angestellt hat, oder Hannah Wilkes weniger verfängliches Video Gestures von 1974.

Engagierte Dokumentation

Es gibt auch Wermutstropfen. Luis Buñuels Ein andalusischer Hund etwa ist mittlerweile an Youtube abgegeben. Oder wo einmal Filme von Tacita Dean zu sehen waren, erfahren wir, dass die Marian Goodman Gallery kleinlich für deren einstweilige Entfernung von Ubuweb gesorgt hat.

Antoinette Zwirchmayr ist nicht die Einzige, deren Eintrag nur zu einem Link auf "Memory of the World" führt, einem Netzwerk von "Schattenbibliotheken". Es bietet über 150.000 Bücher frei an, darunter auch das Werk des unerschütterlichen Goldsmith, der im Vorjahr einen Band unter dem Titel Duchamp Is My Lawyer publiziert hat, in dem (fast) alles über die Geschichte seines Mammutprojekts Ubuweb zu erfahren ist.

Dessen Tanzabteilung wird übrigens von der Autorin und Performerin Eylül Fidan Akıncı kuratiert. Die konzise Liste bietet ein gutes Programm mit engagierter Dokumentation zum Einstieg in die zeitgenössische Choreografie. (Helmut Ploebst, 13.12.2021)