Museen arbeiten schon seit langem mit digitalen Methoden: Die erste Konferenz über Museen und Computer fand 1968 statt, und die Probleme, mit denen sich Kuratoren und Wissenschafter damals beschäftigten, sind auch heute noch aktuell. Nur die Technologien und theoretischen Perspektiven haben sich weiterentwickelt. Bereits auf dieser Konferenz wurde erörtert, wie Informationen über Sammlungen digital erfasst werden können, wie mit Bildern umgegangen werden kann, wie digitale Werkzeuge zur Verbesserung der Konservierungsverfahren eingesetzt werden können, welches pädagogische Potenzial Computer haben. Auch heute sind Digitalisierung, Datenrecherche und Präsentation für Forscherinnen und Forscher und die Öffentlichkeit immer noch sehr aktuelle Probleme.

Wien Museum

Der Wandel der Museen

Selbstverständlich haben sich sowohl die Technologie als auch die Museen seit Mitte des 20. Jahrhunderts verändert. Die technologischen Entwicklungen sind für jedermann sichtbar. Weniger auffällig ist, dass sich Museen von nach innen gerichteten, objektorientierten Institutionen zu offenen, inklusiven und partizipatorischen Orten gewandelt haben. Im modernen Museum wird das Publikum in seinen eigenen Besonderheiten verstanden, in den täglichen Alltag miteinbezogen und zur Teilnahme an den Museumsprozessen eingeladen. Anfang der 1970er-Jahre stellte Duncan F. Cameron die berühmte Frage, ob ein Museum eher Tempel oder doch ein Forum sein sollten. Heute steht die Idee eines Museums als Forum, in dem Objekte aufbewahrt und der Öffentlichkeit präsentiert werden, um Gespräche und Debatten zu fördern und einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten, im Mittelpunkt der Museumstheorie. In laufender Debatte (zum Beispiel in Bezug auf die neue Museumsdefinition der International Council of Museums) definieren sich Museen und ihre Rolle in einer (digitalen) Öffentlichkeit neu.

Ein Blick zurück auf die Geschichte der Digitalisierung in Museen zeigt, dass nach dem ersten Einsatz von Computern zur Dokumentation von Sammlungen Mitte des 20. Jahrhunderts das Aufkommen des Internets und von Personalcomputern vermehrt Angebote für die breite Öffentlichkeit schuf. Seit den 1990er-Jahren entstehen Websites, CD-ROMs und DVDs sowie die ersten digitalen interaktiven Elemente in den Galerien. Das Potenzial digitaler Medien für die Museumspädagogik und die Vermittlungspraxis ist enorm.

Ab der Jahrtausendwende und dem Aufkommen sozialer Medien entstanden viele neue Zugangs- und Vermittlungsformen: Das Publikum wurde aktiver in die Museumsarbeit mit einbezogen, zum Beispiel durch die Co-Produktion von Ausstellungen. Citizen-Science-Projekte und Crowd-Sourcing machen aus den Besucherinnen und Besuchern Forschende. Eine Vielzahl von Mobil- und Webanwendungen unterstützen die Museen in der Vermittlung des kulturellen Erbes an die Öffentlichkeit. Sie helfen aber auch, Diskussionen darüber anzuregen und die Öffentlichkeit in den Digitalisierungs- und Interpretationsprozess von Museen einzubeziehen. In den letzten zehn Jahren hat sich die Technologie geradezu sprunghaft weiterentwickelt, und es gibt laufend neue technologische Ansätze, die im Kontext des kulturellen Erbes erforscht werden können: von XR und KI bis hin zu neuen Social-Media-Plattformen, wie zuletzt TikTok und ClubHouse, aber auch neue Formen von Museumsobjekten, wie zum Beispiel KI-Kunst oder Born-digital-Sammlungen.

Immersives Van-Gogh-Erlebnis.
Foto: Unsplash/Redd (@reddalec)

Potenziale digitaler Museen

Viele Museumssammlungen wurden in den letzten Jahren digitalisiert und in Datenbanken erfasst. Das unterstützt nicht nur die alltägliche Verwaltung von Sammlungseinträgen, sondern erleichtert auch – durch die Aufbereitung der Daten nach gemeinsamen internationalen Standards – den Austausch dieser Informationen.  Das hat unter anderem zur Folge, dass die Zusammenführung von Museumsobjekten leichter gemacht wird, weil damit physische Barrieren zwischen Objekten überwunden werden können. Das bietet die Möglichkeit, dass zum Beispiel alte, aufgelöste oder zerstörte Sammlungen wiederhergestellt werden können. Diese und viele andere digitale Sammlungen werden dann online, mit Open Access auf Museumswebsites veröffentlicht: Das Rijkstudio ist ein berühmtes Beispiel für ein Museum, das es möglich macht, seine Sammlungen zu durchsuchen, die Objekte herunterzuladen und die Benutzerinnen und Benutzer darüberhinaus auch noch ermutigt, diese Bilder in eigene kreative Prozesse einzubauen. Europeana hingegen ist ein Beispiel für einen Aggregator, der Sammlungen verschiedener europäischer Organisationen zusammenführt und es damit ermöglicht, nach Themen, Zeiträumen und Merkmalen der verschiedenen Objekte zu suchen, unabhängig von ihrem Standort.

Gleichzeitig beginnen Museen auch damit, digital entstandene Objekte zu erwerben, was viele neue Herausforderungen für ihre Erhaltung mit sich bringt: Wie kann man das Urheberrecht und den Wert einer digitalen Fotografie eines zeitgenössischen Ereignisses bewerten? Wie kann man ein Videospiel bewahren und es der Öffentlichkeit präsentieren: Kann man es interaktiv anbieten? Wie mit dem Alterungsprozess von Hard- und Software umgehen? Wie wirkt sich die stete Weiterentwicklung von Spielabläufen und Spielegrafik auf unsere Wahrnehmung beim Betrachten aus?

Spielzimmer aus den 70ern im Computerspielmuseum in Berlin.
Foto: Wikicommons/Sergey Galyonkin (CC 2.0)

Auch Ausstellungen enthalten heute oft digitale Anwendungen. Das kann ein Touchscreen sein, ein Audioguide, der auf unsere Smartphones geladen werden kann, oder Anwendungen, die es uns ermöglichen, mit den Objekten zu interagieren und sie auf kreative Weise zu erkunden, zum Beispiel durch Anwendungen der erweiterten und virtuellen Realität. Ausstellungen können aber auch gleichzeitig Online-Pendants mit 2D- und 3D-Reproduktionen der Ausstellungsobjekte haben, Online-Führungen, Digitorials (eine Marke von SCHIRN, Städel Museum und Liebieghaus), Ressourcen für Schulen, Videospiele, und so weiter. Marketing und Kommunikation von Museen stützen sich zunehmend auf digitale Dienste und Plattformen: Vom Ticketverkauf bis zu Social-Media-Kanälen hat die digitale Welt neue Wege der Informationsverbreitung eröffnet.

Wer nutzt digitale Museumsangebote?

Allerdings wissen wir immer noch zu wenig über die Auswirkungen der digitalen Interaktion auf das Publikum. Daher wissen wir auch recht wenig über die Möglichkeiten, die Kommunikation und das Engagement der Museen zu verbessern. Die Forschung in Bezug auf das Online-Publikum und die Nutzung digitaler Anwendungen im Museumsbereich hat in den letzten zehn Jahren stetig zugenommen. Man sollte dennoch nicht darauf vergessen, den Nutzen, die Vorteile und die Herausforderungen jeder Technologie, die wir in Museen einsetzen wollen, weiterhin zu bewerten und zu reflektieren.

Wie können wir beispielsweise die Online-Sammlungen eines Museums zugänglicher machen und den Entdeckungsprozess einfacher gestalten? Auf welche Schwierigkeiten stößt das Publikum bei der Navigation durch das Museum in 3D? Was sind die Merkmale eines erfolgreichen VR-Erlebnisses in einem Museum? Was sind für die Öffentlichkeit interessanteste Aspekte einer Online-Führung im Videoformat oder eines Gesprächs mit Museumsmitarbeitern? Das Feedback der Öffentlichkeit ist wichtig, um zu verstehen, was bei jeder Erfahrung funktioniert hat und was verbessert werden kann.

NHMWien

Darüber hinaus haben die Museen begonnen, sich mit den Auswirkungen der Online-Präsenz auf ihre Autorität, ihre Objekte und ihre Beziehung zur öffentlichen digitalen Sphäre auseinanderzusetzen. Objekte müssen daher in der Online-Sphäre neu kontextualisiert werden, da sie der Öffentlichkeit wesentlich schwerer im Rahmen von klaren und problemfokussierten Erzählungen präsentiert werden, zum Beispiel in politisch aufgeladenen oder anderweitig (emotional) vorbelasteten Rahmen. Oft finden sich Kuratoren in einem Spannungsfeld zwischen dem Wunsch, die Autorität eines Museums zu schwächen sowie die Möglichkeiten der Mitgestaltung zu eröffnen, und dem Unbehagen über alternative Präsentationsformen eines Objektes.

Das passiert vor allem, wenn sich das kuratorische Wissen in diesen alternativen Erzählungen nicht leicht wiederfinden lässt, oder wenn die angebotenen Kontexte eng mit extremistischen oder diskriminierenden Ansichten verbunden sind. Oft ist es eine Gratwanderung, Kontroversen in der Öffentlichkeit zu bewältigen aber gleichzeitig zur Diskussion anzuregen. Gleichzeitig sollte dabei noch den Auftrag der Museen aufrechterhalten werden und materielles und immaterielles Erbe zum Zwecke der Bildung, des Studiums und des Vergnügens bewahrt und vermittelt werden.

Junges Mädchen mit Virtual-Reality-Headset.
Foto: Unsplash/@giuvicente

Museen und Covid-19

In den letzten 18 Monaten hat die Covid-19-Pandemie viele der Herausforderungen und Möglichkeiten der digitalen Welt für Museen aufgezeigt. Nach Angaben der Unesco waren "mehr als 85.000 Museen, d. h. etwa 90 % der Museumseinrichtungen weltweit, von vorübergehenden Schließungen betroffen." Viele Museen haben in diesem Zeitraum ihre digitalen Aktivitäten verstärkt: Obwohl es aufgrund der Einschränkungen, die ja regional unterschiedlich sind, erhebliche Unterschiede gibt, hat der Internationale Museumsrat (ICOM) in zwei großen Umfragen im Jahr 2020 festgestellt, dass die Museen ihre digitalen Aktivitäten im Jahr 2020 um 15 Prozent ausgeweitet haben. Weiters haben sie ein erhebliches Interesse daran, diese Aufmerksamkeit für das "Digitale" auch in Zukunft beizubehalten. Das soll vor allem durch eine geänderte digitale Strategie und eine Erweiterung des digitalen Angebots passieren. Ähnliche Umfragen, zum Beispiel des Network of European Museum Organisations (NEMO) oder von anderen Untersuchungen auf nationaler und internationaler Ebene, haben ähnliche Tendenzen aufgedeckt.

In einem Projekt an der Universität Graz haben wir einige der Initiativen kartiert, die von Museen gestartet wurden, um während der Pandemie mit ihrem Publikum in Kontakt zu bleiben. Obwohl die Karte mittlerweile rund 1.000 Museumsprojekte auflistet, ist dies nur kleiner Ausschnitt aus der Vielfalt der Initiativen, die wir alle im vergangenen Jahr erleben konnten. Jeder einzelne Datenpunkt auf der Karte repräsentiert ein Projekt; diese sind in unterschiedliche Typen eingeteilt, die von digitalen Kunstsammlungen über Social-Media-Initiativen über Online-Ausstellungen und Streamingangebote bis hin zu Online-Games oder für den Unterricht aufbereitete Inhalte reichen. Ein Klick auf den Datenpunkt öffnet eine Kurzbeschreibung, über einen weiterführenden Link können die Projekte erkundet werden. Die Bandbreite der von den Museen angestoßenen digitalen Initiativen ist beeindruckend.

Landkartenprojekt zu digitalen Museumsinitiativen.
Grafik: Helmut W. Klug/digitalmuseums.at

Im letzten Jahr hat die Pandemie die Museen dazu veranlasst, kreative Lösungen zu entwickeln, oft mit einem geringen Budget und unter schwierigen Bedingungen. Das Museumspublikum hat in einer schwierigen Zeit Erleichterung und Ablenkung gefunden, wenn es die digitalen Angebote der Museen genutzt, sich den Herausforderungen in den sozialen Medien gestellt und kreativ mit dem kulturellen Erbe auseinandergesetzt hat. Im Rahmen dieses Forschungsprojekts wurde versucht, einige dieser Aktivitäten zu erfassen, um eine Aufzeichnung dessen zu erstellen, was – vielleicht zu hoffnungsvoll – als "digitale Wende" im Museumsbetrieb bezeichnet wurde. 

Es ist heute noch zu früh, die zukünftigen Entwicklungen dieser Situation im Detail vorhersagen zu wollen. Aber es liegt ein immenses Potential in dieser neuen Beziehungen zum Publikum, in den neuen digitalen Inhalten und den neu entdeckten digitale Fähigkeiten, das in vielen Veranstaltungen thematisiert wird. Neben all dem Neuen müssen Museen und Museumsbetreiber aber auch herausfordernde persönliche, finanzielle und politische Situationen meistern und ganz generell die Art und Weise wie digitale Arbeit in den Museen von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern umgesetzt und wie diese vom Stammpublikum aufgenommen wird. Aus unserer Forschungsarbeit, können wir aber generell schließen, dass Digitales im Museum immer häufiger Teil der täglichen Arbeit und überaus produktiv sein wird. Ganz sicher aber werden vermehrt digitale Medienlösungen unsere Besuche im Museum bereichern und unsere Kontakte mit dem kulturellen Erbe abwechslungsreicher gestalten – sowohl direkt im Museum als auch online. (Chiara Zuanni, 23.12.2021)

Ars Electronica

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