Das Theatergenie bewahrte auch im Angesicht von Joseph Goebbels einen kühlen Kopf: Erwin Piscator (1893–1966).

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Zu den Long-Covid-Geschädigten der Pandemie gehört die Konfliktkultur. Der Unwille, sich über Fug und Unsinn der zu treffenden Corona-Maßnahmen respektvoll miteinander auszutauschen, pflanzt sich fort. Die Unlust, dem oder der Andersdenkenden zuzuhören, ist über den Umweg der Straße und des Parteibüros in die Sendestation hinübergesickert.

Soeben durfte man dem Rededuell lauschen, das sich FPÖ-Parteiobmann Herbert Kickl mit Puls-24-Infochefin Corinna Milborn zur besten Privatsendezeit lieferte. Er, der Gast, sprach seinem Gegenüber quasi die Fähigkeit ab, wahre Aussagen zu treffen. Das Klima des rhetorischen Fechtgangs ließ an Auseinandersetzungen in der Weimarer Republik denken. Kickl dehnte dazu die Vokale, wie man das schon einmal gehört zu haben meint.

Als bizarres Dokument eines eher friedfertigen Gesprächs zwischen Antipoden kann hingegen eine Episode aus der Weimar Republik dienen. Auf Initiative von Arnolt Bronnen (damals ein "National-Bolschewist") trafen einander zwei radikal unterschiedliche (Un-)Kulturleute im Oktober 1930 zum Streitgespräch: im Berliner Rundfunk.

Castorf des Zwischenkriegs

Der Theatermacher und bekennende Kommunist Erwin Piscator (1893–1966), eine Art Frank Castorf der Zwischenkriegszeit, begegnete vor dem Mikrofon dem Nazi-Demagogen Joseph Goebbels. Maximal kontrovers diskutiert wurde von den beiden die Frage, ob Kunst "national" (Goebbels) oder "international" (Piscator) ausgerichtet zu sein habe. Natürlich verfocht der braune Rheinländer seine krude völkische Verwurzelungstheorie. Piscator, höflich bis in die Fingerspitzen, konterte unter anderem mit Hinweisen auf Goethes Weltbürgertum.

Die Kontrahenten vom jeweils gegenüberliegenden Rand kamen auf keinen gemeinsamen grünen Zweig. Hellhörig und zugleich nachdenklich stimmen einen Piscators nachträgliche Aufzeichnungen. An des anderen "Gesicht" erkannte er "ein Menschengesicht, trotz des widerborstigen inneren Widerspruchs, trotz Unbehagen, Abwehr, physischer Widerwärtigkeit". Weiters lobte er an Goebbels den einnehmenden, "warmen Blick".

Als der Berliner Rundfunkintendant nach beendigter Diskussion ein gemeinsames Mahl vorschlug, lehnte Goebbels aus erwartbar widerwärtigem Grund ab. Der Radiochef war Jude. Doch der Obernazi reichte die Frage an den Regisseur weiter. "Piscator, wollen wir zusammen essen gehen?" Der Angesprochene setzte sein charmantestes Lächeln auf: "Aber ich gehe doch nicht mit Ihnen über die Straße, Herr Dr. G.!"

Vielleicht genügt es heute mitunter schon, mit manchen Impfgegnern gar nicht erst gemeinsam auf die Straße zu gehen. (Ronald Pohl, 16.12.2021)