Zu Beginn seiner Karriere musste sich Jakob Pöltl hinter Jonas Valanciunas (li.) anstellen, jüngst gelangen ihm gegen seinen Ex-Teamkollegen 24 Punkte und zwölf Rebounds.

Foto: AP/Abate

Jakob Pöltl sitzt zum Zeitpunkt des Gesprächs seit Stunden in einem Hotelzimmer in Sacramento. Im US-Bundesstaat Kalifornien grassiert natürlich immer noch Corona. "Es ist nicht so spannend", sagt Pöltl zum STANDARD, "ich hab mein Zimmer noch nicht verlassen, mal schauen, ob ich überhaupt rauskomme. Wir müssen vorsichtig sein." Grund zur Freude gibt es für den 26-jährigen Wiener abseits der Pandemie genug: Seine Leistungen in seiner mittlerweile sechsten Saison in der National Basketball Association (NBA) sind mehr als bemerkenswert, sorgen auch in Amerika für Furore.

Gegen die Los Angeles Clippers gelang dem Center der San Antonio Spurs mit 17 Punkten und elf Rebounds zuletzt sein achtes Double-Double in der aktuellen Spielzeit. Pöltl stand im Schnitt noch nie so viele Minuten pro Spiel auf dem Parkett (knapp 30), er holte noch nie so viele Rebounds (8,7) und verbuchte noch nie so viele Punkte (12,2) wie heuer. Er hat sein Offensivspiel mit schnellen, hohen Würfen aus drei bis vier Metern quasi perfektioniert, auch weil er den Ball nun viel öfter in die Hände bekommt. "Diese Würfe konnte ich früher auch schon, aber jetzt darf ich sie endlich öfter nehmen."

Pöltls 4,2 Offensiv-Rebounds pro Spiel sind Spitzenwert in der gesamten Liga. Dennis Rodman, der in den 90er-Jahren die NBA sieben Jahre in Folge als bester Rebounder anführte, studierte die Wurfkurven seiner Mitspieler und wusste, aus welchem Winkel der Ball vom Korb wegsprang. So weit geht Pöltl nicht, "dass ich zu Hause stundenlang Wurfvideos analysiere. Aber mit der Erfahrung kriegt man ein Gefühl für die Situation. Natürlich sehe ich sehr früh, ob die Würfe meiner Mitspieler kurz oder lang fliegen, dann kann ich aggressiv loslegen."

Genesen

Pöltls Leistungen sind umso erstaunlicher, als er Anfang November an Corona erkrankte und deshalb sieben Spiele verpasste. "Mir ist es ein paar Tage lang schlecht gegangen, es hat gedauert, bis ich wieder meinen Rhythmus gefunden habe. Ich habe von anderen Spielern gehört, dass sie das noch Monate später gespürt haben. Das ist bei mir glücklicherweise nicht der Fall."

Bei den San Antonio Spurs spürt der 2,16-Meter-Mann wachsende Wertschätzung, seine Meinung ist in Gesprächen über das Team, die Zukunft, das Spielsystem gefragt. "Meine Meinung hat Einfluss auf das Große und Ganze." Das Große und Ganze, das ist aber auch die Liga, die einem Aktienmarkt gleichkommt. Und da ist auch Pöltl nur Passagier. Das Geschehen an der Spielerbörse dreht sich immer schneller, der sportliche Wert mancher Akteure steigt und fällt innerhalb weniger Tage. Pöltl, das lässt sich sagen, ist mit einem Jahresgehalt von 8,75 Millionen Dollar ein Schnäppchen für die Spurs.

Was Pöltl wirklich wert ist

Amerikanische Basketball-Aficionados des Internetportals "hoopshype" haben Pöltls reellen Marktwert anhand seiner Statistiken ausgerechnet. Demnach müsste der Wiener fast das Doppelte verdienen. "Zurzeit bin ich unterbezahlt. Aber das stört mich nicht, ich habe deshalb keine schlaflosen Nächte. Wenn ich die Wahl habe zwischen Team A, wo die sportliche Situation besser passt, oder Team B, wo ich mehr Geld verdienen kann, werde ich mich immer für Team A entscheiden."

Einen sehenswerte Analyse von Jakob Pöltls Spiel.
Just A Kid From Germany

2022 kann Pöltl seinen Dreijahresvertrag vorzeitig verlängern, der läuft noch bis 2023 und bringt ihm insgesamt etwas mehr als 26 Millionen Dollar ein. Zum Vergleich: Brook Lopez, Center in Diensten der Milwaukee Bucks, kassiert für vier Jahre 52 Millionen Dollar. Das wäre für Pöltl nicht unrealistisch. "Natürlich will ich meinen Wert auch bezahlt bekommen." Auch für Tauschgeschäfte steht der Wiener hoch im Kurs. Pöltl wird als etwaiger Neuzugang für Teams gehandelt, die auf der Center-Position Nachrüstungsbedarf haben – wie der Titel-Mitfavorit Brooklyn Nets.

Unterschätzt

In Fankreisen wird Pöltl nach wie vor unterschätzt. "Mein Spielstil ist nicht besonders flashy, ich bin nicht laut und damit vom Typ her genau das Gegenteil von dem, wonach Basketballfans gieren. Aber die Fachleute in der Liga wissen meinen Wert zu schätzen. Das ist es, was für mich zählt."

Hilfreich auf dem Karriereweg ist für Pöltl sein kontrolliertes Spiel, seine eingebaute Ego-Bremse. Er ist er der Traum jedes Trainers, konzentriert sich auf dem Parkett auf die Dinge, die er kann: "Ich hab mich schon als Kind nicht wohlgefühlt, wenn ich irgendeinen Blödsinn da draußen aufführe. Du brauchst aber auch Spieler, die verrückte Würfe nehmen und heiß laufen. Ein gutes Team verfügt über verschiedene Spielertypen."

Nach wie vor ein großes Problem sind die Freiwürfe. Bei 55 Versuchen verwandelte Pöltl in dieser Saison bis dato nur 20, das ergibt eine verheerende Quote von 36,5 Prozent, damit ist Pöltl das Liga-Schlusslicht. Er arbeitet mit einer Schar an Assistant-Coaches, ist offen für Mentaltraining. Ein ambitioniertes Ziel wären 60 Prozent, das hatte Pöltl in seinen ersten beiden NBA-Jahren schon einmal geschafft. Das würde auch den Spurs helfen, ihr designiertes Ziel, das Playoff, zu erreichen. Gegen die Los Angeles Lakers gab es in der Nacht auf Freitag einen souveränen 138:110-Auswärtssieg. Die Bilanz der Spurs: dreizehn Siege und 18 Niederlage. Das bedeutet derzeit Platz zehn im Westen und damit einen Qualifikationsplatz für das Play-In-Tournament, wo vier Teams um die letzten beiden Play-off-Plätze kämpfen. Pöltl: "Es gibt noch viel zu tun." (Florian Vetter, 24.12.2021)

NBA-Ergebnisse vom Donnerstag:

Los Angeles Lakers – San Antonio Spurs 110:138
(8 Punkte in 20:59 Minuten von Jakob Pöltl)
Indiana Pacers – Houston Rockets 118:106
Orlando Magic – New Orleans Pelicans 104:110
Philadelphia 76ers – Atlanta Hawks 96:98
Miami Heat – Detroit Pistons 115:112
New York Knicks – Washington Wizards 117:124
Dallas Mavericks – Milwaukee Bucks 95:102
Denver Nuggets – Charlotte Hornets 107:115
Phoenix Suns – Oklahoma City Thunder 113:101
Utah Jazz – Minnesota Timberwolves 128:116
Golden State Warriors – Memphis Grizzlies 113:104
Portland Trail Blazers – Brooklyn Nets verschoben