Eine Kompressorstation an der Pipeline Jamal: Derzeit fließt kein russisches Gas durch die Leitung westwärts.

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Die Strompreise haben Dienstagabend einen kräftigen Satz nach oben gemacht. Um 17 Uhr wurden auf den europäischen Großhandelsmärkten, wo sich Stromhändler und Industriebetriebe eindecken, in der Spitze Preise von 620 Euro je Megawattstunde (MWh) gesehen, das sind 62 Cent je Kilowattstunde (kWh) und damit beinahe doppelt so viel wie normalerweise in diesen Wochen.

Für Johannes Mayer, Leiter der Abteilung Volkswirtschaft in der E-Control, erklärt sich der Preissprung durch den ebenfalls sehr hohen Gaspreis von etwa 150 Euro pro MWh.

Um eine MWh Strom zu erzeugen, braucht es etwa zwei MWh Gas. "Wird ein Kraftwerk nur kurz rauf- und dann wieder runtergefahren, um den Strombedarf in diesem engen Zeitfenster abzudecken, ist das sehr teuer", sagte Mayer im Gespräch mit dem STANDARD. Das teuerste Kraftwerk, das am Netz ist, bestimmt den Preis aller anderen.

Probleme bei französischen AKWs

Kommt hinzu, dass am Mittwoch 17 von 56 Atomkraftwerken in Frankreich wegen Revisionsarbeiten oder sonstigen Problemen nicht am Netz waren und viel Strom importiert werden musste. Das und die Tatsache, dass die Gaszufuhr über die Pipeline Jamal nach Europa unterbrochen ist, verstärkt die Nervosität laut Mayer zusätzlich. Derzeit kommt Gas in Polen nur über Rücklieferungen aus Deutschland an. Hatte Gazprom bis Oktober die Kapazitäten der Pipeline in einem Jahresvertrag gebucht, ist das Unternehmen im Herbst auf Monatsverträge und im Dezember dann nur noch auf Tagesbuchungen umgestiegen. Dabei sinken seit 17. Dezember die täglich gebuchten Kapazitäten, am Dienstag bestellte Gazprom dann gar nichts mehr.

Kremlsprecher Dmitri Peskow dementierte, dass Gazprom damit die Zertifizierung der Ostseepipeline Nord Stream 2 forcieren wolle, an der auch die OMV beteiligt ist. Es gehe um kommerzielle Fragen, die nichts mit Nord Stream 2 zu tun hätten.

Teures Gas treibt Strompreise

Stanislaw Mitrachowitsch, Experte des Kreml-nahen Fonds für nationale Energiesicherheit, begründete den Lieferverzicht mit fehlenden Bestellungen aus Europa. Da es keine langfristigen Verträge mehr gebe, müssten Käufer das Gas zu den hohen Spot-Preisen erwerben, und viele würden das nicht wollen.

Nachrichten über den Lieferausfall sowie die Weigerung Gazproms, im Jänner zusätzliche Kapazitäten zu buchen, haben die Gaspreise auf dem europäischen Gasmarkt zusätzlich in die Höhe getrieben. Am Dienstag erreichte der Gaspreis an der Londoner Börse ICE mit über 2000 Dollar für 1000 Kubikmeter einen historischen Höchststand. Aufgrund der niedrigen Füllstände der unterirdischen Gasspeicher ist unklar, ob Europa über den Winter kommt. Wird der Winter kalt, wird es mit der Versorgungslage kritisch. (André Ballin aus Moskau, Günther Strobl, 21.12.2021)