Spiel, Spaß und viel Zuwendung: Nicht immer können sie den Kindern das geben, beklagen Pädagoginnen – und prangern Missstände im Kindergarten an.

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In den Köpfen der meisten Eltern existiert wohl eine Art Idealbild vom Kindergarten, das so ähnlich aussehen könnte: Eine Gruppe von Kindern sitzt friedlich im Kreis zusammen und singt Lieder, stapelt Holzbausteine aufeinander oder schneidet Sterne aus Papier aus. Die Pädagogin ist sanft lächelnd zur Stelle, wenn eine Nase geputzt werden muss, ein Schnulli auf den Boden fällt oder, um aus einem Buch vorzulesen. Es ist ein idyllisches Bild, voller Harmonie und liebevoller Zuwendung. Ein kleines Bullerbü, eine heile Welt.

Mit der Realität dürfte dieses Bild wenig zu tun haben. Im Oktober des Vorjahres demonstrierte das Wiener Kindergartenpersonal gegen die schlechten Bedingungen im Kindergarten. Die Belastung sei zu hoch, zu wenige Pädagoginnen seien für zu viele Kinder verantwortlich. Wie sehr die Menschen in diesem Beruf am Limit sind, zeigen auch die Gespräche, die DER STANDARD geführt hat. Darin war die Rede von der Unmöglichkeit, allen Kindern die Aufmerksamkeit zu geben, die sie eigentlich benötigen würden. Die Rolle der ersten Bildungsinstitution, die der Kindergarten sein soll, kann er aus der Sicht unserer Befragten nur unzureichend erfüllen.

"Im Dauerstress"

"In den Kindergärten herrscht oft eine extreme Massenhaltung", kritisiert eine junge Frau, die gewillt ist, die Missstände publik zu machen – aber nur, wenn sie anonym bleibt. Julia K. hat bereits in privaten und öffentlichen Kindergärten in Wien gearbeitet und ist dort für Null- bis Dreijährige zuständig. Ihr größter Kritikpunkt: der Betreuungsschlüssel. Bei den Kleinkindern sind zwei bis vier Erwachsene für rund 15 Kinder verantwortlich, "wobei man die meiste Zeit zu zweit ist".

Sie sei "im Dauerstress", könne sich um die 15 Kinder oft "nicht einmal richtig kümmern", sagt die junge Frau. "Wir kommen einfach nicht dazu, mit ihnen zu spielen, ihnen ein Buch vorzulesen, oder zu anderen Dingen, die man mit Kindern in dem Alter eigentlich ständig machen würde. Wir sind nur am Pflegen, Wickeln, Füttern und Fläschchenzubereiten."

Teilweise könnten sie und ihre Kolleginnen nicht einmal die Aufsichtspflicht gewährleisten: Wenn eine Pädagogin ausfällt – und das könne bei den grassierenden Kindergartenkeimen schnell passieren –, müsse eine andere manchmal zwei Gruppen gleichzeitig betreuen. Die Kinder sind dann zeitweise mit der Assistentin allein. "Das ist natürlich ein Problem, weil die Pädagogin verantwortlich ist, wenn etwas passiert, aber vielleicht nicht einmal dabei war." Es sei also kaum möglich, die Kinder die ganze Zeit über adäquat zu behüten, geschweige denn, sie zu fördern. Was K. jedoch am meisten belastet: "Dass wir nicht einmal alle trösten können."

Brüllen wie am Spieß

Besonders besorgniserregend ist für sie die Situation bei den ganz Kleinen. Die Kinder, die kommen, würden immer jünger – das jüngste in ihrem Kindergarten sei derzeit zehn Monate alt. In diesem Alter seien viele noch nicht bereit für diesen Schritt, sagt K. Bei der Eingewöhnung hätten sie "dieses starke Gefühl des Verlassenwerdens, das Existenzängste auslöst. Sie brüllen wie am Spieß vor lauter Verzweiflung." Anders als älteren Kindern könne ihnen noch nicht erklärt werden, dass Mama und Papa nicht für immer weg sind, sondern wiederkommen. Den Eltern die Situation klarzumachen sei schwer. "Sie sehen oft den Fehler bei uns und stellen uns als schlechte Pädagoginnen dar." Dabei sei es einfach nicht möglich, den Säuglingen und Kleinkindern das Maß an Liebe, Zuwendung und Aufmerksamkeit zu geben, das sie brauchen.

"Wir haben an manchen Tagen jeweils zwei weinende Kinder am Arm. Am Boden liegen aber noch mehr, die wir nicht mehr trösten können. Das macht extrem hilflos."
(Anonyme Kindergartenpädagogin)

Oftmals stecke ein weinendes Kind die anderen an – eine Situation, die die Pädagogin an ihre Grenzen bringt. "Wir haben an manchen Tagen jeweils zwei weinende Kinder am Arm. Am Boden liegen aber noch mehr, die wir nicht mehr trösten können. Das macht extrem hilflos." Zu der seelischen Belastung kämen Rückenprobleme vom vielen Tragen. Manche ihrer Kolleginnen, die länger im Beruf sind, hätten wegen des Geräuschpegels auch mit Hörproblemen zu kämpfen.

Mit Herzblut dabei

Das sind Zustände, die so manche an ihrer Berufswahl zweifeln lassen. Und dabei seien die meisten mit Herzblut dabei, sagt Askania Weichselbaum. Sie ist pädagogische Leiterin des Kindergartens Wienerbergzwerge und weiß um die Anforderungen des Berufs. "Es ist kein leicht verdientes Geld, man muss die Arbeit mit Kindern lieben, man muss diesen Job lieben." Fünf Minuten Ruhe gibt es selten, chaotische Situationen prägten den Arbeitsalltag: Ein Kind macht sich in die Hose, ein anderes malt mit einem Stift die Wand an, zwei weitere beginnen zu raufen. Das erfordert volle Konzentration und Präsenz. "An Tagen, an denen man schlecht geschlafen oder Kopfweh hat, muss man das möglichst überspielen, weil kleine Kinder keine Rücksicht nehmen und sagen: Ich bin heute brav, weil es der Pädagogin nicht so gut geht."

"Es ist kein leicht verdientes Geld, man muss die Arbeit mit Kindern lieben, man muss diesen Job lieben."
(Askania Weichselbaum, leitende Kindergartenpädagogin)

Bei gleichbleibendem Gehalt würden die Anforderungen immer höher. "Seit einigen Jahren sind für uns Fortbildungen vorgeschrieben – es ist aber nicht geregelt, wo sie zu machen sind und wer sie bezahlt", kritisiert Weichselbaum. "Wir sollen die Kinder individuell und bedürfnisorientiert betreuen, und das entsprechend ihrer Entwicklung. Das bedeutet, man muss sich mit jedem Kind genau auseinandersetzen." Dafür sei jedoch schlichtweg nicht ausreichend Zeit.

Nicht allen gerecht werden

Dass es gar nicht möglich ist, allen Kindern gerecht zu werden, merkt auch eine Kärntner Pädagogin. Ihre Ausbildung, das zweijährige Kolleg für Elementarpädagogik in Wien, habe ihr gut gefallen, "weil das Kind und was für das Kind wichtig ist, im Mittelpunkt gestanden ist". Als sie in den Beruf eingestiegen ist, habe sie allerdings erkannt, dass sie das Gelernte gar nicht umsetzen kann. "Das erste Jahr war für mich schon ein Schock", erzählt die junge Frau, die zwei Jahre in einem Privatkindergarten in Wien gearbeitet hat und nun in Kärnten bei einem öffentlichen tätig ist. Gemeinsam mit einer Zweiten kümmert sie sich um 25 Kinder zwischen drei und sechs Jahren und sagt: "Man muss die Augen überall haben. Manchmal geht es auch einfach nur darum, zu schauen, dass sich niemand wehtut."

Besonders stressige Situationen seien das Mittagessen, wo vielen Kindern noch geholfen werden müsse, oder die Kleinen zum Rausgehen dick anzuziehen. "Bis wir mit allen fertig sind, dauert es eine halbe Stunde. Danach ist man erledigt." Sie möge ihren Job, sagt die Kärntnerin, wünsche sich aber andere Bedingungen – etwa kleinere Gruppengrößen. Das würde auch den Kindern besser entsprechen, ist sie überzeugt.

Die Kritikpunkte einer Pädagogin in Salzburg sind ähnlichlautend. Zu zweit 25 Kinder zu umsorgen und zu fördern "ist einfach nicht machbar". Noch dazu sei sie im Vorjahr über vier Wochen lang mit allen allein gewesen – die Kollegin war krank. "Es bräuchte zwei zusätzliche Pädagoginnen in jeder Gruppe, damit es ertragbar ist, wenn eine ausfällt", sagt die Salzburgerin.

Liebevolle Blicke

Dass es dringend mehr Personal bräuchte, sagt auch Martina Seda, Kindergartenleiterin und Obfrau des Dachverbandes der Wiener Privatkindergärten. Das scheitere einerseits am Geld, andererseits daran, dass immer weniger junge Frauen und Männer den Beruf ergreifen wollen, weil sie mit den Rahmenbedingungen nicht einverstanden seien. "Oftmals stellen wir uns die Frage: Wie schaffen wir die Tage? Und wie können wir den Kindern das bieten, was wir uns vorgenommen haben?", sagt Seda. "Die Kolleginnen und Kollegen müssen so viel Idealismus mitbringen, um all den Anforderungen gewachsen zu sein. Es wundert einen daher gar nicht, wenn manchmal der Idealismus schwindet."

"Die Kolleginnen und Kollegen müssen so viel Idealismus mitbringen, um all den Anforderungen gewachsen zu sein. Es wundert einen daher gar nicht, wenn manchmal der Idealismus schwindet."
(Martina Seda, Kindergartenleiterin)

Zum Glück bekomme man von den Kindern viel zurück – liebevolle Blicke oder eine Umarmung. "Ohne das hätten wahrscheinlich viele mehr längst das Handtuch geworfen." (Lisa Breit, 15.1.2022)