"Jemand, der sich als Held gebärdet, will gar keine Gleichheit, sondern er will bestimmen. Solche politische Auffassungen können Demokratien destabilisieren": Lisz Hirn.

Foto: Regine Hendrich

Ob junge Heroes in Politik, Wirtschaft, Sport oder Kultur, ob Menschen des Jahres, ob Achilles oder Odysseus: Mit Helden aller Art hat sich Lisz Hirn zuletzt viel beschäftigt. Ihre eigene Heldentat? Langsam gehen.


STANDARD: Sie sind studierte Philosophin und waren eine Zeit lang in Kathmandu an der Uni. Was hat Sie nach Nepal verschlagen?

Hirn: Abenteuerlust und eine Gesangsausbildung. Ich wollte nordindische Kunstmusik machen und der Spezialist dafür unterrichtet dort, ein Nachfahre des letzten Hofmusikers am nepalesischen Königshof. Daneben war ich an der Medienfakultät als Dozentin zu Gast.

"Jemand, der sich als Held gebärdet, will gar keine Gleichheit, sondern er will bestimmen. Solche politische Auffassungen können Demokratien destabilisieren.": Liz Hirn zu Heroes in der Demokratie.
Foto: Regine Hendrich

STANDARD: Auch auf Berge gestiegen und körperliche Heldentaten vollbracht?

Hirn: Es war eher eine mentale Heldentat: Ich neige dazu, viel zu schnell zu gehen und bei den langen Touren in großer Höhe wie auf der Annapurna-Runde musste ich mich wirklich zügeln.

STANDARD: Ihre Heldentat: Verlangsamung?

Hirn: Gewissermaßen. Ich musste lernen, auch Pausen auszuhalten.

STANDARD: Ich möchte mit Ihnen über Helden sprechen, um die geht es in Ihrem jüngsten Buch "Wer braucht Superhelden". In der Politik sind die ja omnipräsent, Stichwort Trump oder Erdogan. Bei uns wird Herbert Kickl zum Helden der Corona-Leugner und Impfgegner. Wie sehr hängen Populismus und Superheldentum zusammen?

Hirn: Das Heldentum hat eine gewisse Verführungsmacht, weil es auch gegen Hierarchien ankämpft. Da gibt es jemanden, der hat übermenschliche Kraft und traut sich gegen Etabliertes anzukämpfen: Das erzeugt Attraktivität, das zieht gut. Das gibt es auch in Sport und Kunst, aber in der Politik haben das Wirken dieser Helden und ihre Entscheidungen Folgen für alle, nicht nur für ihre Anhänger.

STANDARD: Ist das den Anhängern bewusst?

Hirn: Gute Frage. Die Inszenierung des heldischen Mannes, die Idee, jemand Starken zu haben, der sagt, wo’s lang geht, das ist der FPÖ und eher rechten Parteien schon sehr stark ins Mark geschrieben. Der Anhängerschaft scheint das zum Teil auch bewusst zu sein, denn sie stellt hohe Anforderungen an ihre Helden. Der Held muss "Übermenschliches" vollbringen – und das kann auch negativ instrumentalisiert werden. An den Heldinnen der Arbeit sieht man das: Sie sind in Positionen, in denen sie ganz und gar nicht bewundert werden oder den Anstrengungen und Risiken gemäß bezahlt werden. Da sie die Politik nun aber zu "Heldinnen" macht, gilt auch für sie die Erwartungshaltung, sich aufopfern zu müssen. Finanzielle Anerkennung oder Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen? Mit dem temporären Klatschen hatte es sich’s auch schon.

"Heldisch inszenierte Männer und die Idee, jemanden zu haben, der sagt, wo's lang geht", das sei der FPÖ sehr stark ins Mark geschrieben, so Hirn. Hier FPÖ-Chef Herbert Kickl auf einer Corona-Demo.
Foto: Imago/Sepa/Isabelle Ouvrard

STANDARD: Die Proteste von Corona-Leugnern und Impfgegnern fußen wohl auch auf falschen Versprechungen unserer Politikhelden, die die Pandemie im Sommer für beendet erklärt haben?

Hirn: Falsche Versprechungen oder gebrochene Versprechen erregen immer den Zorn der Enttäuschten. Jeder Held kann irgendwann Versprechungen nicht mehr halten, gibt Kräfte vor, die er nicht hat oder stürzt über die eigene Hybris. Falsche Versprechungen haben auch dazu geführt, dass die türkise Heldenreise von Sebastian Kurz jetzt schon ein Ende fand. Vor allem aber steht derzeit der Habitus von Politikern im Fokus. Jemand, der sich als Held gebärdet, will außerhalb der Ordnung stehen, der will gar keine Gleichheit, sondern weiter oben stehen als die anderen und bestimmen. Solche politische Auffassungen können Demokratien destabilisieren.

STANDARD: Sebastian Kurz wurde mit 25 Staatssekretär, mit 31 Kanzler, jetzt, mit 35, ist seine Politikerkarriere dahin. Ist es nicht klar, dass so ein raketenhafter Aufstieg rasch endet?

Hirn: Zumindest birgt er ein großes Risiko für den Aufsteiger. Irgendwann muss der Held fallen, irgendwann wird er geopfert. Spätestens, wenn er seine Versprechungen, die Partei in immer lichtere Höhen zu führen, nicht mehr einlöst.

Dass Kurz' "türkise Heldenreise jetzt schon ein Ende fand", führt die Philosophin auf falsche Versprechungen zurück. Hier: Kurz am ÖVP-Parteitag Ende August 2021, auf dem er mit 99,4 Prozent als Parteichef bestätigt wurde.
Foto: Imago/Sepa/Martin Juen

STANDARD: Wusste Kurz nicht, dass Heldengeschichten so enden?

Hirn: Schwer zu sagen. Hannah Arendt hat einmal analysiert, warum ein Held tut, was er tut, obwohl er weiß, dass er stirbt oder geopfert wird. Da gibt es unterschiedliche Ansätze, manchen reicht es, dass ihr Name unsterblich wird, manche gewöhnen sich schlicht an die Macht und werden durch sie korrumpiert. Oder die Mission wird zu ihrer Obsession.

STANDARD: Emotionen sind bei diesen Menschen nicht gefragt, die stören nur?

Hirn: Ja, die Oberflächen müssen glatt sein, Gefühle stören und bremsen nur und machen angreifbar, was in der Politik gar nicht geht. Wobei da bei Männern zum Teil viel rigidere Maßstäbe angelegt werden als bei Frauen. Das betrifft die Rollenbilder ebenso wie die das spezielle Männlichkeitsbild für Kleidung, Outfit und Haare – da gibt es auch heute noch einen großen sozialen Druck, wie Männer auszusehen haben. Da hat sich die Gesellschaft kaum bewegt, da sind wir immer noch sehr unflexibel: Bei uns ist es tatsächlich ein Thema, wenn ein Minister längere Haare hat.

STANDARD: Sie haben einmal gesagt, ein Held bleibe man für die Ewigkeit. Ist das so wie mit James Dean, der ewig schön und 24 bleibt?

Hirn: Ein früher Tod kommt dem Helden natürlich entgegen, denn mit der Lebensdauer hat man das Risiko auch zu desillusionieren. Das Alter ist der Feind des Heldischen.

STANDARD: Das haben sich Sebastian Kurz und seine Vertrauten erspart.

Hirn: Ja, da gibt es einige junge Ex-Helden.

STANDARD: Auch in der Wirtschaft werden immer wieder Heroes gekürt. Warum braucht es diese Bewunderung?

Hirn: Das ist vielleicht etwas zutiefst Menschliches. Zu beobachten und sagen zu können, "Der hat es geschafft", das hat auch etwas Beruhigendes und kann ein Ansporn sein: Zu träumen, dass man es auch schaffen könnte.

Wirecard und sein Vorstandschef, der Österreicher Markus Braun, legte einen steilen Aufstieg hin – und stürzten ins Bodenlose.
Foto: AP/Matthias Schrader

STANDARD: Wenn die Manager dann abstürzen: Fühlen sich ihre einstigen Fans dann selbst größer?

Hirn: Das ist der Vorteil der "Normalsterblichen": Sie können nicht so tief fallen, vor allem nicht vor so viel Publikum. Denn die Stürze, die wir zuletzt gesehen haben, die sind schon sehr tief.

STANDARD: Der neue österreichische Bundeskanzler ist Leutnant, einer der Chefs der Corona-Koordinationsgruppe "Gecko" Generalmajor. Er will seinen Feind, das Virus, im Tarnanzug besiegen. Kommen nach den jungen die militärischen Helden, die Kriege führen?

Hirn: Eine Krankheit ist kein Feind, wir führen keinen Krieg, sondern haben es mit einem Virus zu tun, das sich reproduziert. Der lohnende Ansatz wäre, es mit wissenschaftlichen Mitteln zu bekämpfen. Vielleicht soll mit dem militärischen Touch suggeriert werden, dass wir die Lage unter Kontrolle haben – was aber neue Enttäuschungen produzieren könnte.

STANDARD: Sie mahnen Supervernunft statt Superhelden ein. Zweifeln Sie bei Ihren Welt-Beobachtungen nicht ab und zu an der Vernunftbegabung des Menschen?

Hirn: Oh doch, oft auch an meiner eigenen. Aber Begabung heißt ja nur, dass man die Befähigung hätte, nicht, dass man sie zur Anwendung bringt. Vernünftig ist, wer die Bereitschaft hat, Fehler zu korrigieren, neue Erkenntnisse zu akzeptieren und seine Meinung – wenn nötig – zu ändern. Da ist aber noch Luft nach oben.

STANDARD: Lassen Sie mich die Philosophin bitte noch fragen: Worum gehts im Leben?

Hirn: Die schwerste Frage am Schluss. Es geht darum, dem Leben einen Sinn abzuringen, den es an sich nicht hat. (Renate Graber, 25.12.2021)