Die alten Wohnanlagen der Kanaltalersiedlung in Villach wurden als erstes großes Umwandlungsprojekt durch neue, zeitgemäße Wohnblöcke ersetzt.

Foto: LWBK

Was machen mit den alten desolaten Nachkriegswohnbauten? Die Sanierung samt Wärmedämmung ist nicht nur aufwendig, sondern auch besonders kostenintensiv, was sich wiederum auf die Mieten auswirkt. Oft würde es sich lohnen, statt groß zu sanieren, die Gebäude abzureißen und neu zu bauen. In Nachbarländern wie der Schweiz eine schon länger praktizierte Variante. In Österreich ist dies allerdings für heimische Bauträger recht kompliziert, da die Mieter einem Neubau zu einhundert Prozent zustimmen müssen.

In Kärnten probiert es die Landesgesellschaft Landeswohnbau Kärnten (LWBK) seit einiger Zeit dennoch. "Wir müssen natürlich bei jedem Projekt enorme Überzeugungsarbeit leisten, mit allen Mietern lange reden, aber im Nachhinein sind, so meine Erfahrung, alle extrem zufrieden", sagt der Geschäftsführer der Wohnbaugesellschaft LWBK, Harald Repar.

Reconstructing

Die Bauidee nennt sich "Reconstructing" und bedeutet, dass die alten Häuser, die an sich kaum oder nicht mehr saniert werden können, abgerissen und an Ort und Stelle neu errichtet werden. "Eine Generalsanierung der Nachkriegsbauten kostet tatsächlich so viel mehr, als das Haus neu zu bauen. Außerdem hat es den Vorteil, dass das neue höher gebaut und mehr Wohnraum geschaffen werden kann. Und auch die Grünflächen erhalten bleiben", sagt Repar.

Endlich ein Balkon

Wenn möglich, wird der Neubau in räumlicher Nähe zum alten Wohnhaus errichtet. Die alten Mieterinnen und Mieter können praktisch zuschauen, wie ihr neues Heim mit eigenem Keller, Balkon, größerer Küche hochgezogen wird. Wenn das neue Haus beziehbar ist, wird das alte abgerissen und ebenfalls neu aufgebaut. So wird step-by-step eine ganze Siedlung neu gestaltet.

Aber die Kosten für die Mieter? Harald Repar rechnet vor: "Wenn jemand früher summa summarum 800 Euro für alles gezahlt hat, sind es jetzt vielleicht 860, wobei jetzt eine Tiefgarage, ein Lift, ein Balkon und eine zeitgemäße Heizung inkludiert sind. Früher mussten viele Mieter oft noch mit Holz oder einem Elektrostrahler heizen. Und das ging ins Geld."

Voraussetzungen für eine "reconstructed" Wohnanlage ist freilich das Einverständnis aller Mieter. "Niemand trennt sich gerne von seiner alten, lieb gewordenen Wohnung. Auch wenn sie in die Jahre gekommen ist. Aber unsere Erfahrungen sind, dass die Menschen dann, wenn sie die Wohnung mit einer Dusche, super Heizung und Balkon beziehen, nie mehr in die alte Wohnung zurückwollen. Sie bleiben ja auch in der gewohnten Umgebung."

Proteste

Ganz friktionslos laufen die Reconstruction-Projekte freilich nicht ab. Beim ersten großen Vorhaben in der Kanaltalersiedlung in Villach gab es erhebliche Widerstände, die auch von der Architekturszene mitgetragen wurden. Es ging um das Argument der Erhaltung der zeitgeschichtlichen Bausubstanz. Mit dem Abriss verschwinde ein Stück Geschichte, "dafür bekommen wir charakterlose Blöcke", hieß es.

Die Wogen verebbten, und man sei den Kritikern letztlich insofern entgegengekommen, sagt Repar, dass künftig nur jene Wohnhäuser ins Reconstruction-Programm aufgenommen werden, "wenn eine Sanierung nicht mehr möglich ist".

Äpfel und Ribisel

Bisher wurden in Kärnten Reconstruction-Siedlungen in Villach, Spittal und Wolfsberg realisiert, demnächst kommen Wohnbauten in Friesach und Radenthein dran.In Summe werden in Kärnten bis 2023 rund 43 Millionen Euro in die Errichtung von 430 "reconstructed" Wohnungen investiert. Dabei werden laut Repar natürlich prinzipiell nachhaltige Baustoffe und Dämmmaterialien eingesetzt.

Ebenso werde auf die Grünraumgestaltung gesondert Wert gelegt. "Wer will, kann natürlich auch Apfelbäume oder Ribiselsträuche anpflanzen", sagt Repar. Die Bewohner und Bewohnerinnen sollen jedenfalls Ideen für die Gestaltung und Bepflanzung ihrer neuen Wohnung einbringen. (Walter Müller, 23.12.2021)