Die meisten Menschen in Österreich feiern Weihnachten – viele andere religiöse Fest aber nicht.

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Warum wir zu Weihnachten freihaben, weiß jedes Kind. Aber was wird zu Allerheiligen noch einmal gefeiert? Zu Fronleichnam? Und wer weiß schon, was zu Pfingsten passiert ist?

Rund 50 Prozent der Deutschen wussten es bei einer Umfrage aus dem Jahr 2009 jedenfalls nicht. Aktuellere Daten oder solche aus Österreich gibt es nicht – doch das Wissen rund um religiöse Feiertage dürfte hierzulande recht ähnlich groß sein wie in Deutschland. Feiertage scheinen ihre wörtliche Bedeutung verloren zu haben – denn gefeiert wird an den gesetzlich freien Tagen, mit Ausnahme vielleicht von Ostern, Weihnachten und Neujahr, in den meisten Haushalten nicht.

Denn immer weniger Menschen in Österreich sind katholisch. 64 Prozent waren es im Jahr 2016, in Zukunft werden es wohl noch weniger sein. Das Vienna Institute for Demography hat unterschiedliche Szenarien durchgerechnet – in allen werden Katholiken bis 2046 die absolute Mehrheit verlieren, in Wien gehört schon heute nur mehr ein Drittel der katholischen Kirche an. Dazu kommt, dass nicht alle Menschen, die einer Religionsgemeinschaft angehören, wirklich religiös sind.

Und trotzdem sind von den 13 gesetzlichen Feiertagen in Österreich nur zwei nicht christlich konnotiert: der Staatsfeiertag am 1. Mai und der Nationalfeiertag am 26. Oktober. Ist das noch zeitgemäß?

Es gibt immer etwas zu feiern

Man stelle sich etwa das Jahr 2025 vor: Einmal angenommen, wir hätten die meisten religiösen Feiertage abgeschafft und durch "weltliche" ersetzt. Statt der "unbefleckten Empfängnis" am 8. Dezember feiern wir den Tag der Menschenrechte am 10. Dezember, statt Fronleichnam einen Umwelttag oder den Weltfriedenstag, oder wir gedenken Ende Jänner der Opfer des Holocaust. Warum nicht einen Tag der modernen Medizin einführen, der jedes Jahr nach hinten verschoben wird – je nachdem, um wie viel die Lebenserwartung in der Zweiten Republik bisher gestiegen ist? Ein Blick auf die lange Liste der Welt- und Aktionstage zeigt: Es gibt immer einen Grund zu feiern.

Andere Staaten zeigen es bereits heute vor: In Japan gibt es kaum religiöse Feiertage, dafür wird dort der Frühlingsanfang, der Tag des Meeres, des Grüns oder des Sports gefeiert. In Berlin ist der Internationale Frauentag seit 2019 ein gesetzlicher Feiertag, Schweden schaffte den Pfingstmontag bereits 2005 zugunsten eines Nationalfeiertags ab. Luxemburg und der Kosovo wiederum haben sich den Europatag am 9. Mai freigenommen.

Feiertage als Politikum

"Es wäre ethisch gesehen natürlich ein moderneres Konzept, die religiösen Feiertage abzuschaffen und stattdessen Tage einzuführen, die für die Bevölkerung wirklich wichtig sind", sagt die Demokratieforscherin Daniela Ingruber von der Donau-Universität Krems zum STANDARD. Das könnte auch helfen, dass sich nichtchristliche Menschen weniger ausgeschlossen fühlen.

Nur: Wer entscheidet, was wirklich wichtig ist? Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass Feiertage von jeher ein Politikum sind. Als 1967 ein Nationalfeiertag gesucht wurde, war zunächst etwa der 12. November, der Gründungstag der Ersten Republik, in Diskussion. Die ÖVP war dagegen, weil der Tag zu sehr mit dem 1918 regierenden Sozialdemokraten Karl Renner in Verbindung stand.

Die SPÖ war wiederum gegen den 15. Mai, den Jahrestag des Staatsvertrags – schließlich trug das Dokument die Unterschrift von ÖVP-Außenminister Leopold Figl. Letztlich einigte man sich auf den 26. Oktober als neuen Nationalfeiertag. Die offizielle Erzählung ist, dass an diesem Tag die letzten ausländischen Soldaten das Land verließen. Das ist zwar historisch nicht ganz korrekt, aber was zählte, war, dass der Tag parteipolitisch unbelastet war.

Persönlicher Feiertag als langsame Sekulärisierung

Den jüngsten Feiertagsstreit gab es dann 2019. Damals musste die türkis-blaue Regierung handeln, denn der Europäische Gerichtshof (EuGH) hatte die bisherige Regelung, die nur Angehörigen bestimmter Kirchen einen Feiertag zugestand, beanstandet. Heraus kam ein persönlicher Feiertag für alle, der allerdings vom Jahresurlaub abgezogen wird.
Stefan Schima, Religionsrechtler an der Universität Wien, sieht darin zwar "einen Schritt in Richtung Säkularisierung des Feiertagsrechts". Der Großteil der Feiertage bleibe aber trotzdem christlichen Ursprungs. Rein rechtlich gesehen gehe das – vorläufig – auch in Ordnung. "Aber der österreichische Staat ist gemahnt, auf die demografische Entwicklung Rücksicht zu nehmen", sagt er insbesondere in Hinblick auf den schrumpfenden Anteil der Katholiken in Österreich.

In Japan gibt es kaum religiöse Feiertage – dafür Feste wie den "Children's Day".
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Ganz so einfach abschaffen oder verlegen könne man die religiösen Feiertage aber ohnehin nicht. Denn der Großteil der Feiertage ist im Konkordat mit dem Heiligen Stuhl von 1933 verankert. Für gröbere Änderungen müsste die Regierung also erst auf völkerrechtlicher Ebene mit dem Papst verhandeln. Nur beim Ostermontag, beim Pfingstmontag oder beim 26. Dezember hätte Österreich freie Hand. "Aber wer die Weihnachtsfeiertage anfasst, wird den Unmut der Bevölkerung auf sich ziehen", sagt Schima.

Weniger Arbeit durch die Hintertür

Auch die Politikwissenschafterin Ingruber glaubt, dass an der Feiertagsordnung in Österreich so bald nicht gerüttelt wird. "Die meisten Menschen nehmen die Feiertage als ein Bürgerrecht wahr und weniger als religiöses Fest", sagt sie. Debatten über die Abschaffung oder Umlegung von Feiertagen werden schnell emotional, weil Menschen das Gefühl hätten, dass man ihnen etwas wegnehme.

Die 2019 vom damaligen Präsidenten der Industriellenvereinigung (IV), Georg Kapsch, angestoßene Diskussion, alle Feiertage abzuschaffen und stattdessen den Jahresurlaub im gleichen Ausmaß zu erhöhen, wurde von Parteien, Gewerkschaft, Kirchen, aber auch der IV selbst schnell abgewürgt.

Fakt sei schließlich, dass Feiertage die Chance böten, dass Familien und Wahlfamilien gemeinsam Zeit verbringen könnten, sagt Ingruber – auch wenn sie mit der ursprünglichen Bedeutung nichts anzufangen wissen.

Kaum diskutiert wurde bisher auch die Option, neue Feiertage zusätzlich zu den bestehenden einzuführen. Damit käme man dem immer wieder ertönenden Ruf nach Arbeitszeitverkürzung nach – wenn auch aufs Jahr gesehen nur um wenige Promille. Der letzte neue Feiertag war der Nationalfeiertag – er wurde vor 54 Jahren eingeführt. Auch der nächste könnte wieder ein "weltlicher" sein. (Philip Pramer, 25.12.2021)