In Südafrika steigt die Hoffnung auf einen Sommer wie damals trotz Omikron. Die Verhältnisse im Land sind aber relativ einzigartig.

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Man solle das alles nicht missverstehen, bemühten sich Forscherinnen und Forscher aus Südafrika über Weihnachten auf sozialen Medien zu betonen. Das Land habe den Kampf gegen das Coronavirus nicht aufgegeben und sich auch nicht entschlossen, die Omikron-Variante einfach durchlaufen zu lassen. Und doch ist das Dokument eine kleine Revolution: Südafrika gibt die Quarantäne für Kontaktpersonen ebenso auf wie das Contact-Tracing. Und asymptomatisch infizierte Menschen müssen ebenfalls nicht mehr unter allen Umständen daheimbleiben.

Erklärt wird das mit Omikron und mit den Ressourcen. Harry Moultrie, leitender Beamter im Gesundheitsministerium, argumentiert in einer Auskunft an die südafrikanische Gesundheitsjournalismus-Plattform Bhekisisa, das Contact-Tracing habe keinen Sinn mehr ergeben. Im Schnitt habe man zuletzt nur noch weniger als eine Kontaktperson ermitteln können.

Keine Corona-Anarchie

Allerdings will das Land auch nicht völlig auf die Technik verzichten. Zwar wird in individuellen Fällen nicht mehr nachgefragt werden, in speziellen Settings bleibt es aber dabei: etwa in Pflegeheimen oder anderen Einrichtungen, in denen man es mit besonders verletzlichen Personen zu tun hat. Und auch dann, wenn bereits klar ist, dass es einen Cluster gegeben hat, sollen auch weiterhin alle anderen in der Umgebung aufhältigen Personen gewarnt werden.

Was aber dann passiert, ist die vielleicht noch größere Umwälzung: Kontaktpersonen müssen sich künftig nicht mehr in Quarantäne begeben. Stattdessen werden sie aufgerufen, ihren Gesundheitszustand zu beobachten. Nur wer dann auch Symptome entwickelt, muss sich auch testen lassen.

Nur manchmal Isolation

Asymptomatisch Erkrankte wird man so zwar ohnehin kaum noch finden, auch für sie gelten künftig aber neue Regeln: Sie müssten die ansonsten verpflichtende Isolation nicht aufrechterhalten. Allerdings gilt für sie in der Öffentlichkeit Masken- und Abstandspflicht.

Auch hier ist die spezielle Situation in Südafrika Hintergrund der Entscheidung. Nach Schätzungen der Regierung auf Basis von Antikörpertests sind zwischen 60 und 80 Prozent der Bevölkerung schon einmal an Corona erkrankt. Das ist eine Zahl, auf die unabhängig davon auch Forschende der Universität Kapstadt gekommen sind, die sie anhand der sonst unerklärten Übersterblichkeit von 278.000 Menschen in den vergangenen beiden Jahren ermittelt haben. Das bedeutet: Die meisten Erkrankungen blieben in Südafrika unentdeckt – und ungetestete Kranke anders zu behandeln als asymptomatisch Getestete ergebe keinen Sinn.

Tatsächlich dürfte hinter der Entscheidung aber auch ein anderes Motiv stehen: Zwar steigen in manchen Provinzen Südafrikas die Fallzahlen nicht mehr an – etwa im besonders betroffenen Gauteng –, doch machen sich anderswo die Quarantäneregeln noch bemerkbar. So waren schon vor einer Woche in der Provinz Westkap mehr als zehn Prozent des Krankenhauspersonals aus diesem Grund nicht im Dienst.

Ausfallende Flüge

Das wiederum ist ein Problem, das Südafrika nicht alleine hat: In der britischen Hauptstadt London etwa waren laut dem Independent Mitte vergangener Woche rund 100 Autos der Rettung nicht im Einsatz, weil etwa 400 Angestellte nicht zum Dienst erscheinen konnten. Laut Financial Times haben sich kurz vor Weihnachten auch die Krankmeldungen beim Spitalspersonal binnen vier Tagen verdoppelt. Dieses hat wegen der hohen Zahl an Infizierten trotz des geringeren Risikos schwerer Verläufe mit steigenden Patientenzahlen umzugehen.

Vor allem in den USA und China sind derweil seit Freitag rund 7000 Flüge ausgefallen. Auch hier ist nach Auskunft der betroffenen Airlines die Mischung aus stark steigenden Infektionszahlen beim Personal und den strengen Quarantäneregeln der Grund für die Probleme. (Manuel Escher, 27.12.2021)