Ryoyu Kobayashi könnte als Erster zum zweiten Mal die vier Springen einer Tournee gewinnen.

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Jan Hörl ist nach seinem bisher besten Tourneeresultat Neunter der Gesamtwertung.

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Unerklärliches in Worte zu fassen überfordert nicht nur Spitzensportler. Da nimmt es nicht wunder, dass Stefan Kraft nicht klar ausdrücken konnte, weshalb er nach miserablem Training nicht einmal die Qualifikation für das Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen überstanden hat. "Ich bin sprachlos, dass es so schnell gehen kann", hatte der Salzburger nach seinem persönlichen "Schwarzen Freitag" gesagt.

Strafe in der Loipe

Während sich zu Neujahr Ryoyu Kobayashi und Markus Eisenbichler ein packendes Duell um den Sieg im zweiten Springen der Vierschanzentournee lieferten, das der Japaner um 0,2 Punkte gegen den Deutschen für sich entschied, frönte Kraft in Seefeld dem Langlauf – mit einer Intensität, die fast an eine Strafeinheit gemahnte: "Ein bisschen zum Durchputzen."

Mag sein, Kraft hat in der Loipe die vergangenen Jahre Revue passieren lassen und sein Abschneiden in Garmisch in Relation zu den weiteren Saisonverläufen gesetzt. Seit seinem dritten Platz 2017 flatterte er von der großen Olympiaschanze, die, weil 2007 neu gebaut, nie ein olympisches Springen gesehen hat, auf die Ränge 31., 49., 13. und 28. In den Saisonen mit diesen Garmisch-Tiefschlägen gewann Kraft allerdings neun Weltcupspringen und sechs Medaillen bei Weltmeisterschaften, zuletzt im vergangenen März Gold auf der Großschanze in Oberstdorf.

Der 59. Platz vom Freitag erforderte dennoch Maßnahmen. Kraft trainierte am zweiten Tag des neuen Jahres auf der kleinen Seefelder Schanze, auf dass es am Dienstag beim dritten Tourneespringen in Innsbruck (13.30, ORF 1) wieder halbwegs klappe. Wie in den vergangenen Jahren mit den Plätzen 24, zwei, vier und acht.

Sachen spüren

"Auf so einer kleineren Schanze bin ich schon länger nicht mehr gesprungen", sagte Kraft nach den fünf Sätzen auf einem Bakken, der sonst eher Schüler- und Austria-Cup-Springen über sich ergehen lässt. Die Hoffnung für die Springen auf dem Bergisel und in weiterer Folge in Bischofshofen ließ sich auch nicht so leicht in Worte fassen. Er sei in Seefeld gesprungen, "damit ich wieder meine Sachen spüre, die ich tue. Das war nicht der Fall in Garmisch. Ich habe schon wieder gemerkt, wenn etwas gut war und wenn nicht. Die Spur gibt bei einer kleinen Schanze etwas zurück, ob Energie drinnen ist oder nicht."

Kraft ersparte sich den Medientermin mit Eisstockschießen, den Jan Hörl umso lieber wahrnahm. Der Salzburger hatte mit Rang fünf in Garmisch sein bisher bestes Tourneeresultat geholt, nach Innsbruck und Bischofshofen gehe es jetzt mit einem Lächeln im Gesicht. Das gilt auch für den Tiroler Daniel Huber, dem in der Tourneewertung Zweitbesten aus dem Team von Chefcoach Andreas Widhölzl. Dass es nach Michael Hayböcks drittem Platz 2015/16 zum sechsten Mal en suite nicht zu einem Podestplatz in der Gesamtwertung reichen wird, steht allerdings zur Halbzeit fest. Vom Gewinn des Goldenen Adlers und der auf 100.000 Franken (96.000 Euro) erhöhten Prämie sind die Österreicher aktuell mit jeweils mehr als 60 Punkten Rückstand auf Dominator Kobayashi meilenweit entfernt.

Noch nie da gewesen

Der 25-jährige Sieger der Tournee 2018/19 hat durchaus das Zeug, als erster Springer der Geschichte zum zweiten Mal alle vier Springen einer Tournee zu gewinnen. Der Gesamttriumph liegt noch näher, seit zehn Jahren kam kein derart überlegen Führender nach Österreich. Und vermutlich noch nie war ein Titelverteidiger so im Nirgendwo wie Kamil Stoch. Der dreimalige Olympiasieger aus Polen verpasste nach Oberstdorf auch in Garmisch die Punkteränge. (Sigi Lützow, 2.1.2022)