Nicht glücklich darüber, dass die Eltern Grenzen nicht respektieren und sich bei jeder Gelegenheit einmischen? Der Familienrat erklärt, wie ein klärendes Gespräch gelingen kann.

Foto: Getty Images

Frage:

Ich habe grundsätzlich eine sehr gute Beziehung zu meiner Mutter. Nach der Trennung meiner Eltern vor circa zwölf Jahren ist sie noch enger geworden. Mittlerweile bin ich selbst erwachsen, habe einen Mann und eine kleine Tochter, und meine Mutter hilft uns viel. Sie holt die Kleine oft vom Kindergarten ab und betreut sie stundenlang liebevoll. Während der Corona-Lockdowns haben wir wochenweise sogar bei ihr gewohnt, weil sie ein Haus mit Garten hat und wir nur eine (kleine) Wohnung.

Durch unsere enge Beziehung ist es jedoch auch so, dass meine Mutter oft sehr übergriffig ist und Grenzen überschreitet. Ein paar Beispiele: Sie gibt unserem Kind viele Kekse, obwohl wir mit Süßigkeiten eher sparsam umgehen wollen. Sie räumt Dinge in unserer Wohnung um, weil sie der Meinung ist, dass es anders besser passt. Und wenn sie findet, dass man sich wärmer anziehen soll, liegt sie einem so lange in den Ohren, bis man es irgendwann tut.

Manchmal kommt mir vor, sie würde gerne die Menschen in ihrem Umfeld lenken wollen wie Marionetten. Ich habe das schon öfter angesprochen, und sie reagiert dann immer sehr beleidigt, fängt beinahe zu weinen an, schaltet auf stur und sagt: "Dann helfe ich euch halt nicht mehr, dann macht euch euren Mist halt alleine!" Was steckt hinter ihrer Reaktion? Ich weiß nicht, wie ich zu ihr vordringen kann ...


Antwort von Hans-Otto Thomashoff

Was wären die Kinder ohne Eltern? Und so sind auch Erwachsene oft noch in Verstrickungen mit den eigenen Eltern gefangen. Das ist kein Beinbruch und ausgesprochen häufig. Wie schön jedenfalls, dass Sie so eine gute Beziehung zu Ihrer Mutter haben und sie Ihnen so eindrucksvoll hilft. Ihr Verhalten entspricht unserer menschlichen Natur, die auf ein Leben in lebendigen Horden ausgelegt ist. Das funktioniert weitaus besser als das System der Kleinstfamilien, das wir uns heute gegeben haben. Doch wo viele, vor allem starke Charaktere aufeinanderprallen, bleiben Konflikte nicht aus. Was tun?

Eine Regel, die mein gleich mehrfacher Kollege Irvin Yalom (als Psychotherapeut und als Schriftsteller, nicht nur von Sachbüchern, sondern auch von Romanen) aus eingehender Beobachtung der menschlichen Psyche aufgestellt hat, lautet: Man muss das Eisen schmieden, solange es kalt (!) ist.

Hans-Otto Thomashoff ist Psychiater, Psychoanalytiker, zweifacher Vater und Autor. Zuletzt veröffentlichte Bücher: "Das gelungene Ich" (2017) und "Damit aus kleinen Ärschen keine großen werden" (2018).
Foto: Andrea Diemand

Seine Beobachtung entspricht den Ergebnissen der Hirnforschung, die deutlich machen, dass unser Gehirn in erster Linie gefühlsgetriebene Handlungsimpulse setzt und nur, wenn das Gefühl nicht zu stark ist, dem Verstand erlaubt, bei Bedarf steuernd einzugreifen. Das heißt in der Praxis: Wenn das Gefühl intensiv ist, arbeitet der Verstand auf Sparflamme.

Damit ist eine Klärung in der Hitze des Gefechts unmöglich, so wie Sie das ja aus Ihrer Erfahrung mit Ihrer Mutter kennengelernt haben.

Sie sollten also den Versuch einer Klärung mit Ihrer Mutter auf die Zeiten außerhalb akuter Konflikte legen.

Da Ihre Mutter in der von Ihnen geschilderten Szene schnell ins Gefühl geht, weil sie durchaus kränkbar erscheint und schnell und heftig beleidigt ist, sollten Sie in solchen Momenten nichts diskutieren. Schließlich nutzt sie ihr Gefühl, ihre wohl ein wenig kindische, weil kindliche Wut um jede Diskussion (und jede mögliche Änderung) im Keim zu ersticken.

Um dem vorzubeugen, sollten Sie, wenn sich ein geeigneter ruhiger Moment findet, Ihre Klärung mit authentischem und großzügigem Lob einleiten: Was würde ich nur ohne dich tun? Wie du dies und jenes wieder toll gemacht hast. Und dann taktvoll zu Ihrem eigentlichen Anliegen vordringen: Du hast recht, dass der Sessel da besser hinpasst, aber mir gefällt er dort besser.

Das eigentlich Schwierige daran ist, dass Sie, um ein solches Gespräch erfolgreich führen zu können, selbst ein Stück weit über den Dingen stehen müssen. Sie dürfen nicht selbst noch verärgert sein, weil Gefühle zwischen Menschen ansteckend sind (ich erwähnte in früheren Familienrat-Beispielen die hierfür verantwortlichen Spiegelnervenzellen). Das heißt: Klären Sie erst, wenn Ihr eigenes Gefühl abgekühlt ist oder Sie es ausreichend unter Kontrolle haben. Viel Erfolg! (Hans-Otto Thomashoff, 6.1.2022)


Antwort von Linda Syllaba

Ihre Mutter ist Ihnen, aus der Historie gewachsen, sehr nahe und nun auch sehr "verstrickt" in Ihre aktuelle Familiensituation. Was ja schön sein kann, wenn die Beziehungen gut laufen. Doch birgt es natürlich das Risiko, dass die Grenzen nicht eindeutig wahrgenommen werden. Bisher war es ja kein Problem – aber nun scheint es notwendig zu sein, diese sehr deutlich abzustecken.

Die Erwartungen seitens Ihrer Mutter sind zum einen bestimmt aus der schlecht abgegrenzten Situation gewachsen. Zum anderen hat es mit dem Selbstverständnis der Mutter zu tun, das sich aus Helfen, Geben, Aufopferung speist. Dummerweise wohnt in diesem Fall dieser Grundhaltung eine passive Aggression inne, die Sie gelegentlich zu spüren bekommen. Damit hat Ihre Mutter tatsächlich "Macht" über Sie, denn mit emotionaler Erpressung lenkt sie so die Geschehnisse. Sie haben das durchaus erkannt, die Dynamik von Drama ist am Wirken.

Hier hilft es, selbst ins sogenannte Erwachsenen-Ich zu gehen und Verantwortung zu übernehmen über die Beziehungsgestaltung, statt sich dem Drama zu unterwerfen. Sie sind eine erwachsene Frau, die durchaus dankbar ist für die Unterstützung von der eigenen Mutter. Doch es handelt sich dabei nicht um einen stillschweigend vereinbarten Handel, über dessen Währung Ihre Mutter eigenmächtig zu entscheiden hat. Damit meine ich, dass Ihre Mutter wohl die Erwartung hat, dass das, was sie an Unterstützung einbringt, in einer von ihr festgelegten "Währung" ausgeglichen werden sollte. Unter anderem scheint sie zu denken, gewisse Rechte zu erwerben. Darüber wurde niemals gesprochen, und Sie sehen das zu Recht anders.

Menschen, die viel geben, vergessen oft, dass sie selbst auch etwas nehmen sollten, damit der Ausgleich von Geben und Nehmen hergestellt wird. Allerdings sollte der Ausgleich auf der Ebene stattfinden, von der aus gegeben wird. Das bedeutet, dass ihre Mutter eigenverantwortlich dafür sorgen müsste, dass sie beziehungstechnisch und auch in anderer Hinsicht gut versorgt und "genährt" ist – allerdings nicht (und schon gar nicht ausschließlich) von Ihnen. Dann werden Sie nämlich frei von ihren Übergriffen, die sie jetzt vermutlich nicht einmal als solche wahrnimmt.

Linda Syllaba ist diplomierte psychologische Beraterin, Familiencoach nach Jesper Juul und Mutter. Sie ist Autorin der Bücher "Die Schimpf-Diät" (2019) und "Selfcare für Mamas" (2021).
Foto: Stefan Seelig

Ich bin der Überzeugung, dass das natürliche Prinzip "Das Wasser fließt immer von oben nach unten" auch in Beziehungen gilt. Die Eltern geben ihren Kindern das Leben, Liebe, Materielles und andere notwendige Versorgung. Die Kinder geben es später weiter an ihre eigenen Kinder und die wieder an ihre Kinder. Jedoch ist es nicht die Aufgabe von Kindern, das Wasser bildlich gesprochen von unten nach oben fließen zu lassen. Das ist ja, um beim Sinnbild zu bleiben, durchaus möglich: Mit viel Kraft kann ein Springbrunnen das Wasser von unten nach oben bringen – das ist machbar, allerdings sehr anstrengend. Umso leichter ist dann die Rückkehr des Wassers zum Boden, praktisch von selbst.

Sie sind zwar nun kein Kind mehr, bleiben dennoch für immer Tochter. Wenn Ihre Mutter Ihnen mütterliche Unterstützung zukommen lassen will, dann idealerweise von Herzen, ohne sich davon etwas zu erwarten oder sich dadurch Rechte zu erkaufen. Das sollte unbedingt mal angesprochen werden, am besten auf Augenhöhe und in Wertschätzung dessen, was an Zuwendung vorhanden ist. Und wenn Ihre Mutter eines Tages auf Ihre Hilfe angewiesen sein sollte, dann werden Sie das bestimmt ebenso von Herzen tun.

Bei so einem Gespräch ist es wichtig, dass Sie als erwachsene Frau mit Ihrer Mutter sprechen, statt selbst aus einer kindlichen Position. Wenn die Mutter beleidigt reagiert, ganz besonders. Es wird vermutlich notwendig sein, dass Sie ein wenig Unmut Ihrer Mutter aushalten, schließlich ist sie es nicht gewohnt, in ihre Schranken verwiesen zu werden. Versuchen Sie in der Anerkennung und Dankbarkeit zu bleiben und dennoch sachlich beim Thema "Grenzen wahren".

Schuldgefühle bringen Sie in dieser Situation nicht weiter, fokussieren Sie stattdessen die Lösung, frei nach dem Motto "Bitte respektiere mich, wenn du mich liebst". Sie tun das ihr gegenüber ja auch.

Suchen Sie das Gespräch in einem ruhigen Setting, bloß nicht, wenn der Konflikt gerade kocht! Und falls notwendig, melden Sie sich, um noch besser vorbereitet zu sein, wenn Sie diesen Knoten lösen wollen – externe Unterstützung kann in so einer Situation sehr wertvoll sein. (Linda Syllaba, 6.1.2022)