In Kasachstans Metropole Almaty fahren die Panzer auf. Bewaffnete Sicherheitskräfte sollen "Ordnung wiederherstellen".

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Russland hat Fallschirmjäger nach Kasachstan geschickt. Polizisten und zivile "Befriedungs"-Experten dürften folgen. Eine schnelle Reaktion auf die Unruhen im Nachbarland. Aber eine, mit der der Kreml Gefahr läuft, sich viele Kasachen zum Feind zu machen. Erst recht, wenn seine Soldaten auf Demonstranten schießen. Diesen Effekt gab es schon in Belarus, wo Russland-Sympathien der Opposition verflogen, als sich der Kreml auf Lukaschenkos Seite schlug.

Risiko für Minderheit

Auch besteht das Risiko, dass die russische Minderheit in Kasachstan die Zeche zahlen muss. Sie wird ohnehin schon bedrängt und ist auf 18 Prozent der Bevölkerung geschrumpft. An einem Elitesoldaten wird kaum jemand seinen Frust ablassen, an einer russischen Babuschka womöglich schon. Deshalb dürften Moskaus Truppen wohl kaum an vorderster Front den Demonstranten gegenübertreten. Genauso wenig wird die Befriedung von Almaty einen so massiven Einsatz erfordern, dass Putin seine drohend an der ukrainischen Grenze aufgefahrene Landstreitmacht eiligst ostwärts verlagern müsste.

Ruhe um jeden Preis

Mit seiner schnellen Hilfe für Präsident Kassym-Schomart Tokajew zeigt der Kreml – wie in Belarus und Syrien –, was für ihn zählt: der Machterhalt der Elite, die Sicherung des Moskauer Mikrokosmos, Ruhe um jeden Preis. Das scheint wichtiger als das Begehren nach Freiheit, Wohlstand oder Autonomie. Der wohl endgültige Abgang seines Altkollegen Nursultan Nasarbajew ist für Putin dabei tragbares Bauernopfer. (Lothar Deeg, 6.1.2022)