Ein Kanal unter einer Autobahnbrücke in Nordrhein-Westfalen dient der Hindu-Gemeinde als Ganges-Ersatz.

Foto: Picturedesk / AP / Martin Meissner

Kamerun liegt in Deutschland und hat die Postleitzahl 17192. Der schiefste Turm der Welt steht nicht in Pisa, sondern in Thüringen. Indien und den Ganges – oder so – kann man auch im nordrhein-westfälischen Hamm erleben. Mit dem Sri-Kamadchi-Ampal-Tempel steht dort der größte Hindu-Tempel Kontinentaleuropas, ein Kanal mimt unter der Autobahnbrücke den Ganges.

Margit Kohl und Jochen Müssig schreiben normalerweise Reiseführer über ferne Länder wie Australien oder Thailand. In den vergangenen Monaten haben sie ihre Heimat neu betrachtet und Plätze gefunden, die Orten im Ausland fast bis aufs Haar gleichen. Seit Beginn der Pandemie heißt es schließlich für viele zu Hause bleiben. Wir haben die beiden gefragt, ob denn eine "Weltreise durch Deutschland" andere Reiseziele wirklich ersetzen kann und wie lange uns der Hang zum Heimaturlaub noch erhalten bleibt.

STANDARD: Wo in Deutschland war es denn so aufregend, dass Sie selbst überrascht waren?

Jochen Müssig: Das war tatsächlich in Nordrhein-Westfalen. Die indische Gemeinde in Hamm nutzt ihren Tempel wirklich intensiv und führt auch rituelle Waschungen im Uentrop-Kanal durch. Wenn man sich im Buch die Fotos ansieht, kann man wirklicht nicht darauf schließen, dass diese außerhalb von Indien entstanden sind.

Margit Kohl: Ich habe mich in den Spreewald aufgemacht und in ein Bootshaus mit eigenem Kanu einquartiert. Das Paddeln in den vielen Kanälen hat mich sehr an den Amazonas erinnert. Zwar gibt es keine Piranhas und Krokodile, aber immerhin Spreewaldschlangen. Ich habe wirklich den Vergleich, weil ich schon große Teile des Amazonas mit dem Boot abgefahren bin. Die Wasserpflanzen und Libellen sind auch in Deutschland herrlich, die Spreewaldgurken sogar einzigartig. Und die meisten Leute kommen mit dem Bus, ins Kanu setzen sich nur wenige.

STANDARD: Die aktuelle Lage zwingt Sie auch, so zu tun, als sei Deutschland die Welt. Was fehlt Ihnen an der Welt?

Müssig: Die Weite. Aber das ist generell ein europäisches Problem. Bei uns ist alles sehr dicht beieinander, die Leere einer echten Steppe oder Wüste kann man hier nicht nachvollziehen. Das fasziniert auch so viele Menschen an Australien, den USA oder am afrikanischen Kontinent.

Kohl: Es ist tatsächlich so, dass der Spreewald nur ein kleiner Ausschnitt ist, auf den man mit der Lupe blickt, der Amazonas dagegen wirkt endlos. Ich sehe das also ähnlich: Die Weite kann man hier nicht empfinden.

STANDARD: Wie fühlt sich diese Enge für Autoren an, die normalerweise die Welt erkunden?

Müssig: Das letzte Buch, das ich gerade noch vor Corona fertiggestellt habe, war der über 500 Seiten starke Baedeker Australien. Dafür war ich mehrere Monate unterwegs. Ich muss schon sagen, dass ich sehr froh bin, es noch rechtzeitig vor Ausbruch der Pandemie geschafft zu haben – auch wenn das Buch jetzt keiner kauft, weil niemand nach Australien reisen darf.

Kohl: Ich empfinde weniger die Enge störend, sondern vielmehr einen anderen Umstand: Das Problem des Overtourism hat sich nur verlagert. Orte wie das Berchtesgadener Land haben zuletzt aufgestöhnt, weil so viele Menschen kamen. Im Nationalpark gibt es zum Beispiel einen Naturpool, den zig Blogger fotografiert und auf Instagram gestellt haben. Seither geht es dort rund, und das Gebiet musste sogar aus Sicherheitsgründen abgeriegelt werden.

STANDARD: Beschreiben Sie in "Weltreise durch Deutschland" ein Reiseverhalten, das uns noch länger begleiten wird?

Müssig: Ich vermute mal, dass wir nicht so bald ganz sang- und klanglos zu den Gewohnheiten von vor Corona zurückkehren werden. Früher haben die Leute schon fast routinemäßig um den Jahreswechsel ihre Fernreise in die Wärme gebucht. Das wird sich langfristig ändern.

Kohl: Die Klimadebatte ist nicht verschwunden. Sobald wir wieder in die Ferne reisen können, werden wir zumindest diskutieren, wie oft wir das machen wollen und wie lange wir bleiben, damit es nicht allzu unökologisch ist.

STANDARD: Was wird sich nachhaltig verändern?

Müssig: Die Flugpreise jedenfalls nicht so bald. Wenn wieder aufgemacht wird, wollen die Menschen weg. Ich fürchte, zunächst geht das auch noch zu sehr billigen Preisen.

Kohl: Ich bin neulich im Nachtzug von München nach Venedig gefahren. Diese Fahrt hat mich derart überzeugt, dass ich in Zukunft öfter so unterwegs sein möchte. Auch in Bezug auf Corona ist das ideal, denn außer mit dem Schaffner hatte ich zu niemandem Kontakt in meiner Kabine mit eigener Nasszelle. Sogar ein Teller Nudeln wurde mir bis ins Abteil gebracht. (Sascha Aumüller, RONDO, 14.1.2022)