Bereits der Begriff gebietet Ehrfurcht: Unter einem Schlachtross stellt sich der Laie ein militärisch bedeutsames Pferd von enormen Ausmaßen vor, dem man lieber nicht unter die Hufe kommen möchte. Dabei würden viele Kampfrösser heute in die Kategorie "Pony" fallen, wie eine britische Studie hervorstreicht: Im Mittelalter waren die meisten Pferde unter 144 Zentimeter hoch (bei gesenktem Kopf).

Für den Zeitraum von 300 bis 1650 n. Chr. analysierte die Forschungsgruppe die bisher umfangreichste Stichprobe an Pferdeknochen aus England, die von 171 Fundstätten stammen, wie sie im Fachblatt "International Journal of Osteoarchaeology" schreibt.

Eine Forscherin vermisst Pferdeknochen, die im englischen Goltho entdeckt wurden, einer im Mittelalter verlassenen Siedlung.
Foto: Oliver Creighton

Die Körperhöhe, also der Übergang vom Rücken zum Hals, der auch Widerrist oder Stockmaß genannt wird, wurde basierend auf den Knochen hochgerechnet. Nur in seltenen Fällen kamen die Pferde immerhin auf das britische Maß von 15 oder 16 Hands, das entspricht etwa 152 bis 163 Zentimetern. Erst nach dem Mittelalter, in der Periode von 1500 bis 1650, stieß das Forschungsteam auf eine signifikant größere Durchschnittshöhe, die modernen Zugpferden und Warmblütern nahekommt.

Larger than Life

Nach modernen Standards gelte alles unter 1,48 Metern als Pony, während der mittelalterliche Durchschnitt zwischen 1,30 und 1,40 Metern liege, sagt Helene Benkert von der Universität Exeter, die an der Studie mitwirkte: "Wir sprechen hier also nicht von den ganz Kleinen wie Shetlands oder Minis, sondern von ganz normalen Ponygrößen. Moderne Isländer zum Beispiel fallen oftmals in das mittelalterliche Größenformat und können dennoch problemlos auch große Erwachsene tragen."

Islandpferde wären in Mittelalter-Historienfilmen authentischer als riesige Shire Horses.
Foto: Freyja Imsland

Die Maße seien also weit entfernt von den Pferden, die in vielen Filmproduktionen mittelalterliche Schlachtrösser darstellen, schreibt das Team und stützt damit frühere Forschungsarbeiten. Darauf würden auch historische Illustrationen hinweisen, bei denen die Beine der Reiter den Pferden häufig fast bis zu den Knien reichen, sagt Benkert: "Sicher, ein Reiter auf einem 1,80 Meter großen Shire Horse oder einem tänzelnden Friesen sieht imposanter aus."

Nervenstarke Ponys

Bei der Mehrheit der trainierten Filmpferde dürfe es sich zudem um Großpferde handeln – keine idealen Voraussetzungen für historisch akkurate Darstellungen also. Die Zooarchäologin und Reiterin weist auch darauf hin, dass die Menschen früherer Epochen im Vergleich zu heute nur ein wenig kleiner waren – daher greife das Argument nicht, dass man womöglich die Proportionen von Mensch zu Reittier erhalten wolle.

Die Studie macht deutlich, dass damals neben der Größe der Tiere andere Werte zählten. Nicht nur hochgewachsene Pferde können bewaffnete Ritter in voller Rüstung tragen, die insgesamt gut und gerne mehr als 130 Kilogramm auf die Waage brachten. Daneben habe gerade ein Kriegspferd Nerven aus Stahl, sehr gutes Training, Fitness und Schnelligkeit gebraucht, sagt Benkert: "Ein trittsicheres, nervenstarkes Pony hatte definitiv Vorzüge für den mittelalterlichen Ritter."

Vom hohen Ross

Außerdem gab es unterschiedliche Rollen und Pferdetypen, die es zu besetzen galt – und Kriegstaktiken, die sich veränderten. Am bekanntesten ist der Typus des Destriers. So (oder als "Großes Pferd") wird ein gern von Rittern genutztes Reittier bezeichnet, das sie vor allem in Schlachten und auf Turnieren einsetzten. Gerade diese konnten im Hochmittelalter relativ groß ausfallen und in einzelnen Fällen auf über 1,60 Meter kommen. Das überraschte auch Benkert, wobei diese Daten nur zwei der knapp 2.000 untersuchten Knochen betrafen. Historische Quellen liefern aber nur selten Indizien dafür, welche Merkmale bei einem Destrier erwünscht waren.

Das nächste Ziel der Forschungsgruppe ist es, die Statur der Tiere zu rekonstruieren, um mehr über ihre möglichen Aufgaben zu erfahren. Auch genetische Analysen seien interessant, sagt Benkert: "Sie können unter anderem Aufschluss darüber geben, wie die Menschen damals züchteten, woher die Zuchtpferde kamen und welche körperlichen Eigenschaften diese hatten." DNA-Untersuchungen haben bereits in mehreren Studien verdeutlicht, welch lange Handelsrouten schon früh verschiedene Teile der Welt verknüpften.

Adelige Vierbeiner in Mesopotamien

Im Norden Syriens befindet sich die einstige Großstadt Umm el-Marra, wo in einem royalen Grabkomplex auch Tiere aus der Pferdefamilie bestattet wurden.
Foto: Glenn Schwartz / Johns Hopkins University

Genetische Methoden brachten in einer weiteren equinen Studie nun noch eine interessante Erkenntnis ans Licht. Dabei ging es in der Zeit weiter zurück: Das Paläogenetik-Team des nationalen Forschungszentrums Frankreichs und der Université de Paris beschäftigte sich mit der Frage, welche Tiere aus der Pferdefamilie vor 4.500 Jahren in Mesopotamien in Kämpfen und bei Paraden genutzt wurden. Immerhin kam das domestizierte Hauspferd erst 500 Jahre später in die Region des Fruchtbaren Halbmonds.

Ältere Bilder und Texte zeigten jedoch, dass bereits zuvor pferdeartige Tiere in Schlachten und auf Reisen zum Einsatz kamen. Neben der "Standarte von Ur" gibt es Tontafeln, die in Keilschrift auf wertvolle Tiere mit der Bezeichnung "Kunga" hinweisen. Doch wer waren diese "Kunga"?

Dieses sumerische Mosaik, die "Standarte von Ur", ist etwa 4.500 Jahre alt und zeigt Kriegswägen, die von "Kunga" gezogen wurden.
Foto: Thierry Grange / IJM / CNRS-Université de Paris

Dies beantwortete die genetische Auswertung von Tierknochen, die in einem mehr als 4.300 Jahre alten royalen Grabkomplex in Nordsyrien, in der ehemaligen Stadt Umm el-Marra, entdeckt wurden. Die alte DNA wurde mit dem Erbmaterial von Pferden, Hauseseln und Wildeseln verglichen, schreibt die Forschungsgruppe um Eva-Maria Geigl und Thierry Grange im Fachmagazin"Science Advances". Sie zog unter anderem Material des in den 1920er-Jahren ausgestorbenen Syrischen Halbesels heran sowie noch ältere DNA von Tieren aus der Pferdefamilie, auf die man bei der 11.000 Jahre alten Tempelanlage Göbekli Tepe stieß.

Starke und schnelle Mischung

Die Gruppe stellte fest: Bei den prächtigen Wesen im nordsyrischen Grab handelte es sich sogar um die älteste nachgewiesene Kreuzung verschiedener Tierarten. Die Hybridtiere entstanden aus der Vereinigung von Wildeseln der Spezies Asiatischer Esel mit Hauseseln, die vom Afrikanischen Esel abstammen. Auch sprachliche Ähnlichkeiten lassen sich feststellen, "Kunga" erinnert an die Begriffe "Kiang" (aus Tibet) und "Skiang" (aus Indien), mit denen der Tibet-Wildesel bezeichnet wird, sowie entfernt an den turkmenischen Kulan und den nur noch in Westindien vorkommenden "Khur" – weitere Verwandte oder Varianten des asiatischen Wildesels.

Während Hausesel vom Afrikanischen Esel abstammen, wurde in der DNA der begrabenen Pferde auch die Verwandtschaft zum Asiatischen Esel (Equus hemionus; hier abgebildet) nachgewiesen.
Foto: Hermann J. Knippertz / AP Photo

Die bestatteten "Kunga" hatten den Genomanalysen zufolge einen Hausesel zur Mutter und einen Wildesel zum Vater. Sogar das Einfangen der Wildtiere wurde dem Forschungsteam zufolge auf einem assyrischen Relief festgehalten. Dies musste immer wieder wiederholt werden, denn die entstandenen Hybriden waren unfruchtbar – wie viele Artkreuzungen, auch beispielsweise das Maultier, eine Mischung aus Esel und Pferd.

Auf diesem Relief aus der einstigen Stadt Ninive, das auf 645–635 v. Chr. datiert wird, ist die Jagd auf Wildesel dargestellt ("hunting wild asses"). Offenbar handelt es sich hier um einen Asiatischen Esel.
Foto: Eva-Maria Geigl / IJM / CNRS-Université de Paris

Diese beschwerliche Züchtung nahm man offenbar auf sich, um einerseits besonders starke und schnelle Tiere zu erhalten, die andererseits aber nicht so wild waren wie die ursprünglichen Asiatischen Esel – Eigenschaften, die auch von militärischer Relevanz sind. Gegen die Einführung domestizierter Pferde konnte sich diese Methode allerdings nicht durchsetzen.

Equidae und Panzer

Heute spielen Schlachtrösser und ihre Verwandten in Armeen bestenfalls eine untergeordnete Rolle und wurden längst von motorisierten Formen abgelöst. Nur dort, wo es mit Fahrzeugen schwierig wird, im Gebirge etwa, kommen teilweise noch Pferde und auch die hybriden Maultiere zum Einsatz. Ob Hybride sich aber etwa bei Panzern, die somit besonders leise unterwegs sind, durchsetzen werden, bleibt abzuwarten. (Julia Sica, 15.1.2022)