Um mithilfe einer Bank finanzielle Geschäfte abwickeln zu können, muss man schon lange kein Finanzinstitut mehr betreten. Fintechs befeuern diesen Wandel massiv, was bei Investoren gut ankommt.

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Dass Banken, Versicherungen und andere alteingesessene Institutionen am Finanzmarkt schon lange nicht mehr allein den Ton angeben, haben mittlerweile die meisten akzeptiert. Junge, digital getriebene Unternehmen, sogenannte Fintechs, rühren in der Branche ordentlich um.

Doch stellen Fintechs eine ernsthafte Bedrohung für Vertreter der Old Economy wie Banken dar? Nein, meint Bernhard Kronfellner, Fintech-Experte der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG). "Start-ups sind in der Regel kleinere, spezialisierte Unternehmen, mit denen Banken versuchen sollten zu kooperieren. Technische Erneuerungen schnell umzusetzen ist für kleine Start-ups leichter als für Großbanken."

Mit Entwicklungen wie jener der Blockchain-Technologie oder der künstlichen Intelligenz up to date zu bleiben, so und ähnlich dürften die Herausforderungen der Zukunft aussehen. Deswegen sieht Kronfellner die "Bedrohung" eher in Übersee. "Bankgeschäfte werden sich immer mehr nur im Smartphone abspielen. Apple, Amazon, Google, so heißen die wahren Konkurrenten. Sie prägen den technischen Fortschritt federführend, viele traditionelle Banken können auch zusammen gegen Apple wenig ausrichten." Dessen müsse man sich bewusst werden.

Ein Turm für den Überblick

Die Branche entwickelt sich rasend schnell, den Überblick zu behalten ist nicht einfach. Das hat BCG verstanden und daraus ein neues Geschäftsmodell entwickelt. Im November haben die Unternehmensberater den sogenannten Fintech Control Tower ins Leben gerufen. Dabei handelt es sich um eine Plattform, die einerseits einen Marktüberblick sowie Prognosen liefern soll, andererseits Unternehmen wie Banken, Versicherungen oder Risikokapitalfirmen dabei helfen soll, einfacher Ideen für Fusions- und Übernahmestrategien oder eine branchenübergreifende Zusammenarbeit auszuloten.

Der Control Tower bezieht BCG zufolge Daten und Erkenntnisse für mehr als 26.000 Fintech-Unternehmen aus einem Netzwerk von Datenfeeds, Branchenverbänden und Beratungsexperten. Das Angebot richtet sich zwar aktuell nur an BCG-Kunden, soll in weiterer Folge aber auch einem erweiterten Kreis zugänglich gemacht werden.

Ein Vergleich zu Datenbanken wie CB Insights, Pitchbook oder Techcrunch bietet sich an. Kronfellner zufolge hebt sich der BCG-Tower von anderen aber ab: "Es geht um mehr als Markt-Screening und statistische Ergebnisse. Wir leiten aus unseren Daten Trends und Strategien ab, das macht den Unterschied."

Geld sitzt locker

Wirft man einen Blick auf die Investmentzahlen des vergangenen Jahres, wird schnell ersichtlich, warum BCG ein solches Produkt auf den Markt bringt. Überdies ist seit langem bekannt, dass in Europa für Fintechs das Geld durchaus locker sitzt.

Global gesehen floss allein im dritten Quartal des Vorjahres um 90 Prozent mehr Geld in Fintechs als im ganzen Jahr 2020, die Summe beläuft sich auf rund 34,4 Milliarden US-Dollar. Vor allem die Anzahl an Megadeals, Investmentrunden jenseits der 100-Millionen-Dollar, nahmen deutlich zu.

Diese Entwicklung gibt es auch in Österreich. Wie oftmals berichtet, brach das Vorjahr alle Rekorde in Sachen Investments. Bei heimischen Fin- und Insur-Techs (dem Finanzpendant aus der Versicherungsbranche) verfünffachten sich die Investments im Vergleich zu 2020, sie liegen mit der Steigerung sogar über dem globalen Durchschnitt. Insgesamt gingen rund 415 Millionen Euro an Finanz- und Versicherungs-Start-ups aus Österreich.

Aufwärtstrend?

Geht es in Österreich steil bergauf? Jein. Die Investmentplattform Bitpanda allein zog voriges Jahr Deals in der Höhe von 376 Millionen Euro an Land. Rechnet man das Wiener Unternehmen raus, sieht die Realität wieder trister aus. Verglichen mit "der Bankengröße und der Einwohnerzahl war Österreich bisher – vergangenes Jahr ausgenommen – in Sachen Finanzierungen auf jeden Fall unterrepräsentiert", sagt der BCG-Experte. In Bitpanda sieht Kronfellner ein "Zugpferd", es besteht aber nach wie vor "viel Aufholbedarf". Heimische Risikokapitalgeber würden sich oft nicht über millionenschwere Runden drüber trauen und zu schnell einen Exit anstreben.

Vom gelobten Fintech-Land ist Österreich also noch deutlich mehr als einen Steinwurf entfernt. Die heimischen Gründer der Smartphonebank N26 wanderten schließlich nicht grundlos nach Deutschland aus. Bitpanda leistete jedenfalls einen wichtigen Beitrag zur Trendumkehr. (Andreas Danzer, 15.1.2022)