Die Autoindustrie ist eine von vielen Branchen, die mitten in einer groß angelegten Transformation stecken.

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Die Hemmschwelle, bewährte Geschäftsmodelle über den Haufen zu werfen und das volle Augenmerk auf die Dekarbonisierung von Produktion und Lieferketten zu richten, sinkt. Das geht aus der Studie "Race to Net Zero" hervor, die vom Weltwirtschaftsforum gemeinsam mit der Unternehmensberatung Boston Consulting Group als Diskussionsgrundlage für das alljährliche Treffen im Schweizer Nobelskiort Davos erstellt worden ist.

Ursprünglich hätte das Stelldichein von Industriemagnaten, Staatenlenkern und interessierten Meinungsbildnern diese Woche bis einschließlich Freitag stattfinden sollen. Wegen Omikron wurde die Veranstaltung jedoch in den Frühsommer verschoben. Im vergangenen Jahr konnte die Veranstaltung Corona-bedingt nur digital stattfinden.

Unternehmen gehen beispielgebend voran

Hintergrund der zu beobachtenden Dynamik bei Maßnahmen zum Schutz des Klimas sind einzelne Unternehmen, die in so gut wie allen Branchen mit gutem Beispiel voranschreiten und andere mitziehen. "Wer jetzt noch nicht auf den Zug aufgesprungen ist, tut gut daran, dies möglichst bald zu machen", sagte Jens Burchardt, Klimaexperte von Boston Consulting und Mitautor der Studie, dem STANDARD. Abseitsstehende drohten ins Hintertreffen zu geraten.

"Die Risiken bei der Transformation der Unternehmen in Richtung möglichst geringer Emissionen werden vielfach überbewertet, die bereits entstandene Dynamik wird unterbewertet", sagte Burchardt.

Hatten beispielsweise 2019 nur 29 Länder, die für zehn Prozent der weltweiten Emissionen standen, Netto-Null-Zusagen gemacht, sind es mittlerweile 92 Länder. Und die stehen für immerhin 78 Prozent der weltweiten Emissionen.

Kompensation nur, wenn anders nicht möglich

Auch unternehmensseitig nehmen die Verpflichtungen exponenziell zu, den Ausstoß klimaschädlicher Gase in ihrem jeweiligen Einflussbereich möglichst auf null zu reduzieren, zeigt die Studie. Nur wo das prozessbedingt nicht möglich ist, sollte durch entsprechende Ausgleichsmaßnahmen eine Kompensation erfolgen.

So haben sich mittlerweile weltweit mehr als 2000 Unternehmen Ziele gesetzt, die von einer Allianz führender Klima- und Umweltschutzorganisationen (Science Based Targets Initiative; SBTi) validiert wurden. Zum Vergleich: 2015 waren es erst 116 Unternehmen, die das getan haben. Das heißt, pro Jahr sind seither 65 Prozent mehr Unternehmen eine Verpflichtung zur Emissionsreduzierung eingegangen, die auch überprüft wird. Der Wandel vollzieht sich laut Burchardt schneller, als die meisten Menschen – und Unternehmen – wahrhaben wollen. So seien im Zeitraum 2002 bis 2020 beispielsweise die Prognosen hinsichtlich der weltweiten Photovoltaik-Kapazitäten im Jahr 2030 um den Faktor 36 gestiegen. Im selben Zeitraum seien andererseits die prognostizierten Stückkosten um den Faktor drei gesunken.

Überbietungswettbewerb

"Das wiederholt sich auf vielen anderen Feldern", sagt Burchardt und verweist beispielgebend auf "Power to Liquid", die Umwandlung von Strom in Flüssigkraftstoff. "Diese Technologie wird von vielen erst nach 2030 als wirkliche Option gesehen. Wir kennen Projekte mit niedrigeren Zielkosten für Mitte der 2020er-Jahre, als viele Marktstudien für 2050 prognostizieren."

Relativ weit und frühzeitig aus dem Fenster gelehnt hätten sich Unternehmen der Nahrungsmittel- und Getränkeindustrie. Unternehmen wie Coca-Cola, Pepsi, Heineken oder Diageo wollten die Emissionen, die bei der Produktion anfallen, bis 2030 auf Netto-Null reduzieren, die Emissionen entlang der gesamten Lieferkette bis 2040. Auch anderswo habe in den vergangenen Jahren eine Art Überbietungswettbewerb stattgefunden.

Die in Europa forcierte Energiewende war wie eine Peitsche für viele Stromunternehmen, deshalb zählen die Stromversorger zu den Vorreitern in puncto Klimaschutz unter den emissionsintensiven Unternehmen.
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Von den großen Emissionsverursachern sei die Energiebranche zweifellos am weitesten, was die Reduktion des Treibhausgasausstoßes betrifft. Burchardt: "Dort ist die Transformation durch die Energiewende früher losgegangen."

Auch Unternehmen wie SSAB aus Schweden, Thyssen aus Deutschland oder die Voest in Linz hätten einen ehrgeizigen Weg zur möglichst emissionsfreien Stahlerzeugung mittels Wasserstoffes eingeschlagen. Das gelte auch für Heidelberg Cement, die auf CO2-Abscheidetechnologie (CCS) setze. Risiken seien da, die Chancen würden aber überwiegen, sagte Burchardt. (Günther Strobl, 17.1.2022)