Corona hat nicht nur viele Stadthotels in Stress versetzt, auch Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen wurde viel abverlangt.

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Jahrelang schien der Tourismus in der Bundeshauptstadt nur eine Richtung zu kennen – nach oben. Schon zerbrachen sich Verantwortliche für das Große und Ganze die Köpfe, wie Touristenströme entzerrt und auch in Bezirke außerhalb von Ring und Gürtel gelotst werden könnten, damit es sich auf Stephansplatz, Graben und Kohlmarkt nicht allzu sehr staut. Dann kam Corona, und mit einem Schlag war alles anders.

Mehr als sieben von zehn Gästenächtigungen in Wien sind 2020 weggebrochen. Wurde 2019 mit 17,6 Millionen Übernachtungen noch ein Rekordwert erzielt, fielen die Zahlen mit den ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 nahezu ins Bodenlose. 4,59 Millionen Übernachtungen waren es am Ende des ersten Corona-Jahres, ein Minus von 73,9 Prozent.

Nächtigungszahl auf 1980er-Niveau

So wenige Übernachtungen sind in der Bundeshauptstadt zuletzt Anfang der 1980er-Jahre gezählt worden. Selbst nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers und der dadurch ausgelösten weltweiten Finanzkrise stand die Tourismusbranche 2009 vergleichsweise stabil da, fast wie der sprichwörtliche Fels in der Brandung. Die Nächtigungen gingen um 3,8 Prozent auf 9,84 Millionen zurück, erreichten im Jahr darauf – 2010 – aber schon wieder einen Wert von 10,86 Millionen, mehr als im Vorkrisenjahr 2008 mit 10,23 Millionen Übernachtungen.

Die Tourismuskrise spürt auch so mancher Bäcker, dessen Semmeln aufgrund der diversen Lockdowns und schwachen Auslastung in Hotels und Gastronomie gar nicht oder in viel geringerem Umfang gebraucht werden als vor Corona.
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Jetzt leiden nicht nur Bäcker, Fleischer und Handwerker, weil Hotels über viele Monate geschlossen halten mussten und als Abnehmer ausfielen. Der Einbruch insbesondere bei internationalen Gästen, der unter anderem auf die Ausdünnung des Streckennetzes von Airlines beziehungsweise auf Reiserestriktionen etwa aus Asien zurückzuführen ist, bekommen auch Oper und Museen zu spüren. Der Blues geht um.

Nächtigungen sind das eine, die Wertschöpfung im Tourismus ist das andere. Diese liegt in Wien bei 5,6 Milliarden Euro im Jahr, direkte und indirekte Effekte zusammengerechnet. Besser gesagt, die Wertschöpfung lag in dieser Größenordnung. Mit dem Einbruch der Nächtigungen infolge der Pandemie ist auch die Wertschöpfung – d. h. alles, was in der Branche erwirtschaftet wird, abzüglich der Vorleistungen – geschrumpft. Um wie viel, das wird man exakt erst 2023 wissen, wenn die Veröffentlichung des nächsten Touristen-Satellitenkontos ansteht. Darin wird dann auch der Einfluss von Corona ablesbar sein.

Weggebrochene Ausgaben

Erstmals wurde ein regionales Tourismus-Satellitenkonto im Vorjahr vorgestellt. Das Wirtschaftsforschungsinstitut und die Statistik Austria haben im Auftrag des Tourismusministeriums gemeinsam daran gearbeitet. Laut den zuletzt verfügbaren Zahlen generierte der Tourismus demnach 2018 direkte Wertschöpfungseffekte in Wien von 3,764 Milliarden Euro. Darin inkludiert sind Dienst- und Geschäftsreisen inländischer Besucher und Besucherinnen. Dazu kommen indirekte Effekte im Ausmaß von gut 1,8 Milliarden, was in Summe die zuvor angeführten 5,6 Milliarden Euro ergibt. Davon entfallen 4,7 Milliarden auf den Standort Wien; rund 900 Millionen an Wertschöpfung, die Touristen in Wien generierten, kamen nach Berechnungen der Experten dem restlichen Österreich zugute.

Aufgrund der starken Wirtschaftsleistung anderer Branchen (zum Beispiel Pharma) beträgt der Beitrag des Tourismus zum Wiener Bruttoregionalprodukt zwar "nur" 4,8 Prozent und liegt damit unter dem Österreich-Schnitt von 7,4 Prozent. Nichtsdestoweniger entspricht das einem Fünftel der gesamten in Österreich erbrachten touristischen Wertschöpfung.

Negativ bemerkbar machen sich fehlende kaufkräftige Gäste auch im Goldenen Quartier in der Wiener Innenstadt.
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Hoch sind auch die Ausgaben, die Touristen bei ihrem Wien-Aufenthalt tätigen, zumindest in Normaljahren. So gaben Besucher und Besucherinnen für Urlaubs- und Geschäftsreisen, Verwandten- und Bekanntenbesuche sowie Aufenthalte in Wochenendhäusern und Zweitwohnungen 2018 nominell 7,175 Milliarden aus. Das entspricht 20 Prozent der bundesweiten Aufwendungen in diesem Bereich. 45,4 Prozent des Tourismuskonsums stammten dabei von Gästen aus Österreich, 54 Prozent von Reisenden aus dem Ausland, 0,7 Prozent wurden von Personen im Zuge ihres Aufenthaltes am Zweitwohnsitz ausgegeben.

Die gewichtigste Position stellen laut dem Bericht tourismuscharakteristische Dienstleistungen dar. Sie machten 2018 mit fast 6,5 Milliarden Euro knapp 90 Prozent des Tourismuskonsums in Wien aus. Unter den typischen Tourismusleistungen ragen Beherbergung und Gastronomie mit 20,1 Prozent respektive 22,6 Prozent heraus.

Krise dauert noch

Auch die von Gästen benutzten und bezahlten Personenverkehrsmittel haben einen erklecklichen Anteil an den Gesamtaufwendungen, 2018 waren es laut regionalem Tourismus-Satellitenkonto gut zwei Milliarden Euro oder 27,9 Prozent des gesamten regionalen Tourismuskonsums. Nicht zu unterschätzen auch Kultur-, Sport- sowie Unterhaltungsdienstleistungen, die 2018 in Summe 12,2 Prozent der touristischen Ausgaben in Wien ausmachten.

Touristen gehen, wenn sie da sind, nicht nur in Theater, Konzerte, Ausstellungen oder ins Restaurant, sie decken sich auch mit Lebensmitteln, Schmuck und anderen nicht unbedingt tourismusspezifischen Waren ein; oder sie nehmen allgemeine Dienstleistungen (Friseurbesuch) in Anspruch. In Summe dürften im Jahr 2018 darauf 726 Millionen Euro oder gut zehn Prozent der gesamten Tourismusaufwendungen entfallen sein.

Normalisierung erst 2024

Und in 2019, dem letzten regulären Jahr vor der Ausbreitung von Corona? Das Wirtschaftsforschungsinstitut und die Statistik Austria schätzen, dass die touristischen Aufwendungen um 8,7 Prozent auf nominell 7,78 Milliarden Euro gestiegen sind. Die direkte und indirekte Wertschöpfung hat 2019 Schätzungen zufolge einen Wert von 5,89 Milliarden Euro erreicht. Davon hat man wohl 2020 und 2021 einen erklecklichen Teil verloren. Ein guter Näherungswert sei der Rückgang bei den Nächtigungen, meint Oliver Fritz vom Wifo. Der Tourismusexperte rechnet erst 2024 mit so etwas wie Normalität im Wien-Tourismus. So lange, wenn nicht sogar darüber hinaus wird wohl auch das Stadtbudget arg strapaziert werden. (Günther Strobl, 18.1.2022)