Weltmeister Vincent Kriechmayr fuhr in Wengen zum Sieg.

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ÖSV-Sportdirektor Toni Giger: "Die Trainings zu verpassen ist sicher kein Wettbewerbsvorteil."

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"Ich lege", sagt Anton Giger, "großen Wert auf die Feststellung, dass wir alle Regeln eingehalten haben." Wir, damit meint der ÖSV-Sportdirektor den österreichischen Skiverband, insbesondere sich selbst und auch Vincent Kriechmayr, um den sich diese Geschichte dreht.

Eine Geschichte, die mit der Corona-Infektion Kriechmayrs begann und in seinem Abfahrtssieg in Wengen gipfelte. Der Oberösterreicher war direkt aus der Quarantäne angereist, hatte beide Trainingsläufe versäumt, aber mit einer Ausnahmegenehmigung des internationalen Verbands (FIS) an den Start gehen dürfen.

Kriechmayr, der Beat Feuz auf Rang zwei verwies, hatte die Schweizer am Samstag also um einen Heimsieg und um einen weiteren Stockerlplatz gebracht – schließlich landete der Gesamtweltcupführende Marco Odermatt hinter dem Italiener Dominik Paris auf Rang vier.

Während Feuz und Odermatt ("Verdienter Sieg"), wenn auch vielleicht zähneknirschend, den Hut vor Kriechmayr zogen, war es für den Schweizer Alpin-Direktor Walter Reusser "nicht in Ordnung, wenn man alles biegt, damit es für gewisse Personen passt". Verbandspräsident Urs Lehmann ortete, wie der "Blick" berichtete, gar "eine der größten Sauereien, die je im Skirennsport passiert sind".

Laut Swiss Ski hätte Kriechmayr gemäß dem FIS-Covid-Regulativ länger in Quarantäne bleiben müssen als fünf Tage. Doch Kriechmayrs positiver Test sei der FIS gar nicht hinterbracht worden.

Einzelfallbehandlung

ÖSV-Sportdirektor Giger will im Gespräch mit dem STANDARD auf die angeblichen Äußerungen der Schweizer nicht eingehen. "Ich selbst habe das nicht gehört, und ich will sicher nicht Ping Pong spielen." Dass aber das FIS-Reglement hingebogen oder gar mit Füßen getreten worden sei, stimme einfach nicht.

"Einerseits kann seitens der FIS eine längere Pause vorgesehen sein", sagt Giger, "andererseits gibt es aber auch Einzelfallbehandlungen." Und um eine solche Einzelfallbehandlung habe es sich in der Causa Kriechmayr gehandelt. Er selbst, Giger, sei mit der FIS permanent in Kontakt gestanden, habe sie vom positiven Test des Rennläufers informiert sowie auch später über einen negativen Test.

Die Werte dieses negativen Tests hätten das Medical Committee der FIS dazu veranlasst, Kriechmayr die Freigabe für Wengen zu geben. Giger sagt, die Email-Nachricht dazu habe er wie Kriechmayr am Mittwochmorgen erhalten. Demnach hätte Kriechmayr in Wengen sogar für die Abfahrt trainieren können, er musste aber noch die Quarantäne der österreichischen Behörden absitzen. Deshalb ging sich kein offizielles Training mehr aus, sondern nur noch eine Pro-Forma-Aktion, bei der Kriechmayr aus dem Starthaus sprang, aber gleich wieder abschwang.

Scherz von Feuz

Lauthals lachen muss Giger bei der Frage, ob Kriechmayr durch die verpassten Trainings vielleicht sogar einen Vorteil hatte. Feuz hatte gesagt, der Österreicher habe "mehr Kraft gehabt als wir anderen". Giger: "Die Trainings zu verpassen ist sicher kein Wettbewerbsvorteil. Sonst würden das ja auch die anderen so tun, im Training rausstarten und gleich wieder abschwingen. Der Feuz hat da einen Scherz gemacht. Und eine Quarantäne ist sicher keine optimale Vorbereitung auf so ein Rennen."

In Wengen war getuschelt worden, dass sich vielleicht sogar FIS-Präsident Johan Eliasch, der frühere CEO von Kriechmayr Skiausrüster Head, für den ÖSV verwendet haben könnte. Laut Giger habe Eliasch andere Sorgen. Und FIS-Renndirektor Markus Waldner leiste insgesamt sehr gute Arbeit und treffe meistens richtige Entscheidungen.

"Ich gebe schon zu, dass in diesem Fall wir von einer FIS-Entscheidung profitiert haben", sagt der ÖSV-Sportdirektor. "Aber es hat auch schon andere Entscheidungen gegeben." (Fritz Neumann, 17.1.2022)