Ein dichtes Programm für das Weltraumjahr 2022 stellte Josef Aschbacher, Generaldirektor der Europäischen Weltraumorganisation (Esa), am Dienstag vor: Satellitenstarts, mögliche Raketen-Premieren, der Aufbruch eines europäischen Marsrovers und die Endauswahl einer neuen Generation von Esa-Astronautinnen und -Astronauten zählen zu den Highlights der kommenden Monate. Aber auch politische Entscheidungen stehen an, die Europas Weichen im Weltall stellen könnten.

Der Marsrover Rosalind Franklin soll im September abheben.
Foto: ESA/ATG medialab

Aufbruch zum Roten Planeten

Ein lange erwartetes Prestigeprojekt ist demnach auf gutem Weg: Der Marsrover Rosalind Franklin soll im September zu unserem Nachbarplaneten aufbrechen. Der ursprünglich bereits für 2020 vorgesehene Start der Mission Exomars hatte verschoben werden müssen, nachdem es Probleme mit dem Fallschirmsystem und mit der Elektronik des Landemoduls gegeben hatte. Nun sei man zuversichtlich, dass der Termin halten werde.

Die Mission ist ein Gemeinschaftsprojekt mit der russischen Raumfahrtagentur Roskosmos, die neben der Trägerrakete zur Beförderung ins All auch die Landeplattform für den Rover bereitstellt. Der Rover, der zu Ehren der britischen Biochemikerin Rosalind Franklin benannt wurde, soll Analysen der Marsoberfläche vornehmen, bis zu zwei Meter in die Tiefe bohren und Proben auf organische Moleküle untersuchen. Ziel ist es, nach Spuren vergangenen Lebens zu suchen und mehr über die einstige Lebensfreundlichkeit unseres Nachbarplaneten herauszufinden.

Potenzielle Premieren

Mit Verspätung könnten auch die neuen Trägerraketen Ariane 6 und Vega C in diesem Jahr erstmals abheben – wenn zuvor alle Tests positiv verlaufen. Genaue Startzeitpunkte gibt es noch nicht. Schon fix sind dagegen mehrere Satellitenstarts, darunter zwei weitere Satelliten des europäischen Navigationssystems Galileo und der erste Meteosat-Wettersatellit der dritten Generation, der Wettervorhersagen deutlich verbessern soll.

Der österreichische Geophysiker und Esa-Generaldirektor Josef Aschbacher warnt vor der steigenden Gefahr von Kollisionen im Erdorbit.
Foto: EPA/FILIP SINGER

Weiters will die Esa ihr bereits umfangreiches Erdbeobachtungsprogramm ausbauen, wobei es hier aktuell zwei Probleme gibt: Einerseits fehlen in diesem Bereich durch den EU-Austritt Großbritanniens 750 Millionen Euro, die bereits projektiert wurden. Laut Aschbacher arbeitet man intensiv an einer Lösung. Zum anderen ist Sentinel 1-B, ein 2016 gestarteter Satellit der europäischen Erdbeobachtungsflotte, aufgrund eines Problems mit der Energieversorgung seit Dezember außer Betrieb. Wann er die Arbeit wiederaufnehmen kann, ist noch unklar.

Aschbacher betonte die Notwendigkeit einer klaren Regulierung der Nutzung des Erdorbits. Die zunehmende Präsenz privater Satelliten, darunter Megakonstellationen wie Starlink des US-Unternehmens Space X, die aus tausenden Flugkörpern bestehen, mache ein gutes Management notwendiger denn je. Schon heute sind immer wieder Ausweichmanöver nötig, um Kollisionen im Orbit zu vermeiden. "So, wie es auf der Straße und im Luftraum ein gutes Verkehrsmanagement braucht, ist das auch im Weltraum nötig", sagte Aschbacher.

Die Astro-Crews der Zukunft

Bis Jahresende soll schließlich das umfangreiche Auswahlverfahren der nächsten europäischen Astronauten abgeschlossen sein. Insgesamt sucht die Esa vier bis sechs festangestellte Astronautinnen und Astronauten sowie bis zu 20 Personen als Reserve. Mehr als 22.000 Bewerberinnen und Bewerber waren 2021 dem ersten Aufruf der Esa seit mehr als einem Jahrzehnt gefolgt, rund 1.400 haben es in die engere Auswahl geschafft. Aschbacher zeigte sich erfreut, dass sich der Anteil an noch im Rennen verbliebenen Bewerberinnen von ursprünglich nur 24 auf 39 Prozent erhöhte. Mit der Italienerin Samantha Cristoforetti wird 2022 auch wieder eine europäische Astronautin zur Internationalen Raumstation fliegen.

Samantha Cristoforetti (im Bild mit einer Barbiepuppen-Version ihrer selbst) wird 2022 zum zweiten Mal in ihrer Karriere ins All reisen.
Foto: Reuters/ESA/ROMY HARINK

Erstmals sucht die Esa auch nach Parastronauten, also Raumfahrerinnen und Raumfahrern mit körperlichen Einschränkungen. Von 287 Bewerberinnen und Bewerbern haben es 29 in die nächste Runde geschafft. Am Ende müssten Machbarkeitsstudien alle Implikationen eines Parastronauten-Flugs ins All untersuchen, sagte Aschbacher. "Wir setzen uns dafür ein, den Weltraum für alle zu öffnen."

Mond im Blick

Fieberhaft blicke man auch dem Start der Nasa-Mission Artemis 1 entgegen, mit der die USA wieder einen großen Schritt in Richtung Mond machen wollen. Die Esa steuert das Servicemodul für das Orion-Raumschiff bei, das unter anderem das Haupttriebwerk beherbergt sowie die Stromversorgung und die Klimatisierung des Raumschiffs sicherstellt. Der frühestens für März geplante Testflug findet noch ohne Menschen statt, 2024 soll dann aber eine Crew zum Mond geschickt werden.

Das Raumschiff Orion soll wieder Menschen zum Mond bringen, die Esa ist mit dem Servicemodul daran beteiligt.
Illustration: NASA/ESA/ATG Medialab

Insgesamt baut die Esa sechs solcher Servicemodule für die Nasa, als Gegenleistung sollen europäische Astronautinnen und Astronauten zur künftigen Raumstation Lunar Gateway mitgenommen werden. Sind in weiterer Folge auch Mondlandungen von Europäerinnen oder Europäern vorgesehen? "Darüber gibt es noch keine Einigung", sagte Aschbacher, "die Verhandlungen laufen auf Hochtouren. Ich hoffe, wir haben bis Sommer eine Zusage."

Ein eigenes Transportsystem?

Die Frage, ob Europa nicht langfristig ein eigenes Transportsystem entwickeln sollte, um Menschen ins All zu bringen, sei eine politische, sagte der Esa-Generaldirektor. Gleichzeitig verdeutlichte er, dass die Esa in diesem Bereich im Vergleich mit anderen großen Weltraumplayern zurückliege. "Derzeit haben wir das Geld dafür nicht. Für Weltraumexploration geben wir etwa sieben Prozent dessen aus, was die Nasa ausgibt." Wie viel die Entwicklung eines solchen Transportsystems kosten würde, müssten Studien zeigen. Aschbacher: "Ich hoffe, wir erhalten von der Politik den Auftrag dazu, solche Studien durchzuführen und die Optionen auf den Tisch zu legen."

Das Esa-Budget für 2022 beträgt insgesamt 7,15 Milliarden Euro, die größten Teile davon entfallen auf die Bereiche Erdbeobachtung (22,5 Prozent), Navigation (21,4 Prozent), Raumtransporte (14,1 Prozent) sowie Weltraumexploration (inklusive astronautischer Raumfahrt, 13 Prozent). Der österreichische Beitrag liegt bei rund 50 Millionen Euro. (David Rennert, 18.1.2022)