Russische Fallschirmjäger auf dem Weg zu einer Militärübung nach Belarus vergangenen Herbst.

Foto: REUTERS/Vitaly Nevar

Blufft Wladimir Putin, oder steht tatsächlich eine großangelegte Invasion in die Ukraine bevor? So wirklich weiß das im Moment wohl nur der russische Präsident selbst – sofern er sich denn überhaupt schon für eine Variante entschieden hat. Darüber, wie ernst die aktuelle Lage genommen werden muss, ist aber bereits jetzt eine handfeste Diskussion unter Analytikerinnen und Analytikern entstanden.

Sie war in den vergangenen Tagen auch beim Gedankenaustausch in sozialen Netzwerken zu verfolgen. Brian Taylor, Politikwissenschafter an der Syracuse University in New York, fasste es am Montag prägnant zusammen: Jene, die sich vor allem mit russischen Truppenbewegungen befassen, warnen in schrillen Tönen – während andere, die in Moskau Staatsmedien und Kreml-Messaging verfolgen, noch eher ruhig seien. Eine Mobilisierung der Menschen für einen Krieg lasse sich dort noch nicht vernehmen.

Stimmt die Beobachtung? Und wie passt das zusammen? Tatsächlich beherrschen die Themenkreise Ukraine und Russlands Beziehungen zum Westen derzeit durchaus wieder Schlagzeilen in den russischen Medien. Im Vergleich zu 2014 ist die Tonlage momentan noch etwas gedämpfter. Natürlich werden Waffenlieferungen wie jene Großbritanniens an Kiew – von Kreml-Sprecher Dmitri Peskow als "höchst gefährlich" bezeichnet – scharf kritisiert. Natürlich schlachtet die russische Presse den Machtkampf zwischen dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj und seinem Vorgänger Petro Poroschenko genüsslich aus. Und natürlich bleibt das Adjektiv "russophob" eins der am häufigsten genutzten Attribute zur Beschreibung des Nachbarlands. Die massive Spannung, aber auch die Kriegseuphorie von vor sieben Jahren haben sich jedoch gelegt.

"Noch einmal nachdenken"

Die Sorge vor einer Eskalation der Beziehungen zum Westen scheint in den russischen Medien ebenfalls durch. Natürlich könne Moskau für sich einstehen, so der Tenor. Aber besser wäre es doch, wenn man sich einigen könnte. Zugleich ist aber auch Frust über die nach Ansicht Moskaus unrichtige Darstellung des russischen Forderungskatalogs im Westen zu spüren. Obwohl schon bei dessen Veröffentlichung auch des Liberalismus unverdächtige Moskauer Experten von einem Ultimatum gesprochen haben, wird er in russischen Staatsmedien als reine Ansammlung legitimer Sicherheitsinteressen dargestellt.

Und da kommen auch wieder die Militäranalytiker ins Spiel: "Wenn Sie glauben, dass das kein Bluff mehr sein kann: wunderbar. Wenn Sie aber der Meinung sind, dass das nicht großflächig wird", schreibt etwa Michael Kofman vom Thinktank Center for Naval Analyses auf Twitter über eine mögliche Invasion, "dann würde ich vorschlagen, dass Sie noch einmal nachdenken."

Er bezieht sich damit vor allem auf das Material, das für die jüngsten Übungen – zusätzlich zu den schon rund 100.000 Soldaten an der Grenze – nach Belarus gebracht worden ist. Güterzüge, die aus mehreren Regionen Russland westwärts rollen und Panzer sowie Raketenwerfer transportieren, sind auf zahlreichen Fotos zu sehen, ebenso Aufnahmen von russischem Militärmaterial, das durch Belarus transportiert wird. Ein gemeinsames Manöver, das dem Training der "Gefahrenabwehr" dienen soll, ist dabei erst für die Zeit von 10. bis 20. Februar avisiert, wie es Dienstag hieß. Laut russischem Militär sind 13.000 Soldaten dafür vorgesehen.

Reservisten einberufen

Mit dem Equipment wäre laut dem Analytiker Konrad Muzyka, der eine Antwort auf Kofmann verfasst hat, vom US-Unternehmen Rochan Consulting aber auch Kiew in wenigen Tagen erreichbar. Bisher würden dafür die nötigen Truppen fehlen, die aber relativ schnell an den Einsatzort gebracht werden könnten. Die Forscherin Dara Massicot von der US-amerikanischen Rand Corporation weist dazu auf die Einberufung von Reservisten in die Kasernen im Osten Russlands hin. Diese könnten die dort stationierten Truppenteile ersetzen, wenn diese anderswo für den Einsatz gebraucht werden.

Es bleibt ein gemischtes Bild. Handelt es sich um eine Drohkulisse, scheint Moskau in diese viel Geld und Aufwand zu investieren. Zugleich würde ein Krieg wohl auch für viele Menschen in Russland überraschend kommen. Das Rätselraten über die Intentionen des Kreml geht weiter – so, wie dieser sich das vermutlich wünscht. (André Ballin aus Moskau, Manuel Escher, 18.1.2022)