Seine Formel hat ihn ebenso weltberühmt gemacht wie das nach ihm benannte Gedankenexperiment: Die 1925/26 aufgestellte Schrödingergleichung der Wellendynamik revolutionierte die Atomtheorie und brachte ihm den Physiknobelpreis 1933 ein. Sie ziert nicht nur das Kreuz auf seinem Grab in Alpbach, sondern unter anderem auch seine Büste im Arkadenhof der Universität Wien. "Schrödingers Katze" hat sich längst vom quantentheoretischen Hintergrund abgelöst und sich in der Populärkultur verselbstständigt.

Erwin Schrödinger (1887–1961) trug maßgeblich zur Revolution der Quantenphysik bei. War der Physiker ein "parthenophiler Täter"?
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Auch wenn der Mitbegründer der Quantenmechanik bereits Anfang 1961 starb, ist er in der Wissenschaft nach wie vor erstaunlich präsent. Im Vorjahr erschienen gleich zwei Bücher, die den Titel "What is Life?" beziehungsweise "Was ist Leben?" tragen (eines davon übrigens von Nobelpreisträger Paul Nurse) und damit ganz bewusst Schrödingers Klassiker aus dem Jahr 1944 zitierten: Mit seiner damaligen Hinwendung zur Biologie hat der österreichische Physiker viele Molekularbiologen – darunter auch James Watson und Francis Crick – nachhaltig inspiriert.

Ende des Vorjahres geriet aber auch das bewegte Liebesleben Schrödingers in Diskussion. Bekannt ist, dass der Physiker mit seiner Frau Annemarie eine offene Beziehung lebte und einige Affären hatte. Etliche Jahre ihres Lebens verbrachten sie in einer Ménage-à-trois mit Hildegunde March, der Frau seines Assistenten, mit der Schrödinger eine Tochter hatte. Wegen eben dieser Dreiecksbeziehung dürfte Schrödingers Professur in Oxford Mitte der 1930er-Jahre untragbar geworden sein.

Verdächtige Beziehungen

Dieses unkonventionelle Liebesleben wurde gleich mehrfach unter Verdacht gestellt: Der Physiker und Bestsellerautor Carlo Rovelli behauptet in seinem im Herbst 2021 auch auf Deutsch erschienenen Buch "Helgoland" (Rowohlt), dass Schrödinger "stets zeitgleich mehrere Geliebte hatte und aus seiner Schwäche für junge Heranwachsende keinen Hehl machte". Im Exil in Irland, wo Schrödinger von 1939 bis 1956 lebte, habe er "von zwei Studentinnen jeweils ein Kind bekommen", wie Rovelli schreibt.

Sehr viel dicker kommt es in einem Artikel in der "Irish Times", der im Dezember 2021 (kostenpflichtig) erschien: Da ist gleich im Titel von Schrödingers "Lolitakomplex" die Rede, dem er "in Irland gefrönt" habe. Bezug genommen wird dabei auf die im Original über 500-seitige Biografie "Schrödinger: Life and Thought" des US-Chemikers Walter Moore aus dem Jahr 1989 und eine darin geschilderte Begebenheit: Der damals 53-jährige Schrödinger habe sich in die damals zwölfjährige Barbara MacEntee verliebt. Erst ein ernstes Wort vermutlich von Barbaras Onkel, dem Mathematiker und Priester Pádraig de Brún, habe den österreichischen Physiker von weiteren unangenehmen Annäherungen abgehalten.

Schwere Vorwürfe

Unmittelbar danach fährt der irische Journalist etwas unvermittelt eine schwere Anschuldigung auf: Schrödinger sei ein Serientäter gewesen, dessen Verhalten dem Profil eines Pädophilen im weiteren Sinn des Wortes entsprach. Als Beweis dafür wird – wieder unter Bezugnahme auf Moores Schrödinger-Biografie – von der Affäre Schrödingers mit Ithi Junger berichtet, die begann, als er 39 und sie 14 war.

Mit 17 sei Ithi von ihm schwanger gewesen und hätte eine katastrophale Abtreibung gehabt, heißt es im Text in der "Irish Times". Weitere angebliche Liebesbeziehungen mit minderjährigen Frauen (mit der 15-jährigen Felice Krauss und der 16-jährigen Annemarie Bertel, seiner späteren Frau) werden aufgezählt – und fertig ist der Serienmissbrauchstäter.

Anfang dieses Jahres griff der Irland-Korrespondent der Tageszeitung "Taz" den Artikel auf, wiederholte dessen Kernaussagen in deutscher Übersetzung und legte an Schrödingers 61. Todestag am 4. Jänner 2022 (den der Taz-Journalist kurzerhand zum 60. machte) noch einmal nach: Unter der Kopfzeile "Missbrauch und Verachtung" und dem Titel "Nicht zu relativieren" wird dem Physiker der Missbrauch minderjähriger Mädchen vorgeworfen.

Schrödinger sei "parthenophil" gewesen, habe also erotisch-sexuelles Interesse an pubertären Mädchen gehabt. Einen Tag später stimmte der Tagesspiegel, von der "Taz" abkupfernd, in die schweren Schrödinger-Beschuldigungen ein – ebenfalls mit falschem 60. Todestag, ohne neue Fakten, aber mit der noch drastischeren Überschrift "Gefeierter Physiker, ungenierter Missbrauchstäter".

Täter und/oder Opfer?

Nach diesen Texten fand sich im deutschen Wikipedia-Eintrag über Erwin Schrödinger ein eigener Absatz unter dem Stichwort "Parthenophilie" mit dem Vorwurf, dass der Physiker "ein wiederholender parthenophiler Täter" gewesen sei. Als Quellen dienen einzig die drei Zeitungsartikel, die übrigens allesamt von Männern stammen. Zudem wird dem Biografen Moore vorgehalten, er hätte die Missbrauchstaten als "Lolitakomplex" verharmlost. (Dieser Absatz wurde zwischenzeitlich wieder gelöscht, zur Wikipedia-Diskussion darüber geht es hier, die Red.)

Wie berechtigt sind diese Vorwürfe? Werden hier verurteilenswerte Handlungen auch im Licht der MeToo-Debatte erstmals beim richtigen Namen genannt? Oder sind sie eher der Kategorie posthumer Rufmord zuzuordnen?

Faktum ist, dass Schrödingers Liebesbeziehungen für etliche der begehrten Frauen problematische Seiten hatte, was auch Schrödinger selbst eingestand. Wie viele es waren, ist nicht so ganz klar. Eine von Schrödinger erstellte Liste mit insgesamt 13 Frauennamen (darunter auch seine ersten noch platonischen Liebschaften als Gymnasiast und Student) dürfte aber einigermaßen vollständig sein. Diese ominöse Liste findet sich im ansonsten rein wissenschaftlichen Schrödinger-Nachlass, der in der Zentralbibliothek für Physik der Universität Wien aufbewahrt wird.

Unrichtige Angaben

Tatsache ist aber eben auch, dass alle "neuen Fakten" schon in der über 30 Jahre alten Biografie von Moore zu finden sind. Nur sind sie nun nicht nur zu konkreten Anschuldigungen umgedeutet, sondern zum Teil auch falsch wiedergegeben, damit die Vorwürfe besser "halten". So etwa begann die sexuelle Annäherung an die in Salzburg geborenen Ithi Junger laut Moore, nachdem sie 16 geworden war. Nicht lange nach dem 17. Geburtstag begann dann ihre sexuelle Beziehung, so Moore weiter.

Die Abtreibung habe laut Moore nicht mit 17 stattgefunden, sondern drei Jahre später mit 20, durchgeführt von einem höchst qualifizierten Arzt. Ob sie der Grund dafür war, dass Ithi später Fehlgeburten erlitt, ist nicht sicher. Die junge Frau scheint im Übrigen auch nach der mutmaßlichen Abtreibung ein sehr gutes freundschaftliches Verhältnis zum Physiker gehabt zu haben. Davon zeugt ein überaus herzliches Schreiben der damals 21-jährigen Ithi, nachdem Schrödinger 1933 den Nobelpreis erhalten hatte. (Moore erwähnt diesen Brief in seiner Biografie übrigens nicht.)

Felicie Krauss wiederum (und nicht Felice, wie die "Irish Times" schreibt) war laut Moore 17 und nicht 15, als sich Schrödinger in sie verliebte. Diese Zuneigung blieb zudem platonisch, wie Moore schrieb. Und die Beziehung zu Schrödingers späterer Frau wurde laut der Biografie erst ernst, nachdem Annemarie Bertel 19 geworden war.

Unrichtig ist im Übrigen auch die Angabe Rovellis, dass die beiden Frauen, mit denen Schrödinger in Irland Kinder hatte, Studentinnen gewesen seien (was indirekt insinuiert, dass er ein Abhängigkeitsverhältnis ausgenützt haben könnte): Die eine war zum Zeitpunkt des Kennenlernens 26 und arbeitete für die Stadtverwaltung von Dublin, die andere war Schauspielerin, linke politische Aktivistin, Publizistin und zudem seit fünf Jahren verheiratet. Ihr Alter ist unbekannt.

Bleibt damit aber auch die Frage, wie viel an dem von Moore sogenannten Lolitakomplex Schrödingers dran ist. Der Biograf selbst nannte neben Ithi Junger und Barbara MacEntee "nur" noch eine dritte junge Frau, die in diese Kategorie fiel, nämlich Lotte Rella. Doch als Schrödinger sich in Lotte letztlich "erfolglos" verliebte, war er selbst noch Gymnasiast in Wien. Laut der Liste mit den 13 Namen, mit denen jeweils ein Jahr korrespondiert, war er sogar erst elf.

Viele Vermutungen

Das führt zur weiteren Frage, wie vertrauenswürdig die Biografie Moores ist, die nach wie vor als wichtigste Referenzquelle für Schrödingers Leben gilt und 2015 auch ins Deutsche übertragen wurde. Dem 2001 verstorbenen US-Chemiker wurden noch von Tochter Ruth Braunizer, die 2018 starb, Einblicke in die umfangreichen privaten Unterlagen ihres Vaters gewährt, darunter auch in dessen Tagebuchaufzeichnungen, die Schrödinger als "Ephemeridae" (also "Eintagsfliegen") bezeichnete.

Doch wie sich Schrödingers Enkel Leonhard Braunizer im Gespräch mit dem STANDARD erinnert, sei eine Mutter über die Biografie "sehr traurig" und "betroffen" gewesen; vor allem wegen vieler spekulativer Behauptungen über das Privat- und Liebesleben seines Großvaters, die in der Biografie "vielfach undokumentierte und psychologisierende Vermutungen" geblieben seien. Nach Erscheinen der Biografie habe die Familie jeden Kontakt zu Moore abgebrochen.

Die neuen Vorwürfe und Anschuldigungen hält der in Kanada lebende Schrödinger-Enkel für "unerhört" und "völlig unter der Gürtellinie". Er wolle aber rechtlich nichts dagegen unternehmen und müsse das wohl oder übel ertragen. Ob sich die Vorwürfe je alle klären lassen werden? Antworten würde man wohl noch am ehesten im privaten Schrödinger-Nachlass finden, den Leonhard Braunizer 2020 dem Brenner-Archiv an der Uni Innsbruck übergab. Dort ist er allerdings von der Familie bis auf weiteres gesperrt.

Nachsatz: "Klatsch" wird "Skandal"

Erwin Schrödinger selbst hinterließ nur eine sehr fragmentarische Autobiografie unter dem Titel "Mein Leben". In einer bezeichnenden Passage geht es auch um sein Liebesleben: "Ein echtes Lebensbild zu schaffen, dazu fehlt […] auch die Möglichkeit, weil das Fortlassen der Beziehungen zu Frauen einerseits in meinem Falle eine große Lücke ergibt, andererseits geboten erscheint, erstens des Klatsches wegen, zweitens weil sie kaum genügend interessant sind, drittens weil in diesen Dingen kein Mensch wirklich ganz aufrichtig und wahrhaftig ist oder auch nur sein darf."

Diese Passage zitierte auch Schrödingers Biograf Walter Moore, der nur sehr schlecht Deutsch konnte, in der englischen Originalfassung seiner Biografie wörtlich. Er übersetzte Klatsch allerdings nicht mit "gossip", sondern mit "scandal". (Klaus Taschwer, 19.1.2022)