Null Punkte, zweitschlechteste Abwehr des Turniers: Österreichs Handballer enttäuschten bei der Europameisterschaft auf ganzer Linie.

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ÖHB-Teamchef Ales Pajovic steht in der Kritik.

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Sportdirektor Patrick Fölser registriert eine gestiegene Erwartungshaltung.

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"Nicht nur mir", sagt Patrick Fölser, "geht es nach dieser Enttäuschung nicht gut." Fölser, Sportdirektor des Österreichischen Handball Bundes (ÖHB), hat sein Auto mit allerlei Utensilien des Verbands vollgepackt und ist zeitig in der Früh am Tag nach dem Ausscheiden aus Bratislava abgereist. Nur schnell weg. Drei Spiele, drei Niederlagen, null Punkte. Im österreichischen Handball herrscht Katerstimmung nach dem vorzeitigen Scheitern in der Gruppenphase der Handball-Europameisterschaft.

Zur Tagesordnung wird, das versichert Fölser im Gespräch mit dem STANDARD, nicht übergangen werden. Dafür war vor allem der Auftritt im dritten und letzten Gruppenspiel gegen Belarus (Weißrussland) zu blamabel. Bei der 26:29-Niederlage "wirkte es so, also ob jemand der Mannschaft nach 15 Minuten den Stecker gezogen hätte". Kein Tempo mehr, kein Aufbäumen, kein ordentlicher Abschied.

Über dem Zenit

Dass die EM derart in die Hose gegangen ist, hat natürlich Gründe. Mit Janko Bozovic (36 Jahre), Robert Weber (36), Fabian Posch (34) und Golub Doknic (39) haben mehrere Leistungsträger im ÖHB-Team ihren sportlichen Zenit bereits überschritten. Es ist Zeit für einen Generationswechsel. "Wir brauchen frisches Blut, haben aber keine 100 Spieler im Talon, die Champions League spielen können wie die Deutschen." Die Pandemie habe auch die Nachwuchsarbeit verlangsamt, viele Lehrgänge mussten Corona-bedingt abgesagt werden. Dass Österreichs bester Handballer, Nikola Bilyk, weit weg von seiner Bestform agierte, ist dem 25-jährigen Kiel-Legionär nach einer einjährigen Knieverletzungspause kaum anzulasten. "Bei Kiel bekam Niko seit seinem Comeback sehr wenig Spielanteile, er braucht noch Zeit."

Bilyk erzielte bei der Euro 2022 14 Tore. Zum Vergleich: Bei der Heim-EM 2020 in Wien gelangen Bilyk allein in der Gruppenphase 28 Tore, am Ende war er mit 46 Toren drittbester Torschütze des Turniers. Dass Lukas Hutecek, Legionär bei Lemgo, nach einer Knöchelverletzung im Auftaktspiel gegen Polen ausfiel, tat sein Übriges. "Huti geht durch die gegnerische Abwehr wie das heiße Messer durch die Butter." Kleine Handballnationen können den Ausfall von Schlüsselspielern nicht kompensieren.

Baustelle Tor

Mit 99 Gegentoren in drei Spielen formierte man die zweitschlechteste Abwehr des Turniers. Nur die Ukraine bekam mehr Gegentore (105). Die Auslosung war schwierig. "Gegen Weißrussland haben wir bei der Heim-EM am Ende um Platz acht gespielt. Da bist du in der Spitze Europas und damit auch in der Spitze der Welt unterwegs."

Eine Baustelle hat Österreich auf der Torhüter-Position. Thomas Eichberger, dessen Stern bei der Heim-EM mit starken Paraden aufgegangen war, hat nach seinem dritten Bandscheibenvorfall selbst in der zweiten deutschen Liga bei Eisenach kein Leiberl. Ein anderer Kandidat fürs Teamtor war Kristian Pilipovic. War, weil der gebürtige Kroate nach 35 Länderspielen für Österreich just drei Monate vor der Heim-EM 2020 seine Teamkarriere beendete. Vergangenen November verkündete der 27-Jährige, zukünftig für sein Geburtsland zu spielen. "Es gab damals einen Vorfall in einem Trainingscamp. Für uns ist das bitter, weil er alle Stationen im österreichischen Handball durchlaufen hat." Bei der Euro steht Pilipovic im Kader der Kroaten, kam aber bisher keine Minute zum Einsatz. Der ÖHB griff auf Golub Doknic zurück, der in der heimischen Liga für Hard im Kasten steht. Gegen Polen hatte der 39-Jährige 16 und gegen Belarus 18 Prozent Abwehrquote.

Keine Schnellschüsse

Mit EM-Rang 20 ist das ÖHB-Team in der kommenden WM-Quali nicht gesetzt und muss in ein Vor-Playoff. Teamchef Ales Pajovic ist nicht mehr unumstritten. Selbst die dem ÖHB üblicherweise wohlgesinnten ORF-Kommentatoren Johannes Hahn und Ex-Teamspieler Konrad Wilczynski übten harte Kritik am Auftritt der Mannschaft. Die Erwartungshaltung an das ÖHB-Team ist gestiegen. Seit 2010 qualifizierte man sich neunmal für eine Endrunde, sei es EM oder WM. Der 43-jährige Pajovic hat noch einen laufenden Vertrag bis 2023. "Wir werden keine Schnellschüsse machen", sagt Fölser, "und wir werden nicht überdramatisieren. Vor zwei Jahren sind wir uns noch jubelnd in den Armen gelegen. Mit derselben Mannschaft." (Florian Vetter, 19.1.2022)