Im Malteserorden regt sich einmal mehr Unmut im Zusammenhang mit der seit Jahren geplanten Reform des jahrhundertealten Ritterordens. Ein vom Gesandten des Papstes vorbereiteter Entwurf für die Neuordnung der Verfassung des eine Krise durchmachenden katholischen Ordens bedrohe den souveränen Status der jahrhundertealten Organisation, lautet die Befürchtung. Die Malteser würden damit zu einem "Subjekt des Heiligen Stuhls" degradiert und den Status eine nichtstaatlichen Völkerrechtssubjekts verlieren.

Der Malteserorden ist neben dem Heiligen Stuhl und dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz eines von weltweit nur drei anerkannten nichtstaatlichen Völkerrechtssubjekten. Die Malteser haben zwar seit ihrer Vertreibung aus Malta durch Napoleon Bonaparte im Jahr 1798 kein staatliches Territorium mehr, verfügen aber trotzdem über eigenstaatliche Strukturen wie eine Regierung, Verfassung, Reisepässe und sogar Autokennzeichen. Mit mehr als hundert Staaten werden diplomatische Beziehungen gepflegt, bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen hat man den Status eines Ständigen Beobachters. Der Orden leistet weltweit humanitäre Hilfe, in Österreich wird unter anderem ein Rettungsdienst betrieben, auch Coronaimpfungen werden organisiert. Ohne den souveränen Status würde die humanitäre Arbeit des Ordens in Krisengebieten erschwert.

Offener Konflikt

Vor fünf Jahren waren um den Jahreswechsel 2016/2017 Konflikte in der Führung des Ordens und in der Beziehung der Ritter zum Heiligen Stuhl offen zutage getreten. Der damalige Großmeister Matthew Festing hatte seinen Großkanzler Albrecht von Boeselager des Amtes enthoben, eine Entscheidung, die von Papst Franziskus aufgehoben wurde. Boeselager, der als Großkanzler die Funktion eines Regierungschefs und Außenministers erfüllt, wurde wieder in sein Amt eingesetzt, Festing musste zurücktreten – eine Ungeheuerlichkeit in Anbetracht der Tatsache, dass der Großmeister auf Lebenszeit gewählt wurde. Vordergründig ging es bei dem Konflikt um Hilfsprogramme unter Beteiligung der Malteser, bei denen in Myanmar auch Kondome verteilt wurden. Im Hintergrund spielte sich jedoch ein Kampf um Glaubensgrundsätze und die künftige Ausrichtung des Ordens ab. Letztlich handelt es sich um einen Schauplatz des Konflikts zwischen Franziskus und seinen konservativen Gegnern im Vatikan.

Großmeister Matthew Festing wurde vom Papst vor rund fünf Jahren zum Rücktritt gezwungen, er starb im vergangenen November.
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Der Papst entmachtete auch Raymond Leo Burke, den Kardinalpatron der Malteser, der eigentlich der Vertreter des Papstes beim Orden sein sollte, jedoch selbst in die Ränke verstrickt gewesen sein soll. Stattdessen ernannte er Kardinal Giovanni Angelo Becciu zu seinem päpstlichen Delegaten beim Malteserorden. Er sollte die Malteser spirituell und moralisch erneuern. Becciu stolperte aber in seiner Funktion als Präfekt der mächtigen Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse im Jahr 2020 über eine Affäre um Amtsmissbrauch und Veruntreuung und legte seine Ämter und sogar seine Kardinalswürden zurück.

Führungswechsel

Auch die Führung des Ordens selbst kam personell nicht zur Ruhe. Giacomo Dalla Torre del Tempio di Sanguinetto, der nach einer Übergangsphase zu Festings Nachfolger als Großmeister gewählt wurde, starb im April 2020. Im November 2020 wurde Marco Luzzago für ein Jahr zum Luogotenente, also zum amtierenden Statthalter des Großmeisters gewählt. Festing starb im vergangenen November im Alter von 71 Jahren, er wurde Anfang Dezember in der St. John's Co-Cathedral in Valletta beigesetzt – als erster Großmeister des Ordens seit 1623.

Die Regierung des Malteserordens im vergangenen Juni bei Papst Franziskus. Der amtierende Statthalter des Großmeisters Marco Luzzago steht zur Rechten des Papstes.
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Gesandter mit weitreichenden Befugnissen

Nach Beccius Entlassung ernannte der Papst ebenfalls im November 2020 Kardinal Silvano Tomasi zu seinem neuen Gesandten bei den Maltesern. Im vergangenen Oktober stattete Franziskus Tomasi mit weitreichenden Befugnissen aus. Notfalls dürfe Tomasi auch über den Ordenskodex hinweg in Konflikte eingreifen. Der Gesandte soll den Termin für ein außerordentliches Generalkapitel festsetzen und dabei den Vorsitz führen. Bei dieser obersten Ordensversammlung soll der neuen Verfassungsentwurf vorgelegt werden. Schließlich soll der Große Staatsrat einberufen werden, um einen neuen Großmeister zu wählen. Bis dahin wurde Luzzagos Amtszeit verlängert.

Silvano Tomasi hat päpstliches Durchgriffsrecht beim Malteserorden.
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Der Entwurf Tomasis für die Verfassungsreform dürfte der Ordensregierung nun in Kürze vorgelegt und das Generalkapitel einberufen werden, was seine Schatten vorauswirft.

Manifest eines Großinquisitors

Am vergangenen Dienstag verschickte ein – vermutlich US-amerikanisches – Mitglied des Ordens unter dem Pseudonym Robert Bellarmine ein zehnseitiges Manifest mit dem Titel "Hände weg vom Malteserorden!" an zahlreiche andere Ritter. Der Papst wolle die Souveränität der Malteser abschaffen, ist zu lesen, Franziskus wolle den Status des Ordens auf einen religiösen Verein reduzieren. Der Papst sei zwar Hirte und Lehrer in Fragen des Glaubens und der Moral, er sei aber nicht der Oberbefehlshaber in der Verwaltung, Politik und Regierung des Ordens. Eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten sei ein Machtmissbrauch.

Vergleich mit Schicksal der Tempelritter

Der Autor des Pamphlets erörtert lang und breit den Sturz Festings. Der Papst habe sein Protektionskind Boeselager einfach wieder eingesetzt, was eine ungerechtfertigte und ungerechte Einmischung in die Ordensangelegenheiten dargestellt habe. Franziskus habe jedoch niemals die Verteilung von Verhütungsmitteln kritisiert, moniert "Bellarmine", der die Malteser auch mit den Tempelrittern vergleicht: Der bankrotte Vatikan wolle die Finanzen der Malteserritter kontrollieren wie Frankreichs König Philipp IV., der gegen die Templer vorgegangen sei um sich zu bereichern. "Wiederholt sich die Geschichte?", malt "Bellarmine" ein päpstliches Mordkommando gegen die Malteser an die Wand.

Hammer, Sichel und Dollar

Garniert ist das offensichtlich eilig zusammengestellte Manifest unter anderem mit einem Bild Papst Franziskus', als er bei einem Besuch im Jahr 2015 in La Paz von Boliviens Präsident Evo Morales ein Kruzifix mit auf Hammer und Sichel genagelter Jesusfigur erhält. Das bizarre Stück, das widersprüchliche Weltanschauungen vereinigt, ist eine Reminiszenz an ein ähnliches vom spanisch-bolivianischen Jesuiten Luis Espinal Camps geschaffenes Kruzifix. Espinal wurde 1980 während der Militärdiktatur von Paramilitärs ermordet. Weiters wird in "Bellarmines" Pamphlet im Namen "Boeselager" das s mit einem Dollarzeichen geschrieben.

Die Ordensritter und -damen sollen das Manifest, das dem STANDARD vorliegt, an so viele Mitglieder des Ordens wie möglich weiterleiten, schreibt "Bellarmine": "Wir müssen Widerstand leisten!" Die Empfänger sollten jedoch sicherstellen die "Widerstandserklärung" nicht an Personen außerhalb des Ordens weiterzugeben, sondern ausschließlich an "angesehene Ritter und Damen". Roberto Bellarmino war im 16. und 17. Jahrhundert ein Theologe und Kardinal, der unter anderem als Großinquisitor den Astronomen und Philosophen Giordano Bruno auf dem Scheiterhaufen verbrennen ließ.

Silvano Tomasi erhielt seine Kardinalsbiretta im Jahr 2020.
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Großkanzler äußert sich zu Tomasis Verfassungsentwurf

Großkanzler Boeselager äußerte am Mittwoch in einem Brief an die Mitglieder der Ordensregierung, des Regierungsrates, die Superioren der Ordensgliederungen und an die beim Orden akkreditierten Botschafter die Sorge, dass die jüngsten Reformvorschläge des Heiligen Stuhls den Status der Souveränität bedrohen könnten, berichtet die Nachrichtenagentur AP, die Zugang zu dem Brief Boeselagers hat. Die Vorschläge würden den Zusicherungen des Papstes widersprechen, wonach die Souveränität des Ordens nicht angetastet werde. Seine Einwände würde er normalerweise direkt beim Heiligen Stuhl vorbringen – von einem souveränen Staat zum anderen. "Aber dieser Weg ist mir versperrt", schrieb Boeselager und deutete damit an, dass aktuell ein direkter Kontakt zum Vatikan für ihn nicht möglich sei. Er könne die Änderungen nicht guten Gewissens akzeptieren und werde daher seine Rolle im Reformprozess aufgeben. Bei dem von Tomasi angesetzten Treffen mit der Ordensführung ab Montag, bei dem der Entwurf diskutiert werden soll, werde er sich von zwei Delegierten vertreten lassen.

Regierungsmitglied beruhigt

Auf Anfrage des STANDARD bezieht ein Regierungsmitglied der Malteser Stellung zu dem im Internet kursierenden Manifest. Der Tiroler Gottfried Kühnelt-Leddihn ist Mitglied des elfköpfigen Souveränen Rates des Malteserordens. Er könne zwar aufgrund der eidlichen Verschwiegenheitsverpflichtung keine Details des Entwurfes für die Verfassung weitergeben, sagt Kühnelt-Leddihn. Die Anschuldigungen gegen Boeselager, er wolle den Orden in eine NGO verwandeln, seien jedoch ehrenrührig und entbehrten jeder Grundlage. Boeselager sei sich der Konsequenzen, die sich durch den Entwurf für das karitative Engagement des Ordens ergeben könnten, "voll bewusst".

"Er hat daher die notwendigen Maßnahmen ergriffen, um zu verhindern, dass durch eine geänderte Verfassung Zweifel an unserer völkerrechtlich abgesicherten Souveränität entstehen und gestreut werden können". Der Malteserorden unterstehe als Orden der katholischen Kirche dem Heiligen Stuhl nach dem Kirchenrecht. Dieser könne als oberster Repräsentant des Vatikanstaates dem Malteserorden aber nicht die Eigenschaft eines Völkerrechtssubjektes zuerkennen, sondern diese nur anerkennen. Völkerrechtssubjekt wurde der Orden durch die Herrschaft über Rhodos und Malta. "Nach dem Gebietsverlust 1798 behielt der Orden diese Eigenschaft, bekräftigt durch den Austausch von Gesandten", sagt Kühnelt-Leddihn. (Michael Vosatka, 22.1.2022)