Die vielen positiven Corona-Tests sorgen auch bei der Datenerfassung der Neuinfektionen für Verzögerungen.

Foto: REUTERS

Wien/Innsbruck – Tirol ist mit einer Inzidenz von 2.464 derzeit Österreichs Corona-Hotspot. Zugleich melden die Tirol Kliniken, dass sie langsam zum Normalbetrieb zurückkehren, da die Zahl der Intensivpatienten (31) seit zwei Wochen rückläufig ist. Auch in Wien finden mittlerweile wieder elektive Eingriffe – also aufschiebbare Operationen – statt. In der Bundeshauptstadt befindet man sich derzeit auf den Stufen drei (Normalstation) und vier (Intensivstation) des neunstufigen Notfallplans. Aus dem Büro von Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ) heißt es, dass Eingriffe, die wegen der Auslastung in der vierten Covid-Welle verschoben werden mussten, mittlerweile nachgeholt werden.

Eine Entwarnung gibt es jedoch nicht: Die Normalstationen stünden kurz vor der neuerlichen "Hochschaltung". Heißt: Dann muss in den Spitälern mehr Platz für Covid-Erkrankte geschaffen werden – etwa durch die Umwidmung von Stationen. Mit Stand Dienstag waren in Wien 249 Normalstationsbetten belegt, die Zahl dürfte laut den Berechnungen des Covid-Prognosekonsortiums aber stark steigen. Für Anfang Februar werden 484 belegte Covid-Betten prognostiziert. Das wäre eine Auslastung von 62 Prozent der für Covid-Erkrankte vorgesehenen Betten. In Tirol gehen die Fachleute davon aus, dass der Belag von 99 auf 165 Betten steigt (89 Prozent Auslastung). Hier schlagen die Infektionen laut Berechnungen auch in den Intensivstationen ein. Am 3. Februar könnte demnach eine Auslastung von 81 Prozent der Covid-Betten erreicht werden.

Viele Abweichungen

Stark gestiegen ist auch die Zahl der Infizierten. Nach dem Höchstwert von fast 28.000 Neuinfektionen am Mittwoch gingen die Ansteckungen am Donnerstag leicht zurück. Im Epidemiologischen Meldesystem (EMS) schienen in der Früh rund – nicht bereinigte – 25.600 Neuinfektionen auf. Das heißt: Diese Zahl musste noch um doppelte oder falsche Einträge korrigiert werden. Endgültige Daten wurden am Donnerstag aus den Ministerien erstmals nicht publiziert. Grund ist eine nicht abgeschlossene Datenbereinigung, hieß es aus dem Gesundheitsministerium.

Der starke Anstieg der Neuinfektionen sei aber zuvor prognostiziert worden, sagt der Simulationsforscher Niki Popper. Aber bei der Zählung der Fälle gebe es "Abweichungen nach unten und nach oben ohne Ende". So würden etwa die verzögerten Resultate von Schultests in die Meldungen Tage danach einfließen, auch bei den Tests von Touristinnen und Touristen komme es zu solchen Verschiebungen.

Verzögerte Testresultate

Im Gesundheitsministerium bestätigt man das. Grund für die Zahlenunabwägbarkeiten sei der Umstand, dass in Österreich, anders als etwa in Großbritannien oder Italien, mehrmals täglich Zahlen veröffentlicht werden. Dabei würden die Morgenzahlen aus dem EMS, die jeweils 24-Stunden-Meldungen umfassen, Positivfälle von bis zu drei Tagen davor wiedergeben. Grund dafür laut Ministerium: "Viele Menschen testen sich Sonntagabend oder Montagfrüh, bevor die Arbeitswoche losgeht. Geben sie die Proben erst im Lauf des Montagvormittags ab, so verzögert sich das Testresultat bis Dienstag – und wird dann am Mittwoch mitgezählt." Die Mittwochzahlen seien daher im Vergleich zu den Dienstagzahlen immer besonders hoch.

Für Popper steht bei allen Abweichungen dennoch fest: "Wir sind derzeit weit über dem Infektionsniveau von November" – obwohl Omikron andere Eigenschaften als vorhergehende Varianten aufweist: Denn die Variante macht etwas weniger krank, ist aber hochinfektiös. "Um die Welle zu brechen, hätte man einen Volllockdown von einer Stärke einführen müssen, wie wir ihn in Österreich noch nicht erlebt haben", sagt Popper daher: "Das wäre gesellschaftlich nicht umsetzbar gewesen."

Abwassermonitoring

Der große Anstieg der Neuinfektionen zeigt sich auch im Abwassermonitoringsystem. Die aktuellen Daten würden laut dem Leiter des Schulstandortmonitorings, Heribert Insam, weiterhin nahezu bundesweit steigende Tendenzen zeigen. Es gebe erste Hinweise, dass sich die Entwicklung einbremsen könnte. Zwar zeigen die Daten, die teils bis 16. Jänner zurückreichen, in ganz Österreich hohe Sars-CoV-2-Konzentrationen im Abwasser, die Virenlevel stiegen aber vielerorts nicht so stark wie die Inzidenzen. In Wien war etwa in den vergangenen Wochen auch im Abwasser ein massiver Aufschwung zu sehen. Bei den letzten Messungen stagnierten die Werte bzw. zeigten leicht nach unten. Dies könnten erste Anzeichen für den baldigen Peak sein. (Steffen Arora, Irene Brickner, Oona Kroisleitner, 20.1.2022)