Die Pandemiemaßnahmen haben sich im letzten Jahrhundert wenig verändert. Auch während der Spanischen Grippe war Mundschutz angesagt.

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Der Historiker und Pandemieforscher Malte Thießen.

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Täglich gehen irgendwo in Österreich und anderen Regionen Europas tausende Impfskeptiker auf die Straße, um gegen die Pandemiemaßnahmen der Regierungen zu protestieren. Historische Analysen zeigen: Die Bilder wiederholen sich.

"Schon im 19. Jahrhundert hatte sich, etwa bei den Pocken, erbitterter Widerstand gegen das Impfen gebildet", erläutert der Medizinhistoriker Malte Thießen. In Österreich hatte man zu dieser Zeit vorerst noch nicht auf eine Impfpflicht gegen Pocken gesetzt, sondern auf Anreize und indirekten Druck. Doch als der Druck erhöht worden sei, berichtet Thießen, seien zahlreiche Impfgegnervereine entstanden, "die in der Öffentlichkeit gegen das Impfen Stimmung machten".

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STANDARD: Welche Parallelen lassen sich zwischen der heutigen Impfgegnerbewegung und den Pockenimpf-Protesten des 19. Jahrhunderts ziehen?

Thießen: Auch die Protestbewegung des 19. Jahrhunderts war eine ziemlich bunte Mischung. Schon damals gab es da die Aluhüte, die mit wilden Verschwörungstheorien gegen das Impfen wetterten. Auch Liberale fanden sich in den Protestbewegungen. Sie wetterten nicht gegen das Impfen an sich, sondern gegen die Impfpflicht als staatlichen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht. Wegen der damaligen Qualität des Impfstoffs hatten viele Menschen auch schlicht Angst vor den Nebenwirkungen.

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In Deutschland sei die Stimmung noch aggressiver angewachsen. "Hier schossen nach Ausrufung der ersten nationalen Impfpflicht gegen Pocken 1874 Impfgegnervereine wie Pilze aus dem Boden", sagt Thießen, der an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg Neuere und Neueste Geschichte lehrt. Thießens Forschungsschwerpunkte: "Die Geschichte der Gesundheit, der Gesundheitsvorsorge und des Impfens sowie Erinnerungskultur und Geschichtspolitik zum Nationalsozialismus und Zweiten Weltkrieg".

Brennpunkt Tirol

Im Falle der Pockenimpfung spielt auch Tirol eine historisch interessante Rolle. Denn hier verquickt sich die Impfgegnerschaft mit dem "Freiheitskampf" des Andreas Hofer. Die Impfprogramme im 19. Jahrhundert waren "eine der wichtigsten Gesundheitsmaßnahmen und somit auch der Versuch, den Staat in die Fläche zu bringen", sagt Thießen. Bayern führte bereits 1807 als erstes deutsches Land eine Impfpflicht gegen Pocken ein.

Die daran anschließende Strategie, die Pockenimpfung auch ins besetzte Tirol zu bringen, "wurde dort aber als Versuch zur Durchsetzung bayerischer Machtansprüche interpretiert", sagt Thießen. Der "Freiheitskampf" Andreas Hofers habe sich also nicht vorrangig gegen Impfungen gerichtet. Das Impfen sei für viele Tiroler aber "ein passendes Symbol für die Unterdrückung durch die ferne Zentrale in Bayern" gewesen.

Die damalige Impfgegnerszene war tendenziell auch antisemitisch durchsetzt und spielte den Nazis in die Hände. Die Impfkritik habe "gut zum völkischen, nationalsozialistischen und rechtspopulistischen Gedankengut gepasst, das bei einigen Impfgegnern seit dem späten 19. Jahrhundert gepflegt wurde und mitunter bis heute fortlebt", sagt der Historiker Thießen.

"Völkische "Impfgegner

Die Ablehnung des Impfens sei für "völkische" Impfgegner deshalb auch als Bewahrung einer "urgermanischen" Lebensweise gesehen worden, weil Impfungen eine Auslese der Starken verhinderten; Impfungen verhinderten demnach das "survival of the fittest". Die Impfkritik sei überdies ein "Ventil für die rechte politische Mobilisierung" gewesen. Bereits in den 1920er-Jahren habe die NSDAP mit jenen Impfgegnern gemeinsame Sache gemacht, "die vom staatlichen Umsturz träumten, um die verhasste Impfpflicht zu kippen". Manche Nazis teilten die naturheilkundlichen Vorstellung vieler Impfgegner.

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STANDARD: Neben der antisemitischen Orientierung vieler Proteste spielten auch esoterische und anthroposophische Bewegungen eine Rolle.

Thießen: Antisemitische Warnungen vor dem Impfen als "jüdischer Vergiftung des Volkskörpers" sind in Österreich und Deutschland schon im 19. Jahrhundert zu hören gewesen. Eine große Rolle spielten aber auch viele Naturheilkundige, Anthroposophen und Esoteriker. Für sie war das Impfen Teufelszeug. Es stand für die Auswüchse der Moderne, die man mit aller Kraft bekämpfen wollte: Impfungen und "Schulmedizin" galten als "Zersetzung" der natürlichen Lebensweise und Heimat.

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"Andere sahen in der Impfgegnerschaft vor allem eine Chance, mit der Unzufriedenheit Stimmung gegen die verhasste Republik zu machen", sagt Thießen

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STANDARD: Heute treffen sich auf Protestmärschen Linke mit Rechten, Nazis mit Grünen. Wie passt das zusammen?

Thießen: Schon die Vielfalt der Protestbewegungen des 19. Jahrhunderts zeigt, dass sich Impfkritik aus ganz unterschiedlichen Quellen speisen kann. Auf vielen Protestmärschen laufen Bürgerliche ebenso mit wie Ökos oder Kapitalismuskritiker. Allerdings werden viele Proteste mittlerweile von Rechten für die eigene Mobilisierung genutzt und als Beleg für die eigene Schlagkraft ins Netz gestellt. Selbst wenn viele Demonstrierende das rechte Gedankengut nicht teilen, werden sie so zu Statisten einer Drohkulisse für rechte Träume vom Umsturz.

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Was wurde aus den Impfgegnern?

Was passierte dann mit den Impfgegnerbewegungen, verliefen die nach Abebben der Pandemien im Sand oder blieben sie bestehen? Nach dem Zweiten Weltkrieg sei die organisierte Impfkritik stark zurückgegangen, sagt Thießen. In Österreich und Deutschland seien die meisten Impfungen in der Folge nun freiwillig, und selbst die Pflichtimpfung gegen Pocken erlaubte zahlreiche Ausnahmen und damit auch Rückstellungen von den Impfungen, "sodass der Druck auf Eltern zurückgegangen ist. Öffentliche Proteste gegen das Impfen verloren an Boden."

Die Impfkritik ist aber nie ganz verschwunden. Man ortet auch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen harten Kern von Impfverweigerern zwischen drei und fünf Prozent der Bevölkerung.

Was lernen wir aus der Geschichte?

Bleibt die Frage, was die heutige Gesellschaft, die Politik, an "lessons learned" aus der Geschichte der Pandemie mitnehmen kann? "Beim Impfen geht es nie nur um den Piks für die oder den Einzelnen", sagt Thießen, "sondern immer auch um die Grundsätze der Gesellschaft und um Vertrauen." Impfungen seien auch "ein Test für die solidarischen Bindekräfte" der Gesellschaft. "Es bringt bei einigen Impfskeptikern wenig, bei der Überzeugungsarbeit nur auf medizinische Fakten zu setzen. Ebenso wichtig ist es, weitere, auch scheinbar irrationale Ängste anzugehen und – wenn möglich – auszuräumen", rät Thießen.

Die Abkehr von Massenimpfungen hin zur Privatisierung des Impfens beim Hausarzt ist für den Medizinhistoriker eine weitere Lehre, die er aus seinen Pandemieforschungen zieht. Seit den 1970er-Jahren werden in Österreich und Deutschland immer weniger Massenimpfungen eingesetzt, geimpft wird nicht mehr in Schulen und staatlichen Einrichtungen, sondern individuell beim Haus- oder Kinderarzt.

Privatisierung des Impfens

"Diese Privatisierung des Impfens ist ein wesentlicher Faktor für eine stabile hohe Impfquote gerade bei freiwilligen Impfungen. Im vertrauensvollen Gespräch mit dem Arzt lassen sich Sorgen vor dem Piks meist nachhaltiger abbauen als im Impfzentrum", glaubt Thießen.

Eine weitere Lehre für ihn sei, dass Sanktionen gegen Impfverweigerer oft ein stumpfes Schwert blieben. Sie brächten die Impfquote nur wenig nach oben. "Den bequemen Teil der Impfskeptiker bekommt man mit Geldstrafen vielleicht noch an die Spritze. Ein anderer Teil wird sich hingegen Umwege suchen und zum Beispiel in gefälschten Impfausweisen sein Glück suchen. Nur ein Beispiel: Nachdem in Deutschland 1874 die nationale Impfpflicht gegen Pocken eingeführt wird, floriert der Handel mit gefälschten Impfzeugnissen. Diese Fälschungen stellen wiederum eine Gefahr für alle dar, weil versteckte Infektionsherde in der gesamten Gesellschaft entstehen", sagt Thießen.

Nicht zuletzt verschlinge die Impfpflicht enorme Ressourcen. Schon Ende des 19. Jahrhunderts "mehrten sich kritische Stimmen aus der Polizei, dass man Besseres zu tun habe, als Müttern mit ungeimpften Kindern hinterherzulaufen. Die Kontrolle der Impfpflicht und die Strafverfolgung bindet enorme Geldmittel und Personalressourcen, die wahrscheinlich besser in niedrigschwellige Impfangebote und Aufklärungsprogramme investiert wären", rät der Medizinhistoriker Malte Thießen. (Walter Müller, 23.1.2022)