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Der Mount Everest gilt als der höchste Berg der Erde.
Foto: Reuters/Monika Deupala

Mit seinen 8.848 Metern gilt der Mount Everest bekanntermaßen als höchster Berg der Welt. Warum aber gibt es nicht noch viel höhere Berge auf der Erde – ganz im Gegensatz zu den Erhebungen auf unserem Nachbarplaneten Mars?

Ist man im Gebirge unterwegs, erscheinen einem die Gesteinsmassen als relativ solider Untergrund. Tatsächlich sind im Berg enorme Kräfte am Werk, die ihn einerseits in die Höhe wachsen lassen und andererseits nach unten drücken. Tief im Untergrund kollidieren tektonische Platten. Eine von ihnen gewinnt die Oberhand und schiebt sich über die andere. "Wenn zwei Platten aufeinanderstoßen, wird ein Gebirge aufgefaltet", sagt Hannah Pomella, Geologin an der Universität Innsbruck.

Wind und Wetter

Was dem ewigen Wachstum der Giganten aus Stein entgegenwirkt, ist einerseits die Witterung. Die Bergspitzen sind Wind und Wetter ausgesetzt und werden so nach und nach abgetragen. Andererseits leiden die erhabenen Riesen an ihrer eigenen Größe: "Irgendwann werden die Gebirge so hoch, dass sie unter ihrem eigenen Gewicht kollabieren", erklärt Christoph von Hagke, Professor für Geologie an der Universität Salzburg.

Je höher Berge werden, umso tiefer ragen sie auch nach unten – dort ist das Gestein aber flüssig und wird dadurch instabil. "Auf diese Weise zergleitet ein Gebirge", sagt Pomella.

Der Hilary Step ist eine Felsstufe am südöstlichen Gipfelgrat des Mount Everest.
Foto: Afp/LAKPA SHERPA

Es kommt also zu einem Spiel der Kräfte, die nach oben und nach unten drücken. Dazu forscht Armin Dielforder, Geologe an der Leibniz-Universität Hannover. Gebirge streben stets einem Gleichgewichtszustand der Kräfte entgegen. "Wenn man das Gebirge höher machen würde, dann würde es auseinandergehen, wodurch sich die Höhe verringert. Solange man unter dem Gleichgewicht ist, kann der Berg noch höher werden", sagt Dielforder.

Im Himalaya, das Gebirgssystem, zu dem auch der Mount Everest zählt, sei dieses Kräftegleichgewicht annähernd erreicht, wie Untersuchungen, an denen Dielforder beteiligt war, ergeben haben. "Für noch höhere Berge bräuchten wir festere Gesteine – und die haben wir auf der Erde nicht."

Höchster Gipfel im Sonnensystem

Die maximale Höhe, die sich durch das Kräftespiel ergibt, liegt auf der Erde bei ungefähr 10.000 Metern über dem Meeresspiegel. Auf dem Mars ist sogar noch deutlich mehr möglich: Da dort eine geringere Schwerkraft wirkt, misst der höchste Vulkan auf unserem Nachbarplaneten, Olympus Mons, beachtliche 22.000 Meter – und ist damit der höchste Berg in unserem Sonnensystem.

Der östliche Abhang des Olympus Mons am Mars – der höchste Berg in unserem Sonnensystem.
Foto: ESA/DLR/FU Berlin/G. Neukum

Die Bemessung der Höhe von Bergen relativ zur Meereshöhe ist ein Maßstab mit einigen Schönheitsfehlern. Denn einerseits ist dieses Maß nicht besonders aussagekräftig. Fragt man nach dem höchsten Berg der Welt, wird gemeinhin der Mount Everest genannt mit seinen knapp 9.000 Metern relativ zum Meeresspiegel. Der Vulkan Mauna Loa auf Hawaii misst 4.169 Meter – allerdings ragt er bis in die Tiefsee hinab. Vom Meeresgrund gemessen, kommen noch gut 6.000 Meter dazu, womit er den Mount Everest höhenmäßig hinter sich lässt.

Steigender Meeresspiegel

Dass die absolute Höhe des Mauna Loa über jener des Mount Everest liegt, hat wesentlich damit zu tun, dass er zu einem großen Teil unter Wasser liegt. "Dadurch, dass der Berg durch Wasser gestützt ist und nicht durch Luft, hat er eine größere Stabilität und kann dadurch höher werden", sagt Pomella.

Der Mauna Loa auf Hawaii misst über 10.000 Meter – vom Meeresboden aus gemessen.
Foto: Reuters

Die Höhenmessung relativ zum Meeresspiegel hat noch einen weiteren Haken: Das Meeresniveau ist nicht überall gleich und verändert sich auch mit den Gezeiten. "Zwischen Nordsee und Adria können schon einmal ein paar Meter Unterschied liegen", sagt von Hagke.

Auch der Klimawandel dürfte sich künftig bei der Vermessung der Berge bemerkbar machen: Durch den zu erwartenden Anstieg des Meeresspiegels verlieren die Berge relativ an Höhe. Eine etwas paradoxe Situation, wie auch von Hagke anmerkt, "denn der Mount Everest wird ja nicht niedriger dadurch, dass der Meeresspiegel steigt". (Tanja Traxler, 30.1.2022)