Foto: Urban Jörén

Felsformationen werden aufgefaltet, weil sich Landmassen ineinanderschieben. Oder sie bauen sich aus Lava auf. Der Mythos, Berge würden Beständigkeit repräsentieren, ist dem anthropozentrischen Tunnelblick auf die Zeit geschuldet. In Wirklichkeit lässt Erosion ganze Gebirge wieder verschwinden oder bringt andere erst noch zum Vorschein.

Aus Mythen über die Natur hat der aus den Niederlanden stammende, heute in Berlin und Stockholm tätige Choreograf Jefta van Dinther ein Tanz-Diptychon mit dem Titel On Earth I’m Done geschaffen. Dessen erster Teil, ein mit Mountains untertiteltes Solo, war gerade im Tanzquartier Wien zu sehen. Dort wird später in diesem Jahr auch Teil zwei, das Gruppenstück Islands, präsentiert.

Für Mountains, eine hellsichtige Reflexion über das Verhältnis zwischen Natur und menschlichem Kulturmystizismus, findet van Dinther so starke und einprägsame Bilder, wie man sie auch von seinen früheren Werken, darunter Grind, Plateau Effect oder Dark Field Analysis kennt. Schon bisher hat der 41-Jährige immer wieder neue Metaphern dafür gefunden, wie wir beim Umgang mit uns und allem um uns herum im Dunkeln tappen.

Ausgelieferter Mensch

Auf der Bühne ist diesmal eine lange Stoffbahn so ausgelegt, dass sie eine landschaftsähnliche Struktur bildet. Ein Ende dieses Streifens führt nach oben in den "Himmel". Ein Mann in enganliegendem, rotem Overall – der Franzose Freddy Houndekindo – taucht auf und hält sich ein einem Didgeridoo ähnelndes Rohr vor den Mund, dessen anderes Ende in den Stoff sticht und in das er erst unverständliche, dann anklagende Worte brabbelt.

Bald zeigt sich, dass die Landschaft verschwindet, weil die Stoffbahn kontinuierlich nach oben ins Unbekannte gezogen wird. Houndekindo – als "der Mensch" stets für sich allein – ist diesem Prozess ausgeliefert. Für van Dinther ist der Mensch allerdings nicht nur maskulin. Daher bietet er zwei Versionen dieser Soloarbeit an: Das Tanzquartier hat sich für die männliche entschieden, die weibliche wird von Agnieszka Sjökvist Dlugoszewska getanzt.

Für den zweiten Teil – Islands – von On Earth I’m Done reist van Dinther im Herbst mit 13 Tänzerinnen und Tänzern der Stockholmer Company Cullberg an. Darin führt er seine Auseinandersetzung mit der Untrennbarkeit von Natur und Kultur unter dem Vorzeichen menschlicher Gemeinschaftlichkeit fort.

Kritik an Ausbeutung

Ein Berg steht schon Anfang Februar im Tanzquartier aber auch im Mittelpunkt eines weiteren Stücks: bei Amanda Piñas Climatic Dances – Endangered Human Movements Vol. 5. Die Wiener Choreografin übt in der Performance scharfe Kritik an exzessivem Bergbau, konkret am Beispiel des chilenischen Anden-Bergs Apu Wamani.

Hierbei geht es um den Konflikt zwischen der destruktiven Plünderungs-"Kultur" der Industriegesellschaften und den naturverbundenen Kulturen der Indigenen. Diese Arbeit hatte im Vorjahr Online-Premiere und ist bei uns jetzt erstmals auch live zu sehen. (Helmut Ploebst, 23.1.2022)