Wir Europäer denken Frieden aus der Vergangenheit und nicht in die Zukunft; sehen ihn als Selbstverständlichkeit und vergessen dabei, dass Frieden stetige Anstrengung braucht. Ignoranz, Unverständigkeit und Kurzsichtigkeit gegenüber internationalen Entwicklungen haben die Grundlage für das aktuelle Bedrohungsszenario in der Ukraine geschaffen. Die Lage an unserer Peripherie ist verwachsen, brüchig, gefährlich.

Die Ukraine gerät zunehmend zwischen die Fronten der USA und Russlands. Die EU ist nur Zuschauer.
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Im Ukraine-Konflikt sind wir Europäer nur Zuschauer. Amerikaner und Russen verhandeln auch über unser Schicksal. Wahrscheinlich wird es diesmal noch gut ausgehen. Aber am Balkan zündelt schon Milorad Dodik.

Wir machten "Frieden" zu einem hohlen Wort. Der Fall der Berliner Mauer hat uns verblendet. Die schönen Bilder vom scheinbaren Sieg des westlichen Liberalismus haben sich tief eingegraben: Die Menschen im Osten freuten sich auf Bananen, Turnschuhe und Reisefreiheit. Wir hatten gesiegt, weil unsere Welt so überlegen und unsere Warenhäuser so prall gefüllt waren. Diese naive Erzählung der letzten 33 Jahre prägte eine Generation, die glaubt, dass wir Kraft unserer Werte allein die Welt zum Besseren wenden können. Machtpolitik wurde zum Tabu, die "Weltfähigkeit" – wie ein Kommentator in der NZZ zuletzt schrieb – kam uns abhanden. Sie sehen, wir leben schon länger im neuen, europäischen Biedermeier.

Eine Mischung aus Naivität, Ignoranz und Denkfaulheit hat uns dorthin gebracht. Das Einstimmigkeitsprinzip der EU ist unsere Achillesferse. Dazu kommt das Grundrauschen sozialer Netzwerke, welches uns täglich in eine permanente Ablenkung zieht und Erregungszustände erzeugt, die verhindern, das große Ganze zu sehen.

Wenn wir über Frieden sprechen, müssen wir genauso über Sicherheit und Verteidigung reden und diese gesellschaftlich neu denken. Unser Tun muss strategisch, also vorausschauend sein – und sich dem Aufbau von tragfähigen Allianzen im Verständnis von Geschichte und Geopolitik widmen.

Wir brauchen aktive Wirtschafts- und Kooperationspolitik in unserer Nachbarschaft. Um ein konkretes Beispiel zu geben: Die nächste politische Explosion in Nordafrika ist nur eine Frage der Zeit. Dabei würden gezielte Investitionen auf Augenhöhe und ein gezielter Technologietransfer Arbeitsplätze schaffen und zur Stabilisierung der Region beitragen. Wenn wir zum Beispiel Staaten wie Ägypten und Tunesien beim Umstieg auf Solarenergie helfen, können wir effizienter das Klima schützen, als wenn wir hier in Europa die letzte Hütte mit Styropor zukleben.

Im militärischen Sinne heißt Friedenspolitik kein blindes Hochrüsten, sondern adäquate Ressourcen. Dabei geht die Bedrohung längst nicht mehr vom Aufmarsch russischer Panzer und Artillerie vor der ukrainischen Grenze aus. Der neue Kampfplatz ist der digitale Raum: Desinformation im Netz, Cyberangriffe auf kritische Infrastruktur und Unternehmen. Auf diesem Schlachtfeld 2.0 kann uns das Militär allein nicht schützen. Wir alle müssen Teil einer wachsamen Demokratie sein. Friede ist keine Selbstverständlichkeit, sondern permanenter Auftrag. (Philippe Narval, 24.1.2022)