Hubertus von Hohenlohe fordert eine gewichtigere Stimme für kleine Skiverbände.

Foto: REUTERS/Föger

Von Hohenlohe bei den Olympischen Spielen 2010 in Vancouver.

Foto: REUTERS/Rattay

"Die Experten sind sich einig, dass es da nicht mit rechten Dingen zugegangen sein kann." Der Vorwurf von ÖSV-Sportdirektor Toni Giger wiegt schwer. Mehrere Rennen auf Fis-Ebene, zwei Ligen unterhalb des Weltcups, sollen manipuliert worden sein. Läufer aus kleinen Skinationen verschafften sich dadurch einen Startplatz für die Olympischen Spiele in Peking. "Das ist ein ernstes Thema", sagt Giger.

Zunächst fiel nämlich der ÖSV um zwei Startplätze bei den Männern um. Durch ein Einlenken des IOC, das vier zusätzliche Startplätze gewährte, wurde Österreichs Skiteam nachträglich aufgestockt.

Hubertus von Hohenlohe nahm an Rennen in Malbun, Liechtenstein, teil, die der ÖSV als strittig erachtet. DER STANDARD erreichte ihn telefonisch in Spanien, in den nächsten Tagen geht es zur Olympia-Vorbereitung nach Österreich.

STANDARD: Sie waren bei den Rennen in Liechtenstein am Start. Wurde dort getrickst?

Von Hohenlohe: Diese Rennen waren völlig normal. Ich weiß nicht, warum Herr Giger glaubt, man könne in Liechtenstein ein Rennen fingieren. Es war äußerst fordernd. Im Steilhang dachte ich, ich sei in Adelboden.

STANDARD: Die Teilnehmer wollten ihre Punkte aufbessern, um sich für Olympia zu qualifizieren.

Von Hohenlohe: Laut aktuellem Regelwerk braucht man fünf Resultate, um ein Ranking zu bekommen. Das ist sehr viel. Ein paar Läufer brauchten nur noch ein Ergebnis, etwa jener aus Saudi-Arabien oder Ghana. Alle waren schon auf der sicheren Seite, was die Qualifikation betrifft. Nur der Fahrer aus Jamaika brauchte noch alle vier Ergebnisse. Er wurde dann jeweils Letzter. So sind die Rennen zustande gekommen.

STANDARD: Bei den Rennen in Malbun nahm auch der Argentinier Cristian Javier Simari Birkner teil, der immerhin über 230 Weltcuprennen bestritten hat. Warum war der Rückstand auf ihn überschaubar?

Von Hohenlohe: Üblicherweise fehlen sechs bis sieben Sekunden auf Weltcupläufer. Aber bei normalen Rennen fährt man mit Startnummern ab 130. Damit ist man automatisch drei bis vier Sekunden langsamer als jene aus der ersten Startgruppe. Das kommt ja auch im Weltcup vor: Lucas Braathen gewinnt in Wengen, weil er im Finale die Startnummer 2 hatte. In Liechtenstein waren nur rund zehn Läufer am Start, deshalb war der Rückstand auch viel geringer. Es wundert mich, dass daran keiner dachte.

STANDARD: Sie können ausschließen, dass jemand bewusst langsamer gefahren ist?

Von Hohenlohe: Rennen, in denen manche nicht voll fahren, gibt es oft. Das kommt auch im italienischen oder französischen Verband vor, damit eventuell junge Fahrer profitieren. Nirgendwo steht in den Regeln festgeschrieben, wie man fahren soll. Ryan Cochran-Siegle fuhr auf der Streif nicht in vollem Tempo, damit er gesund zu Olympia kommt – im Gegensatz zu Sofia Goggia. Manipulation wäre es, wenn man bei der Zeitnehmung trickst.

STANDARD: Gab es das schon einmal?

Von Hohenlohe: Einmal hieß es im Europacup, die Zeitnehmung funktioniert nicht mehr. Plötzlich wurde mit der Hand gestoppt. Manipuliert wurde vermutlich auch bei der Qualifikation von Vanessa Mae vor Sotschi. Aber die Rennen in Malbun waren ganz normal.

STANDARD: Verstehen Sie den Ärger beim ÖSV?

Von Hohenlohe: Ich finde auch: Die 22 Plätze für den ÖSV sind gerecht. Aber die Österreicher haben offenbar ihre Hausaufgaben nicht gemacht und mussten deshalb um zwei Plätze zittern. In anderen Sportarten ist es doch auch so: Im 100-Meter-Lauf nehmen drei US-Amerikaner teil, obwohl viel mehr zur Weltspitze zählen. Verstehen Sie mich nicht falsch, natürlich sollen die Besten gewinnen, das wird aber auch passieren. Es wird niemand ausgelassen, der gewinnen kann. Die Regeln von der Fis sind schlecht. Dort läuft aber vieles seit Jahren falsch. Ich bin skeptisch, ob es unter Johan Eliasch besser wird.

STANDARD: Was würden Sie sich wünschen?

Von Hohenlohe: Ich bin jetzt seit 40 Jahren aktiv. Ich sollte auch am Tisch sitzen, wenn ÖSV oder Fis neue Regeln schmieden. Es darf nicht nur die Sichtweise der Großen vorkommen, auch kleine Nationen sollten gehört werden. Auch Chile ärgert sich, weil sie nur einen Startplatz haben, aber einen guten Abfahrer und einen guten Slalomläufer. Die sind auch beschränkt, das ist ein Witz. Stattdessen fahren alle durch die Gegend, um Punkte bei Rennen zu ergattern. Es herrscht ein schlechtes Klima untereinander. Es liegt vieles im Argen. Man muss Leute fragen, die solche Dinge auch sehen, die Vorschläge bringen und für eine gute Stimmung sorgen. Wir sitzen alle im selben Boot.

STANDARD: Es gibt also keine großartige Gesprächsbasis?

Von Hohenlohe: Jein. Fis-Präsident Johan Eliasch glaubt bestimmt, der Sport muss global werden, und findet es gut, dass der Mann aus Jamaika am Start steht. Wenn er nicht dabei wäre, würde er vielleicht im Skeleton starten, dann reden alle über eine andere Sportart. Es ist ein interner Konkurrenzkampf zwischen den Sportarten: Wer verkauft das bessere Produkt?

STANDARD: Warum war die Qualifikation diesmal so strittig?

Von Hohenlohe: Die Quotenplätze der kleinen Nationen stehen im direkten Bezug zu jenen der großen. Das ist Blödsinn, das sollte nichts miteinander zu tun haben. Wahrscheinlich gibt es heute mehrere kleine Nationen, die Interesse an Olympia zeigen. Das System sollte vereinfacht werden: Jede große Nation bekommt drei Startplätze pro Rennen, kleine Nationen einen oder zwei. Ob wir 150 oder 180 Fis-Punkte haben, ist doch egal.

STANDARD: Wie wichtig sind kleine Skinationen und deren Teilnahme an Olympia?

Von Hohenlohe: Das macht den olympischen Geist aus. Alle Nationen kommen zusammen und feiern eine gemeinsame Party. Das Problem ist, dass die Österreicher die rot-weiß-rote Brille aufsetzen und ohnehin fast nur untereinander Rennen bestreiten. Früher gab es bei einer Abfahrt in Kitzbühel noch 15 bis 20 Nationen am Start. Seitdem ich mitfahre, werden nach und nach kleine Nationen herausdividiert. Lasst doch bitte bei Olympia, einmal alle vier Jahre, auch die Kleinen mitmachen. Daran erinnern sich die Leute, sie lieben Geschichten der Underdogs.

STANDARD: Sprechen Sie aus Erfahrung?

Von Hohenlohe: Wie geil ist es bitte, dass Dave Ryding in Kitzbühel gewonnen hat? Eddie The Eagle und Cool Runnings haben es nach Hollywood geschafft. Auch über mich macht immer wieder jemand eine Geschichte. Es soll ja nicht heißen, dass die Österreicher nicht starten dürfen. Aber die Schuld sollte man nicht einem Rennen geben, wo du schneller fährst als sonst, weil deine Startnummer besser ist. Kleine Nationen helfen einander. Der ÖSV sollte vor seiner eigenen Tür kehren.

STANDARD: Was meinen Sie?

Von Hohenlohe: Interessant ist, dass Österreich etwa China dabei hilft, Rennen auf der Reiteralm auszutragen, wie im aktuellen Winter. Da sind Weltcupläuferinnen aus Österreich auch nur zwei Sekunden schneller als die Chinesinnen. Vielleicht steckt da mehr dahinter als ein Argentinier, der jemandem aus Jamaika zu seiner Olympia-Teilnahme verhelfen könnte. Runterfahren müssen sie schon noch selbst.

STANDARD: Werden Sie in Peking am Start stehen?

Von Hohenlohe: Mexiko hat einen anderen Qualifizierten. Falls es ihm aber schlecht geht und er nicht fahren kann, gibt es eine zweite Möglichkeit. Das bin ich. (Lukas Zahrer, 24.1.2022)