Urin-, Bluttest oder Stuhlprobe sollen Auskunft über die persönliche Ernährung geben – und darüber, was zu viel ist oder fehlt. Immer mehr Start-ups setzen auf diese Art personalisierter Ernährungstipps.

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Es ist wohl nicht übertrieben zu sagen, dass die Menschheit ein Kalorienproblem hat. Seit 1975 hat sich die Zahl der Menschen mit Fettleibigkeit laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) beinahe verdreifacht. Knapp zwei Milliarden Menschen waren 2016 nach der WHO-Klassifikation übergewichtig, schon seit einigen Jahren gibt es weltweit mehr über- als untergewichtige Menschen. Die Ursachen sind der WHO zufolge schnell benannt: Viele Menschen essen zu viel zucker- und fetthaltige Lebensmittel und bewegen sich zu wenig.

Abhilfe schaffen soll künftig die sogenannte personalisierte Ernährung. So lautet zumindest das Versprechen einiger Unternehmen, die hoffen, damit bald einen potenziell riesigen Markt an gesundheits- und ernährungsbewussten Nutzerinnen und Nutzern zu erschließen. Mithilfe einer Fülle an Daten, Apps und Algorithmen soll Ernährung bald möglichst individuell auf unsere Bedürfnisse, Wünsche und Gewohnheiten zugeschnitten sein – und uns so zu einem gesünderen Leben verhelfen.

Individueller Stoffwechsel

Die Prämisse personalisierter Ernährung ist laut Befürworterinnen und Befürwortern einfach: Es gebe kein Patentrezept für gesunde Ernährung. Stattdessen brauche es eine Ernährung, die an den Stoffwechsel eines jeden Menschen und an dessen individuell unterschiedliche DNA, Darmflora, das Essverhalten, die Körpermaße, das Gewicht, die Blutwerte und den jeweiligen Lebensstil angepasst ist.

Tatsächlich haben Studien nachgewiesen, dass verschiedene Menschen sehr unterschiedlich auf die gleiche Mahlzeit reagieren. So können sich etwa Blutzucker, Insulin oder Fettanteil nach einer Mahlzeit verschieden schnell erhöhen und dadurch bei Menschen auf unterschiedliche Weise zu Übergewicht, Diabetes oder Herzkrankheiten beitragen. Indem Menschen diese Faktoren bei der Ernährung berücksichtigen, sollen sie künftig besser zwischen bestimmten Lebensmitteln und Mahlzeiten auswählen und bei Bedarf gewisse Inhaltsstoffe erhöhen oder reduzieren, so der Ansatz personalisierter Ernährung.

Daten zu Ernährung

Der Ansatz ist nicht neu. Seit Jahrzehnten geben Ernährungsexperten Menschen Tipps und Ratschläge, welche Ernährung für sie die richtige ist. Der Unterschied zu damals ist jedoch unter anderem die Menge an Information, die sich mittlerweile über jeden einzelnen Menschen sammeln lässt. Apps, Armbänder und andere technologische Geräte zeichnen tägliche Bewegungen, Mahlzeiten, Blutwerte, Herzfunktionen und andere Werte auf, ein sich laufend verbessernder Algorithmus bestimmt aus den vorhandenen Informationen für jeden Menschen das beste Ernährungsprogramm.

Was im Moment noch wie Zukunftsmusik klingt, nimmt bereits in vielen Fällen konkrete Formen an. So bieten beispielsweise einige Unternehmen bereits pflasterähnliche Glukosesensoren an – immer öfter auch für Menschen, die nicht an Diabetes leiden. Die Sensoren sind mit einer App verbunden, über die Nutzer sehen können, nach welchem Essen und zu welcher Tageszeit der Blutzucker wie hoch nach oben geht. Eine zu hohe Blutzuckerkonzentration kann zu Herzkrankheiten, Schlaganfällen und Diabetes führen – den Wert niedrig zu halten soll laut Unternehmen dabei helfen, ein gesünderes Leben zu führen.

Blut- und Stuhlproben

Eines der Unternehmen, die solche Sensoren anbieten, ist das US-amerikanische Start-up Levels Health. Die Sensoren, die Nutzer auf ihrer Haut anbringen und dann alle zwei Wochen austauschen, messen unter anderem den Blutzuckergehalt während und nach dem Essen, während des Sports oder Schlafs. Indem gleich mehrere Sensoren möglichst lange getragen werden, sollen die Nutzer erkennen, auf welches Essen sie besser verzichten sollten, welche Speisen sich gut kombinieren lassen und zu welcher Tageszeit sie ihre Mahlzeiten am besten einnehmen sollten.

Auf ein ähnliches Konzept setzt das amerikanisch-britische Start-up Zoe. Das Unternehmen verkauft Testsets an Kundinnen und Kunden, mit deren Hilfe diese Stuhl- und Blutproben abgeben und ihren Blutzuckergehalt messen können. Anschließend erhalten Nutzer Informationen darüber, wie ihr Stoffwechsel und ihre Darmflora auf bestimmte Ernährung reagiert und Tipps dafür, wie sie ihre Ernährung verbessern können, heißt es von dem Unternehmen.

Kontinuierlich messende Glukosesensoren werden bereits jetzt bei Menschen mit Diabetes eingesetzt. Laut manchen Unternehmen können sie aber auch anderen Menschen helfen.
Foto: Abbott Laboratories via AP

Auch unter den großen Tech-Konzernen wächst das Interesse an den neuen Gesundheitsdaten und Apps. Laut dem Datenunternehmen CB Insights haben Alphabet (Google), Amazon, Apple, Meta (Facebook) und Microsoft zusammen im vergangenen Jahr rund 3,6 Milliarden US-Dollar in gesundheitsbezogene Bereiche investiert. Schon jetzt zeichnet die Apple Watch etwa die Herzaktivität auf, künftig sollen auch vermehrt Sensoren für Blutwerte hinzukommen. Die Daten aus den Geräten von Apple, Amazon und Co fließen wiederum in neue Online-Programme und Plattformen, auf denen Algorithmen personalisierte Ernährungs- und Trainingsprogramme zusammenstellen.

Hoher Preis

Bis die von Algorithmen gesteuerte personalisierte Ernährung aber tatsächlich einen größeren Einfluss auf der Welt hat, dürfte es noch einige Zeit dauern. Immerhin sind die Sensoren, Testsets und Apps bisher ziemlich teuer – und die Kosten werden in den meisten Ländern nicht von Gesundheitsversicherungen übernommen, sofern keine besondere Erkrankung vorliegt.

Zudem kritisieren einige Experten, dass es an aussagekräftigen und belastbaren Studien fehle, die zeigen, welchen Effekt solche Mess- und Ernährungsprogramme haben. Ernährungstipps, basierend etwa auf genetischer Veranlagung, seien für die meisten Menschen wenig aussagekräftig und kaum relevanter als generelle Ernährungstipps. Bei falscher Anwendung könnten sie sogar zu psychischen Problemen wie Depressionen oder Essstörungen führen, warnen sie. Und auch der Datenschutz könnte durch die vielen neuen Gesundheits- und Ernährungs-Apps und Messgeräte gefährdet sein.

Wirksame Ratschläge

Einige Studien, die zu personalisierter Ernährung durchgeführt wurden, kommen aber auch zu positiven Ergebnissen. In einer Studie, an der mehr als 1.600 Erwachsene aus sieben europäischen Staaten über sechs Monate hinweg teilnahmen, heißt es etwa, dass Menschen eher auf Ratschläge aus personalisierter Ernährung hören als auf generelle Ernährungstipps. Jene Menschen, die Ratschläge basierend auf ihren Körpermaßen, ihrer genetischen Veranlagung und ihrer alltäglichen Ernährung erhielten, waren im Anschluss eher bereit, auf bestimmte Lebensmittel zu verzichten, heißt es in der Studie.

Viele Experten und Kritiker sind trotzdem skeptisch: Sie fürchten, dass der Fokus auf individuelle Ernährungsprogramme den Blick von der gesellschaftlichen Verantwortung weglenken könnte. Denn Übergewicht und Fettleibigkeit seien schließlich nicht nur das Ergebnis individueller Entscheidungen, sondern auch abhängig von dem Angebot an Lebensmitteln und deren Leistbarkeit, von Bildung und den Möglichkeiten für sportliche Betätigungen in einer Region.

Zu kompliziert

Zudem verkompliziere personalisierte Ernährung jene generellen Ratschläge der Fachwelt für eine gesunde Lebensweise, die seit langem bekannt und auch ohne teures monatliches Abo verfügbar sind: ausgewogene Ernährung, viel Obst und Gemüse, wenig Junkfood, nicht übermäßig viele Kalorien, regelmäßige Bewegung.

Für einige Menschen – speziell jene mit besonderen Ernährungsanforderungen – könnte personalisierte Ernährung künftig aber durchaus Vorteile bringen, sagen Expertinnen und Experten. Wie sehr sie auch allen übrigen Menschen helfen kann, muss sie aber erst beweisen. (Jakob Pallinger, 27.1.2022)