600.000 Menschen haben in Israel bisher eine vierte Impfdosis erhalten.

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Israel befindet sich auf dem Höhepunkt der Omikron-Welle. "Das Risiko, sich mit dem Virus anzustecken, ist so hoch wie nie seit Beginn der Pandemie", sagt Pandemieforscher Eran Segal vom Weizmann-Institut. Bisher hat sich rund eine Million Israelis mit der Omikron-Variante angesteckt, die Hälfte davon infizierte sich in der vergangenen Woche.

Es sind schwierige Tage für ältere und vorbelastete Menschen in Israel. Laut Angaben des Ministeriums für soziale Gerechtigkeit gab es in den vergangenen Wochen gehäuft Anrufe älterer Personen, die um Unterstützung ansuchten, weil sie sich nicht mehr das Haus zu verlassen trauten.

Eine aktuelle Entscheidung des Covid-Expertenbeirats in Israel dürfte es ihnen nicht unbedingt leichter machen: Der Beirat empfiehlt der Regierung, den grünen Pass auslaufen zu lassen. Zuvor war das schon vom Finanzminister gefordert worden. Damit fällt die 3G-Regel in der Gastronomie und an anderen öffentlichen Orten.

Belastung durch die 3G-Regel

Begründet wurde der Schritt damit, dass die Impfung nur bedingt gegen Omikron schütze. Die Belastung durch die 3G-Regel sei damit größer als ihr Nutzen. Zudem gebe der Impfpass vielen Menschen "ein falsches Gefühl der Sicherheit", meint Expertenpanel-Vorsitzender Ran Balicer. Er empfiehlt vielmehr ein flächendeckendes Testen.

Das ist aber leichter gesagt als getan: Testen wurde in Israel zur Geld- und Zeitfrage, seit die Regierung PCR-Tests nur noch an Ältere vergibt und sich vor den Antigen-Testzentren oft lange Warteschlangen bilden. Schnelltests in der Apotheke kosten zwischen sieben und zehn Euro pro Testkit.

Die Abschaffung des grünen Passes hat aber auch praktische Gründe: Für viele Israelis verliert der grüne Pass ab kommender Woche automatisch seine Gültigkeit, weil sie den Booster vor mehr als sechs Monaten erhalten haben. Der grüne Pass hat ein Ablaufdatum von einem halben Jahr ab dem letzten Impfdatum.

Die Regierung stand also vor der Wahl, die Gültigkeit der Impfpässe automatisch zu verlängern oder den grünen Pass generell abzuschaffen.

Eine Verlängerung, so waren sich die Experten einig, ergebe aber wenig Sinn, wenn man bedenkt, dass der Booster nach sechs Monaten nur noch eingeschränkt wirkt und die vierte Impfung vorerst nur über 60-Jährigen offensteht.

Vierter Stich kommt

Am Dienstag wurde jedoch bekannt, dass Israel nun auch breite Schichten zur vierten Impfung rufen könnte. Der Expertenbeirat gibt sein grünes Licht für eine vierte Impfung für alle über 18 Jahre, deren Auffrischung länger als fünf Monate zurückliegt. Sollte sich das Gesundheitsministerium den Experten anschließen, wird Israel das erste Land sein, das die erwachsene Bevölkerung erneut boostert.

Noch vor wenigen Wochen hatte sich der Beirat gegen eine vierte Impfung für alle Erwachsenen ausgesprochen. Es gebe zu wenige Indizien, dass die Impfung auch gegen Omikron schütze, hieß es. Nun liegen mehrere israelische Erhebungen vor, die aber genau das belegen: Wer den vierten Stich bekommen hat, ist mindestens dreimal so gut gegen einen schweren Omikron-Verlauf geschützt wie dreifach Geimpfte, deren Stich mehr als vier Monate zurückliegt. Der Schutz vor Infektion geht nach der Impfung allerdings rasch zurück. Die vierte Impfung zeigt zwar einen Anstieg der Antikörper, schützt aber nicht ausreichend vor Omikron.

Kurze Abstände womöglich kontraproduktiv

In kürzesten Abständen zu impfen sei immunologisch zudem womöglich kontraproduktiv, erklärt der österreichische Infektiologe Herwig Kollaritsch. Man müsse dem Immunsystem ausreichend Zeit geben, einen entsprechenden Schutz vor dem Virus aufzubauen. Auch aus epidemiologischer Sicht würde eine vierte Impfung jetzt kurz vor dem Sommer wenig bringen, ergänzt Gerald Gartlehner, Epidemiologe von der Donau-Universität Krems: "Das wäre, wie wenn sich die Leute jetzt gegen Grippe impfen lassen, damit sie im Herbst und Winter dann geschützt sind." Das ergebe keinen Sinn.

Sollten weitere Studien allerdings den Schutz des vierten Stichs belegen, könnte auch der grüne Pass in Israel wiedereingeführt werden – zumal dann wohl auch die Omikron-Welle abgeebbt sein wird. Laut Gesundheitsminister Nitzan Horowitz ist der Wendepunkt bereits in Sichtweite. (Maria Sterkl aus Jerusalem, Magdalena Pötsch, 25.1.2022)