Der Münchner Franz Ziereis (Bildmitte), Kommandant des KZ Mauthausen, zeigt Heinrich Himmler (links) und dem Oberösterreicher Ernst Kaltenbrunner (rechts) das Konzentrationslager. In der dortigen NS-Mannschaft waren Österreicher leicht überrepräsentiert.

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Es waren Urteile, die heute schwer nachvollziehbar sind: In der ersten Hälfte der 1960er-Jahre haben österreichische Gerichte zahlreiche schwerstbelastete NS-Verbrecher wie Franz Murer, den "Schlächter von Vilnius", oder Frank Novak, "Eichmanns Fahrdienstleiter des Todes", freigesprochen. Der damals 22-jährige Journalist Oscar Bronner nahm diese (Fehl-)Urteile 1965 zum Anlass, um in einer vielbeachteten Artikelserie in der Zeitschrift "Forum" unter anderem auf die NS-Vergangenheit einiger der damals involvierten Richter hinzuweisen.

Simon Wiesenthal, der Leiter des Dokumentationszentrums des Bundes jüdischer Verfolgter des Naziregimes, wählte im Oktober 1966 einen anderen Weg, um das Versagen der österreichischen Justiz bei der Fahndung und Bestrafung von NS-Tätern zu kritisieren. Er verfasste ein Memorandum unter dem Titel "Schuld und Sühne der NS-Täter aus Österreich", das er dem damaligen Bundeskanzler Josef Klaus (ÖVP) schickte. Dieser Text enthielt eine bis heute umstrittene These, die dem damals strapazierten Opfermythos diametral entgegengesetzt war.

Überproportional viel Schuld?

Der Holocaust-Überlebende Wiesenthal behauptete nämlich, dass Österreicher in der NS-Zeit überproportional viel Schuld auf sich geladen hätten: Der Prozentsatz der österreichischen NS-Täter sei weit über dem Bevölkerungsanteil der "Ostmark" am "Großdeutschen Reich" gelegen; Österreicher hätten sich am Tod von etwa drei Millionen Juden und Jüdinnen mitschuldig gemacht. Wiesenthal wiederholte diesen Befund in den folgenden Jahren immer wieder.

Als wichtige Belege galten ihm die zahlreichen österreichischen Mitarbeiter von Adolf Eichmann und Odilo Globocnik, dem Leiter der Aktion Reinhardt zur Vernichtung der Juden und Jüdinnen im damals besetzten Polen, sowie der überproportional hohe Anteil der Österreicher bei den Kriegsverbrechen auf dem Balkan durch die deutsche Wehrmacht.

Doch hält Wiesenthals Behauptung den Zahlen und Fakten stand? Diese Frage ließ sich bis vor kurzem nicht eindeutig beantworten. Denn trotz ihrer hohen zeitgeschichtlichen Relevanz hat sich viele Jahrzehnte lang kaum jemand die Mühe gemacht, die Thesen empirisch zu überprüfen. (Eine der wenigen Ausnahmen ist ein Text des Zeithistorikers Bertrand Perz.)

Keine empirische Bestätigung

In den vergangenen beiden Jahren hat sich der Historiker Kurt Bauer ganz dem Thema gewidmet. Als Ergebnis eines von Barbara Stelzl-Marx (Uni Graz und Ludwig-Boltzmann-Institut für Kriegsfolgenforschung) geleiteten Projekts, das vom Zukunftsfonds der Republik Österreich finanziert wurde, legte Bauer dieser Tage einen 270-seitigen und Simon Wiesenthal gewidmeten Endbericht vor, der noch nicht publiziert ist. Und darin kommt er zu einem eindeutigen Schluss: "Ein überdurchschnittlich hoher Anteil von Österreichern an Nazi-Tätern ist nicht nachweisbar."

Das bedeute aber selbstverständlich keine Entlastung von der Schuld, die die österreichische Gesellschaft im Nationalsozialismus auf sich lud, betont Bauer im Gespräch mit dem STANDARD. "Es ging bei dem Projekt einzig darum, nüchtern die Zahlen und Fakten zu ermitteln. Und die verkleinern den österreichischen Anteil an den NS-Verbrechen keineswegs."

Schwierige Recherchen

Diese Untersuchungen waren in den vergangenen zwei Jahren aufgrund der Pandemie gar nicht so einfach. So konnten Recherchen im Bundesarchiv in Berlin, wo sich etwa die Personalunterlagen sämtlicher SS-Angehöriger befinden, nicht in geplanter Form durchgeführt werden. Der 60-jährige Historiker, der mit seinen Büchern zu den Ereignissen des Jahres 1934 und auch seiner NS-Geschichte Österreichs ("Die dunklen Jahre", 2017) Standardwerke vorlegte, behalf sich aber mit zahlreichen anderen Datenbanken und Quellen. Zudem wertete er die mittlerweile sehr umfangreiche Literatur zum Thema neu nach dem Anteil der Österreicher an den NS-Tätern aus. (Dass in Bauers Studie und auch hier die männliche Form dominiert, liegt daran, dass Bauer mit der Ausnahme von drei Frauen keine österreichischen NS-Täterinnen identifizieren konnte, die in seine Kategorien passen.)

Wer sind die Österreicher?

Doch wer gilt für Bauer überhaupt als "österreichisch"? Das sind für ihn jene Personen, die ihren Lebensmittelpunkt zwischen 1918 und 1938 vor allem in der jungen Republik hatten. Nach diesem Kriterium zählt etwa auch Adolf Eichmann dazu: "Eichmann wurde zwar 1906 in Deutschland geboren, aber hat von 1914 bis 1933 in Österreich gelebt und sich hier politisch radikalisiert", argumentiert Bauer.

Es gebe aber einige Fälle, bei denen diese Zuordnung schwieriger sei. Als ein typisches Beispiel nennt Bauer den Höheren SS- und Polizeiführer Walter Schimana, einen aus Troppau (heute: Opava in Tschechien) stammenden Österreicher, der im Ersten Weltkrieg in der k.u.k. Armee diente und nach 1918 kurz in der österreichischen Armee, 1919 aber schon weiter nach Deutschland übersiedelte.

Grundsätzlich machten die Ostmärkerinnen und Ostmärker nach dem März 1938 rund 8,8 Prozent der Bevölkerung des Deutschen Reichs aus, ähnlich hoch war auch der Anteil bei den NSDAP-Mitgliedern. Wie aber sah es nun konkret bei den NS-Tätern aus? Auch diese Kategorie ist nicht eindeutig, weshalb sich Bauer in seiner Studie damit behilft, dass er über 20 verschiedene Unterkategorien einzeln behandelt und auswertet – darunter sind die SS-Generäle, KZ-Kommandanten, SS-Offiziere oder Mediziner in Konzentrations- und Vernichtungslagern.

Wer sind die Täter?

In den meisten dieser 20 unterschiedlich großen Tätergruppen liegt der österreichische Anteil knapp unter den 8,8 Prozent. Deutlich höher ist er nur im KZ Mauthausen (15,9 Prozent des Personals, das insgesamt 3.052 Personen umfasste), bei den 161 Medizinerinnen und Medizinern in Konzentrationslagern (11,2 Prozent Österreicher) oder den Höheren SS- und Polizeiführern (14,9 Prozent von insgesamt 47).

Tabelle: Kurt Bauer

Was Bauer allerdings durchaus bestätigen konnte: Unter den besonders exponierten Mitarbeitern (und Tätern) Eichmanns waren rund die Hälfte Österreicher, wie etwa auch schon sein Kollege Hans Safrian herausgefunden hatte. Ähnliches galt für den Täterkreis rund um Odilo Globocnik, dem die Vernichtungslager Bełżec, Sobibor und Treblinka unterstanden. Für Bauer ist das nicht weiter verwunderlich: "Auch heute holen sich Politikerinnen und Politiker solche Personen ins Team oder ins Kabinett, die sie kennen. Und bei Eichmann und Globocnik waren das eben besonders viele Österreicher."

Unter dem Strich aber waren Österreicher laut Bauers Recherchen weder in der NSDAP noch bei der SS oder den meisten Tätergruppen in den Konzentrations- und Vernichtungslagern überrepräsentiert. Auf eine andere "Volksgruppe" dürfte das aber sehr wohl zutreffen, wie er eher en passant eruierte: die Sudetendeutschen. Unter der deutschsprachigen Bevölkerung Böhmens, Mährens und Österreich-Schlesiens habe es überproportional viele Nationalsozialisten und auch NS-Täter gegeben, behauptet Bauer.

Für die Zeithistorikerin Heidemarie Uhl (ÖAW), die am Projekt Bauers nicht beteiligt war und der nur die Kurzfassung des Endberichts vorlag, handelt es sich um eine "wichtige, verdienstvolle Forschungsarbeit", die schon längst überfällig gewesen sei. "Es ist wichtig, dass diese Zahlen nun vorliegen und einer differenzierten Analyse unterzogen werden."

Österreichs Radikalisierung als Vorbild

Uhl, die zuletzt unter anderem die sehenswerte Schau "Das Wiener Modell der Radikalisierung. Österreich und die Shoah" am Heldenplatz mitkonzipierte, gibt aber zu bedenken, dass Österreich nach dem "Anschluss" 1938 insofern eine besondere Rolle zukam, als es "zum Experimentierfeld für die Radikalisierung des Antisemitismus" wurde. "Die in Wien von Adolf Eichmann aufgebaute Bürokratie des Terrors wurde zum Vorbild für die Verschärfung der antijüdischen Politik im gesamten Deutschen Reich." Dem stimmt im Übrigen auch Bauer vollinhaltlich zu: "Der unheimliche Radikalisierungsschub in Wien nach dem März 1938 hatte fraglos eine wichtige Vorbildwirkung."

Zwar dürfte der österreichische Anteil an den NS-Tätern proportional nicht höher gewesen sein als der Deutschlands. In ihrer Verfolgung zwischen 1956 und 1965 unterschieden sich die beiden Länder aber sehr wohl, wie Wiesenthal 1966 kritisierte und Kurt Bauer nun auch mit Zahlen belegt: Der Anteil der von österreichischen Gerichten wegen NS-Verbrechen verurteilten Personen betrug in diesen zehn Jahren demnach nicht einmal vier Prozent aller in Westdeutschland und Österreich verurteilten NS-Täter. (Klaus Taschwer, 26.1.2022)