Ukrainische Soldaten patrouillieren an der Linie zur selbsternannten Volksrepublik Donezk. Der Oberkommandierende in der Region rechnet mit einem russischen Angriff.

Foto: AP / Andriy Dubchak

"Die Stimmung ist schlecht", sagt Alexander. Der knapp 50-Jährige stammt aus der Millionenstadt Odessa am Schwarzen Meer. Er ist auf dem Kleidermarkt tätig, die Geschäfte laufen mäßig, aber das sei nicht die einzige Sorge, meint Alexander. Die Menschen hätten derzeit Angst, dass tatsächlich ein Krieg mit Russland ausbrechen könne. Alexanders Muttersprache ist wie die der Mehrheit der Odessiten Russisch, doch er sagt: "Wir russischsprachigen Ukrainer sind nicht mehr prorussisch, das Verhältnis zu Russland ist deutlich schlechter geworden."

So schauen sie mit Argwohn auf das Verhalten des großen Nachbarn, wissen nicht, was als Nächstes aus Moskau zu erwarten ist. Andere wiederum versuchen, sich völlig von der Politik abzuschotten, und lassen alle Nachrichten grundsätzlich an sich abprallen.

Widersprüchliche Signale

Am Montag hat Anton Gruschetzki, stellvertretender Direktor des Kiewer Internationalen Instituts für Soziologie (KIIS), die Ergebnisse einer Umfrage vorgestellt: Demnach halten 48,1 Prozent der Ukrainerinnen und Ukrainer einen russischen Einmarsch aktuell für eine reale Gefahr. 39,1 Prozent glauben, ein solcher Angriff stehe nicht bevor.

Zum Vergleich: Im Dezember fürchteten 49,2 Prozent eine anstehende russische Offensive, während 41,4 Prozent der Ansicht waren, es würde nichts passieren. Die Lager sind also größtenteils unverändert, einzig der Anteil derer, die angesichts des ständigen Alarmismus abgeschaltet haben, ist leicht gestiegen.

Tatsächlich sind die Signale, die das politische Kiew aussendet, widersprüchlich: So hat erst vor wenigen Tagen Präsident Wolodymyr Selenskyj in einer Videoansprache den Ukrainern geraten, nicht in Panik zu verfallen. "Wir arbeiten daran, die Lage völlig auf dem Weg einer friedlichen Regelung zu deeskalieren", versprach er seinen Landsleuten. Die Lage im Osten sei unter Kontrolle, es gebe keinen Grund zu "schreien, dass alles verloren ist".

Keine Anzeichen

Verteidigungsminister Alexej Resnikow dementierte zudem, dass ein russischer Angriff bevorstehe. Anzeichen dafür gebe es derzeit nicht, sagte er. Ähnlich äußerte sich am Dienstag der Fraktionschef der Präsidentenpartei Diener des Volkes David Arachamija. Die russischen Lager an der Grenze zur Ukraine seien in Wirklichkeit halb leer, die ukrainischen Aufklärungsdienste hätten keine aktive Vorbereitung eines unmittelbar bevorstehenden Angriffs registriert, sagte er.

Dem entgegen steht freilich die Einschätzung des Oberkommandierenden der ukrainischen Truppen im Donbass Alexander Pawljuk, der vor der Entfaltung russischer Truppen warnte, die potenziell acht ukrainische Regionen einnehmen könnten. Als mögliches Angriffsdatum nannte er den 20. Februar – das Ende der Olympischen Winterspiele in Peking.

Auch ein Hilfeersuchen des Parlaments, der Rada, an die Uno und das Europaparlament warnt vor der Gefahr. Darin verurteilen die Abgeordneten die "militärische Erpressung" vonseiten Russlands.

Macrons Offensive

In Europa geht nun Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron in die diplomatische Offensive. Er möchte dem russischen Präsidenten Wladimir Putin einen Weg der Deeskalation vorschlagen. Ein Gespräch zwischen Macron und Putin wird wohl bereits in den kommenden Tagen stattfinden. Macron traf am Dienstagabend auch den deutschen Kanzler Olaf Scholz zu Beratungen über das Thema. Frankreich und Deutschland bilden mit Russland und der Ukraine das Normandie-Format, das am Mittwoch in Paris zum ersten Mal seit zwei Jahren mit Vertretern aller beteiligten Staaten zusammenkommen soll.

Großbritanniens Premier Boris Johnson sprach sich am Dienstag für härtere Sanktionen gegen Russland aus. Zuvor hatte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow den USA vorgeworfen, durch das Versetzen tausender US-Soldaten in erhöhte Alarmbereitschaft die Spannungen im Ukraine-Konflikt weiter anzuheizen.

US-Präsident Joe Biden stellte am Dienstagabend die baldige Entsendung eines Teils jener 8.500 Soldatinnen und Soldaten, die seit Montag in Einsatzbereitschaft sind, in europäische Partnerländer in Aussicht. Auch sagte er, er könne sich im Kriegsfall vorstellen, persönliche Sanktionen gegen Putin zu erlassen. (André Ballin, Manuela Honsig-Erlenburg, 25.1.2022)