US-Notenbankchef Jerome Powell entzieht dem Markt Liquidität. Das kommt einer Zäsur nach der Geldschwemme gleich – dem Lebenselixier der Finanzmärkte in Zeiten der Viruskrise. Wie schnell Geld aus dem Markt genommen wird, ist aber noch offen.

Foto: U.S. Federal Reserve Board/Handout via Reuters

Die US-Notenbank Fed hat Mittwochabend ihren weiteren geldpolitischen Kurs bekanntgegeben. Große Überraschungen gab es dabei nicht. Dass die Fed ihre Bilanz verkürzen wird, indem sie auslaufende Anleihen nicht mehr nachkauft, war bereits bekannt. In den vergangenen Jahren hatte die Fed ihre Bilanz auf fast neun Billionen Dollar aufgebläht – hier soll es einen schrittweisen Abbau geben. Eine Verkürzung der Bilanz heißt, dass die Notenbank den Finanzmärkten Liquidität entziehen wird. Das verändert die Finanzierungsbedingungen für Unternehmen. Sie müssen Investoren wieder mehr Zinsen bieten, damit diese ihre Anleihen kaufen.

Die Leitzinsen hat die Fed vorerst noch in der Spanne von null bis 0,25 Prozent gehalten. Ein Zinsschritt wird für März erwartet – es wäre die erste Zinsanhebung seit vier Jahren. Drei Zinsschritte sollen es heuer in Summe werden. Doch im Markt geht schon das Gerücht, dass auch vier Zinserhöhungen erfolgen könnten. Goldman Sachs hatte zuletzt schon in diese Richtung argumentiert. Auch Raiffeisen-Chefanalyst Peter Brezinschek rechnet mit vier Leitzinserhöhungen durch die US-Notenbank Fed innerhalb von zwölf Monaten – jeweils in Schritten von einem Viertelprozent. Bei einer weiter sehr starken Inflation im ersten Halbjahr sei vielleicht im Juni sogar eine Anhebung um 50 Basispunkte drin, so Brezinschek im Ö1-"Morgenjournal".

Gut vorbereitet

Fed-Chairman Jerome Powell hat die Finanzmärkte schon seit Herbst auf eine bevorstehende Trendwende in der Geldpolitik vorbereitet. Damals haben sich die Börsen kurz nervös gezeigt und mit Abschlägen reagiert. Diese Aufregung hatte sich aber rasch wieder gelegt. Powell erklärte am Mittwoch, dass es "ziemlich viel Spielraum" zur Straffung gebe, ohne die Erholung am Arbeitsmarkt zu gefährden. Die Arbeitslosenquote fiel im Dezember auf 3,9 Prozent. Viele Unternehmen klagen bereits über einen Mangel an Bewerbern.

Dass die angekündigten Schritte nun näher kommen, hatte die Börsen zu Wochenbeginn erneut verunsichert. Gepaart mit den Sorgen wegen des Russland-Ukraine-Konflikts sackten die Märkte zu Wochenbeginn ab, erholten sich tags darauf aber wieder. Nach den Worten der Fed starteten die Börsen in Europa am Donnerstag uneinheitlich, aber wenig verändert – Investoren lasten Powell an, dass er mit seinen Aussagen in Summe sehr vage geblieben ist.

Inflation belastet

Die Fed sieht sich mit dem stärksten Inflationsdruck seit Anfang der 1980er-Jahre konfrontiert. Die Teuerungsrate ist mit zuletzt 7,0 Prozent sehr weit über das Ziel der Notenbank von 2,0 Prozent hinausgeschossen. Aus der Corona-Krise resultierende Materialengpässe und hohe Energiekosten treiben das Preisniveau nach oben. "Alles dreht sich um den Kampf gegen die Inflation, und die Fed muss sich ins Zeug legen. Schließlich hinkt sie hinterher", warnte Neil Wilson, Chefanalyst des Online-Brokers Markets.com

Denn anders als die EZB habe die US-Notenbank zwei Ziele: stabile Preise und eine möglichst hohe Beschäftigung. "Und nachdem Powell gemeint hat, dass die Inflation das Ziel Vollbeschäftigung gefährdet, ist klar, dass der Inflationsbekämpfung Priorität eingeräumt wird", sagte Brezinschek. Im Jänner und Februar werde es zwar einen Basiseffekt für etwas niedrigere Inflationsraten geben, "aber die Preissteigerungen werden sich noch immer deutlich über dem Zwei-Prozent-Ziel befinden".

Was macht die EZB?

Die Europäische Zentralbank (EZB) bleibt bei ihrer Strategie, erst einmal abzuwarten – auch weil sie eine andere Inflationsprognose und -erwartung hat. Denn schon im nächsten Jahr soll laut EZB-Prognosen die Inflation wieder unter dem Ziel von zwei Prozent sein, so Brezinschek, und die Jahre danach ebenfalls: "Also, sie hält, offiziell vorerst einmal, an dem Ziel, an der Einschätzung einer temporären Inflation fest. Und daher versucht sie, so lange wie möglich durchzutauchen."

Die "entscheidende Phase" für die EZB werde wohl der Herbst sein, denn dann werde man sehen, wie stark die Preise noch vom Zwei-Prozent-Inflationsziel entfernt seien bzw. möglicherweise zu weit darüberliegen. "Und dann wird die EZB Farbe bekennen müssen, ob sie sich zu der Inflationsbekämpfung auch mit Zinserhöhungen oder der Verabschiedung aus dem Negativzinsumfeld bereiterklärt oder ob sie ihr aktuelles Zinsniveau beibehalten will." (bpf, 27.1.2022)