Es waren emotionale Ansprachen, die am Mittwochabend im Saal des Architekturzentrums Wien (AzW) gehalten wurden. Dass man diese Diskussion überhaupt führen müsse, es sei doch alles klar. Dieses Gebäude sei ein "Kunstwerk". Ein "Manifest". Und doch passiert seit 2017 nichts.

Die Schule am Kinkplatz im 14. Wiener Gemeindebezirk, 1994 nach Plänen von Helmut Richter erbaut, steht nämlich seit 2017 leer. Der Glasbau sei wegen Baumängeln unbenutzbar, heißt es. Eine andere Version: Die Schulverwaltung sei mit dem Gebäude nie wirklich warm geworden. Seither spricht sich fast die gesamte Architekturszene für eine Sanierung der Schule aus.

Die Schule am Kinkplatz ist ein imposanter Glasbau – aber was passiert künftig damit? (Aufnahme aus den 1990er-Jahren)
Foto: Architekturzentrum Wien, Sammlung, Foto: Friedrich Achleitner

Das AzW lud ein, um erneut über das Thema zu diskutieren. Ziel sei, sagte Direktorin und Moderatorin Angelika Fitz zu Beginn, "heute von einem Neustart sprechen zu können". Ähnlich euphorisch waren auch die Eingangsstatements, unter anderem von Architektin Silja Tillner. Sie hat mit ihrem Büro ein Forschungsprojekt auf die Beine gestellt, das ermitteln soll, wie die Schule am Kinkplatz saniert werden könnte, um nachhaltig zu funktionieren. Damit würde man den Nerv der Zeit treffen, "denn es gibt in Europa viele Glasbauten, die ihre Zeit überschritten haben und eine neue Fassade brauchen", sagte Tillner und nannte die Gerrit Rietveld Academie in Amsterdam als eines von vielen Beispielen.

Streit ums "Wesentliche"

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion war unter anderem Bernhard Jarolim, der neue Wiener Stadtbaudirektor, zu Gast. Man habe ihm von der Teilnahme abgeraten, sagte er zu Beginn. "Aber ich bin ja erst seit August im Amt und schaue in die Zukunft", sagte er. Er sei optimistisch, was den weiteren Verlauf angehe. "Ich habe die Schule besucht und versucht, sie auf mich wirken zu lassen. Und sie hat gewirkt." Er wolle die Schule "im Wesentlichen" erhalten.

TU-Professorin und Architektin Hemma Fasch ließ mit ihrer Kritik nicht lange auf sich warten. "Im Wesentlichen" sei nicht genug, es brauche eine vollständige Sanierung, eine vollständige Unterschutzstellung des Denkmalamtes.

Zum Denkmalschutz-Status des Gebäudes wollte auch jemand aus dem Publikum Auskunft bekommen. Antwort: Das Bundesdenkmalamt habe das Gebäude für schützenswert erklärt. Nun sei der Ball auf der anderen Seite – bei der Stadt.

Mittlerweile (das Foto stammt aus dem Jahr 2020) sieht es dort so aus.
Foto: picturedesk

Tatsächlich heißt es seit längerem unter Expertinnen und Experten, die Stadt habe einen Gegenentwurf gestartet, um die Komplettunterschutzstellung anzufechten. Nott Caviezel, emeritierter Professor unter anderem für Denkmalpflege an der TU Wien, betonte, man sollte von der in Österreich möglichen Teilunterschutzstellung Abstand nehmen, "das könnte das Gebäude zerstören".

Architekt Wolf Dieter Prix kritisierte das Abwälzen der Verantwortung auf die Architekten. "Es ist ein Wahnsinn, dass es Architekten braucht, um das Ganze in die Hand zu nehmen. Das Gebäude ist im Besitz der öffentlichen Hand, die Stadt soll vorkommen und Vorschläge bringen!"

"Es ist ein Ort der Bildung"

Baudirektor Jarolim sprach auch die Nutzung an. Man müsse sich verschiedene Lösungen anschauen und das Gebäude eventuell nicht nur als Schule nutzen. Auch das stieß auf Kritik. "Das Gebäude ist eine Schule, und es soll eine Schule bleiben", sagte Fasch, und Caviezel stimmte ihr zu: "Ich bin sehr dafür, alle Maßnahmen einzusetzen, damit das Gebäude nachhaltig saniert werden kann. Aber als grünes Biotop oder Museum sehe ich es nicht, es ist ein Ort der Bildung."

Baudirekt Jarolim betonte immer wieder, er setze sich für eine Instandhaltung ein, aber könne "nichts versprechen. Die Politik muss mitziehen, da braucht es auch Überzeugungsarbeit." Aber er bleibe dabei, die Stadt müsse sich kümmern.

Architekturzentrum Wien

Wasser in den Räumen

Und das, und da waren sich alle Teilnehmer sicher, schnell. Mittlerweile stehe das Wasser in den Räumen, hieß es. Und Fasch kritisierte: "Wenn man eine Maschine nicht ölt, geht sie irgendwann kaputt." Es müsse jetzt etwas getan werden. Aus dem Publikum kam der Vorwurf, die Stadt würde so lange untätig bleiben, bis es gar nicht mehr anders ginge, als die Schule abzureißen.

Zum Schluss gab es den Appell, die "ewige Ökonomisierung" beiseitezulassen und das Gebäude zu erhalten und zu sanieren, "koste es, was es wolle". Das sorgte im Publikum für Beifall, während Baudirektor Jarolim bremsen musste: "Ökonomie kann man nicht einfach so beiseiteschieben." Ein klares Ja zur Schule am Kinkplatz sieht anders aus. Ein Neustart war es dank des breiten Interesses und der Vielzahl an Ideen und Vorschlägen aber allemal. (Thorben Pollerhof, 28.1.2022)