Es hätte Stoff mit mehr Realitätsgehalt gegeben, sagt Hellmut Butterweck, früherer Wissenschaftsredakteur und Theaterkritiker, im Gastkommentar.

15 NS-Spitzenfunktionäre besprechen die "Endlösung". Ein auf dem Konferenzprotokoll basierender Film war diese Woche im ORF zu sehen.
Foto: ORF / ZDF / Mathias Bothor

Das Protokoll der Wannseekonferenz ist gefälscht: Dieser Satz könnte von unbelehrbaren Nazis stammen, und so oder ähnlich kann man ihn auf rechtslastigen Websites auch lesen. Trotzdem stimmt er mit einer kleinen Korrektur: Das Wannseeprotokoll wurde verfälscht, und zwar derart, dass heute niemand wissen kann, was am 20. Jänner 1942 in der Villa am Wannsee tatsächlich geredet wurde.

Rechte Geschichtsfälscher bestreiten, dass die Wannseekonferenz überhaupt stattgefunden hat. Sie bestreiten ja sogar die Echtheit des von "Reichsmarschall" Hermann Göring an Reinhard Heydrich, den Chef des Reichssicherheitshauptamtes, adressierten Erlasses, die Endlösung der Judenfrage vorzubereiten. Beide Geschichtslügen lassen sich leicht widerlegen. Der Endlösungserlass wurde Göring im Nürnberger Prozess vorgelegt, und Göring sagte: "Diesen Erlass kenne ich genau", worauf sich ein Disput über Einzelheiten der Übersetzung entspann. Bei der Wannseekonferenz hatte Adolf Eichmann das Protokoll geführt. Als Angeklagter in Jerusalem äußerte er sich in der Vernehmung als Zeuge in eigener Sache durch seinen Verteidiger ausführlich über das Zustandekommen des Dokuments:

"Das Protokoll gibt die wichtigsten Punkte sachlich, korrekt wieder, nur natürlich ist es kein wortgetreues Protokoll, weil die, sagen wir mal, gewissen Auswüchse, gewisser Jargon, der vorgebracht wurde, in dienstliche Worte von mir zu kleiden waren und dieses Protokoll ist, glaube ich, drei oder gar viermal von Heydrich korrigiert worden (...). Es wurde seinen Wünschen entsprechend dann umgearbeitet, bis schließlich dieses hier vorliegende Protokoll entstand." Während die Ordonnanzen "die ganze Zeit Cognac oder andere Getränke" reichten, wurde "von Töten und Eliminieren und Vernichten gesprochen", wobei am Ende angeblich alle animiert durcheinanderredeten.

Gelöst und zufrieden

Heydrich, der, so Eichmann, "sicherlich auf dieser Konferenz die größten Schwierigkeiten erwartet" hatte, war gelöst und zufrieden, weil er erreicht hatte, was er wollte, nämlich "hier auf höchster Ebene gewissermaßen sein Wollen und das Wollen des Reichsführers SS (...) durchzudrücken", zugleich konnte er "das Wesentliche (...) in das Protokoll verankert wissen, weil er die Staatssekretäre ‚annageln‘ wollte und im Protokoll verhaften wollte".

Gewiss war die Aussage eine Mischung aus Fakten und Schutzbehauptungen, denn Eichmann hatte alles Interesse, seine Stellung in der Mordmaschine klein- und die allgemeine Zustimmung großzureden. Dass das Protokoll von Heydrich und ihm so redigiert wurde, dass man sich auf keinen Satz mehr verlassen kann, darf man aber glauben. Regisseur Matti Geschonnek und seine Schauspieler haben also keine Wirklichkeit verfilmt, sondern ein Drehbuch nach den Wünschen von Heydrich. Wir werden nie erfahren, ob sich nicht doch der eine oder andere Teilnehmer ganz anders äußerte. An diese Möglichkeit sollte jeder, der diesen Film sieht, denken.

Alles gewusst

"Annageln, im Protokoll verhaften": Darum ging es. Keiner der am Wannsee Versammelten sollte später sagen können, er habe von der "Endlösung" nichts gewusst, und möglicherweise haben ja genau jene, die sich die Möglichkeit offenhalten wollten, eben doch nichts gewusst zu haben, dafür gesorgt, dass alle Kopien verschwanden, wobei ihnen eine entging.

Die Villa am Wannsee, der Ort der Konferenz 1942.
Foto: AP / Michael Sohn

Knapp zwei Jahre später hatte sich die militärische Lage dramatisch verschlechtert, und der misstrauische Hitler ließ über Heinrich Himmler (ein Alleingang in dieser Sache wäre schwer vorstellbar) einem größeren Kreis von Funktionsträgern eine Botschaft zukommen: Macht euch keine Illusionen, auch für euch sind alle Brücken verbrannt, von nun an kann keiner von euch sagen, er habe von der Endlösung nichts gewusst. Am 4. Oktober 1944 redete Himmler in Posen vor den Generälen der SS, am 6. Oktober vor den Reichs- und Gauleitern und im Jänner 1944, zwei Jahre nach der Wannseekonferenz, auch noch vor einer Reihe ranghoher Generäle der Wehrmacht mit ähnlichen Worten Klartext:

"Ich bitte Sie, das, was ich Ihnen in diesem Kreise sage, wirklich nur zu hören und nie darüber zu sprechen. Es trat an uns die Frage heran: Wie ist es mit den Frauen und Kindern? – Ich habe mich entschlossen, auch hier eine ganz klare Lösung zu finden. Ich hielt mich nämlich nicht für berechtigt, die Männer auszurotten, sprich also umzubringen oder umbringen zu lassen – und die Rächer in Gestalt der Kinder für unsere Söhne und Enkel groß werden zu lassen. Es musste der schwere Entschluss gefasst werden, dieses Volk von der Erde verschwinden zu lassen. Für die Organisation, die den Auftrag durchführen musste, war es der schwerste, den wir bisher hatten. Er ist durchgeführt worden, ohne dass – wie ich glaube sagen zu können – unsere Männer einen Schaden an Geist und Seele erlitten hätten. (…) Die Judenfrage in den von uns besetzten Ländern wird bis Ende dieses Jahres erledigt sein (…).

Dass ich große Schwierigkeiten mit vielen wirtschaftlichen Einrichtungen hatte, werden Sie mir glauben. Ich habe in den Etappengebieten große Judenghettos ausgeräumt. In Warschau haben wir in einem Judenghetto vier Wochen Straßenkampf gehabt (...). Dieses ganze Ghetto machte also Pelzmäntel, Kleider und Ähnliches. Wenn man früher dort hinlangen wollte, so hieß es: Halt! Sie stören die Kriegswirtschaft! Halt! Rüstungsbetrieb! (...) Sie wissen nun Bescheid, und Sie behalten es für sich (…). Ich glaube, es ist besser, wir – wir insgesamt – haben das für unser Volk getragen, haben die Verantwortung auf uns genommen (…) und nehmen dann das Geheimnis mit in unser Grab."

Anderer Stoff

Nachher bat Martin Bormann in den Nebenraum. "Wir setzten uns wortlos zu Tisch. Jeder wich den Blicken der anderen aus", schrieb Baldur von Schirach, Hitlers Gauleiter und Reichsstatthalter in Wien, in seinem Buch Ich glaubte an Hitler. Himmlers Eröffnungen verrieten ihm allerdings nichts Neues. Albert Speer, Hitlers Architekt und späterer Rüstungsminister, behauptete, Großadmiral Karl Dönitz sei am 6. Oktober dabei gewesen, er selbst aber nicht. Er war aber auch dabei gewesen. Stoff für einen Film mit mehr Realitätsgehalt als Die Wannseekonferenz? Ich glaube schon. (Hellmut Butterweck, 29.1.2022)