Die Früchte der Arbeit.

Foto: AP/Medichini

Üben, üben, üben.

Foto: AFP/SCHRADER

Mit seinem ersten Sprung war Manuel Fettner nur zufrieden. Angesichts von Zwischenrang vier war für den Tiroler kaum abzusehen, dass ihn von den nächsten 17 Springern nur Ryoyu Kobayashi übertreffen würde. Eine Stunde und einen 104-Meter-Satz später ballte Fettner die Fäuste und schrie vor Freude. So weit kam im Finale kein anderer. Fettner übernahm die Führung und wurde nur noch vom Halbzeitersten Kobayashi abgefangen. Dritter wurde Dawid Kubacki aus Polen.

Ob Fettner überhaupt zu den Olympischen Spielen von Peking reisen würde, war bis vor wenigen Wochen unklar. Andreas Widhölzl entschied sich bei seiner Kaderauswahl erst spät gegen Philipp Aschenwald, das betonte der Skisprungtrainer nach Fettners Gewinn der Silbermedaille. Widhölzl scheint alles richtig gemacht zu haben und sagte über Fettner: "Ich gönne es ihm von ganzem Herzen."

Daniel Huber war der Erste, der Fettner nach dem zweiten Sprung umarmte, später sagte er: "Solange einer von uns auf dem Stockerl steht, passt alles." Der Teamspirit ist nicht aufgesetzt, er wirkt so ehrlich wie der Papst bei der Beichte.

Studium und Zweifel

Klar, ein wenig Glück spielte mit. Auf der Normalschanze des "Snow Ruyi" schob sich das Feld aufgrund der geringeren Weiten zusammen. Im Training herrschte stets Aufwind, gegen Ende des ersten Durchgangs, als Fettner bereits im Auslauf war, kam leichter Rückenwind auf. Davon waren die Mitfavoriten Halvor Egner Granerud und Marius Lindvik ebenso betroffen wie Stefan Kraft, Jan Hörl und Huber.

Fettner kam zuvor noch nie in die Nähe einer Einzelmedaille. Bei Olympischen Spielen trat er zweimal an, er belegte die Plätze 23 und 32. Bei Weltmeisterschaften ist ein zwölfter Platz sein Bestwert. Dreimal war er im Einzel-Weltcup Dritter, das letzte Mal ist schon über fünf Jahre her.

Das Ergebnis vom Sonntag ist daher eine Überraschung. Die andere Seite der Geschichte: Es war würdig und recht. Fettner zeigte sich in sämtlichen Trainingssprüngen in starker Verfassung, kam mit der Schanze auf Anhieb zurecht. "Ich hupfe gerne auf 90-Meter-Schanzen", sagte Fettner. "Leider gibt es die im Weltcup nie, sonst wäre ich vielleicht schon öfter vorne gewesen. Ich habe mich hier richtig wohl gefühlt." Fettner sagte auch, dass er "fast immer Spaß" am Skispringen hatte. In dieser Aussage versteckt sich auch eine Phase des Zweifelns. Der Tiroler war im Winter vor zwei Jahren bis in den Jänner hinein ohne Weltcuppunkt geblieben. Er beendete die Saison, wenig später auch sein Studium der Betriebswirtschaft. Als manche mit einem Karriereende rechneten, kämpfte sich Fettner zurück in den Weltcup. In China erlebte er den Höhepunkt seiner Karriere. "Die Liebe zum Sport war ausschlaggebend. Es ist ein lässiger Sport", sagte der 36-Jährige.

Viel passiert

Mit 15 Jahren debütierte Fettner 2001 in Innsbruck im Weltcup, bei seinem zweiten Springen auf höchster Ebene wurde er gleich Fünfter. Seither ist viel passiert. Der Sport ist ein ganz anderer, über die Jahre kamen etliche Regeländerungen zusammen. Auch die Schanzen änderten sich, der Sprungstil belohnt heute riskantere Manöver beim Absprung. "Es war spannend, die Arbeit an mir selbst, am Material, an der Technik. Das hat mich dazu gebracht, dass ich immer noch springe", sagte Fettner.

Rund 300 chinesische Fans sahen Österreichs erste Olympia-Medaille im Skispringen seit 2014. Sie blieben ruhig, schwenkten Fähnchen, diese Bewegungen hielten sie in der Eiseskälte von Zhangjiakou warm. Das Schlusswort kam von Trainer Widhölzl: "Jetzt trinken wir einmal ein Bier, morgen geht es weiter."

Mixed-Premiere

Fettner tritt gemeinsam mit Lisa Eder, Daniela Iraschko-Stolz und Kraft im neuen Mixed-Bewerb (12.45 Uhr) an. Für die seit 2014 olympisch aktiven Skispringerinnen ist es erstmals ein zweiter Bewerb. Ein eigener Teambewerb bleibt den Frauen ebenso verwehrt wie Wettkämpfe auf der Großschanze. (Lukas Zahrer, 6.2.2022)

Herren-Skispringen, Normalschanze, Sonntag

1. Ryoyu Kobayashi (JPN) 275,0 (104,5/99,5)
2. Manuel Fettner (AUT) 270,8 (102,5/104,0)
3. Dawid Kubacki (POL) 265,9 (104,0/103,0)
4. Peter Prevc (SLO) 265,4 (103,0/99,5)
5. Jewgenij Klimow (RUS) 261,5 (104,0/100,0)
6. Kamil Stoch (POL) 260,9 (101,5/97,5)
7. Marius Lindvik (NOR) 260,7 (96,5/102,5)
8. Danil Sadrejew (RUS) 259,4 (107,5/98,0)
9. Timi Zajc (SLO) 259,3 (97,0/104,5)
10. Stefan Kraft (AUT) 258,1 (98,0/99,5)
11. Constantin Schmid (GER) 257,3 (102,0/98,0)
12. Antti Aalto (FIN) 256,1 (101,5/99,5)
13. Daniel Huber (AUT) 253,6 (96,0/101,5)
Anze Lanisek (SLO) 253,6 (99,0/98,0)
15. Karl Geiger (GER) 252,8 (96,0/99,0)
16. Mackenzie Boyd-Clowes (CAN) 252,6 (100,5/100,0)
17. Gregor Deschwanden (SUI) 250,8 (99,5/99,0)
18. Roman Koudelka (CZE) 249,5 (102,0/97,5)
19. Jan Hörl (AUT) 248,8 (98,0/97,0)
20. Robert Johansson (NOR) 248,3 (97,0/96,0)
21. Piotr Zyla (POL) 245,5 (95,0/99,0)
22. Wladimir Zografski (BUL) 245,3 (99,0/97,0)
23. Roman Trofimow (RUS) 244,7 (97,5/98,0)
24. Stephan Leyhe (GER) 244,4 (97,5/95,0)
25. Simon Ammann (SUI) 239,5 (101,0/97,0)
26. Stefan Hula (POL) 237,8 (103,0/93,5)
27. Junshiro Kobayashi (JPN) 234,0 (97,5/92,5)
28. Lovro Kos (SLO) 229,6 (95,0/92,0)
29. Cestmir Kozisek (CZE) 211,9 (100,0/85,0)
30. Halvor Egner Granerud (NOR) 127,4 (97,5/disq.)