An Maskottchen Bing Dwen Dwen wie an der paralympischen Kollegin Shuey Rhon Rhon gibt’s natürlich rein gar nichts auszusetzen.

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Angesichts der Behandlung seiner Partnerin Sabine Schöffmann platzte Snowboarder Alexander Payer der Kragen.

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Snowboarder Alexander Payer ist traurig, er wählt deutliche Worte, wenn er sagt: "Das hatte fast schon Deportationscharakter. Dass das vom IOC toleriert wird, finde ich sehr schade."

Payer spricht über den Umgang mit Sabine Schöffmann. Sie ist seine Lebenspartnerin und wäre im Snowboard-Parallel-Riesenslalom am Dienstag Mitfavoritin auf Gold gewesen. Weil sie positiv auf Corona getestet wurde, verbrachte sie den Tag aber in einem Quarantänehotel. Sie darf dieses erst verlassen, wenn sie zwei negative Tests abgibt, die 24 Stunden auseinanderliegen.

Hinter den Bildern

Payer war dabei, als Schöffmann aus dem Hotel für Aktive geholt wurde. Ein Video davon postete er auf Instagram. Fünf Personen in weißen Ganzkörperschutzanzügen bringen Schöffmann weg. "Dies sind Bilder, die man im Fernsehen nicht zu sehen bekommt", schrieb Payer dazu auf Englisch. "Schauen wir, wie lange ich sie euch zeigen kann." Weil Payer es als Story postete, verschwand das Video nach 24 Stunden automatisch wieder.

Auf die Situation angesprochen, sagt Payer dem STANDARD: "Es ist keine Wut im Bauch. Es ist Traurigkeit, wie heutzutage mit Sportlern umgegangen wird. Das hat weder ein Betreuer noch ein Athlet oder sonst wer hier verdient."

Die weißen Buddies

Schöffmann meldete sich ebenfalls am Dienstag via Instagram zu Wort. Sie sagte, das Zimmer sei okay, sie werde gut versorgt: "Meine weißen Buddies sind freundlich." Damit meinte sie die Angestellten des Quarantänehotels, die allesamt in Schutzausrüstung arbeiten. Sie gaben ihr ein Geschenk, das Paralympics-Maskottchen Shuey Rhon Rhon als Minifigur für das Bücherregal. Zuvor war Schöffmann vier Tage in Isolation gewesen, konnte nur allein trainieren und lieferte Tests mit stark schwankenden Ct-Werten ab.

Für Payer ist die sportliche Integrität der Olympischen Spiele von Peking verloren. Als Kind träumte er von Cool Runnings, von den legendären Sportgeschichten, die es bis in die Popkultur schafften. "Hier kommt man an und denkt sich: ‚Scheiße, wo bin ich hier gelandet?‘ Überall nur Menschen, die darauf aufpassen, dass du das Haus nicht verlässt."

Payer fuhr am Dienstag im Parallel-Riesenslalom. Er qualifizierte sich für die K.-o.-Phase, dort schied er im Viertelfinale aus. Schöffmann gab ihm Tipps, sie schickte Payer Nachrichten mit ihrer Analyse seiner Läufe. Das Rennen lief nicht im chinesischen Fernsehen. Sie sah es aber, weil eine Freundin via Russland die Übertragung in einem Videoanruf streamte.

Hoffen auf Nutzen

Die Vergabe der Spiele werde laut Payer nicht anhand von sportlichen Aspekten entschieden, oder auf Vorschläge von Aktiven hin. "Andere Charaktere" stünden im Blickpunkt, sie würden über den Austragungsort entscheiden. "Wir Sportler müssen es dann hinnehmen", sagt Payer. Er würde die Winterspiele lieber an Orten sehen, die der Wintersportwelt etwas bedeuten. Er nennt Cortina d’Ampezzo, Austragungsort der Spiele von 1956 und der nächsten Spiele 2026, als Beispiel.

Wie beinahe alle Athletinnen und Athleten lobt auch Payer die Wettkampfstätten. "China hat unglaubliche Arbeit geleistet in den vergangenen Jahren im Aufbau der Venues. Irre, was sie aus dem Boden gestampft haben." Payer hofft, dass die Sportstätten auch nach den Spielen genutzt werden. "Wenn man so viel daran setzt, diese Spiele durchzudrücken, dann hoffe ich, dass wenigstens Kinder etwas davon haben und snowboarden oder Ski fahren lernen."

Andeutungen

Payer ist damit der österreichische Sportler, der sich bislang am deutlichsten gegen die Austragung der Winterspiele von Peking ausspricht. DER STANDARD hat mit einigen Aktiven über den, nun ja, Panda im Raum gesprochen. Die meisten übten keine Kritik, andere deuteten sie an, wollen aber nicht mit Namen zitiert werden. "Man hinterfragt vieles", sagt einer, der im Eiskanal von Yanqing antritt: "Das kostet viel Energie. Es liegt nicht an mir, hier etwas rauszuposaunen." Die vielen Überwachungskameras in den Austragungsorten seien jedenfalls "erschreckend". Er könne sich vorstellen, dass sich nach der Rückreise von China einzelne Sportlerinnen und Sportler kritisch äußern. Ein anderer Sportler stimmt dem im vertraulichen Gespräch zu: "Ich würde mich vor meinem Wettkampf nur ablenken, wenn ich über Politik nachdenke."

Vom Österreichischen Olympischen Comité (ÖOC) hieß es vor den Spielen, Österreichs Sportlerinnen und Sportler hätten "keinen Maulkorberlass". ÖOC-Präsident Karl Stoss sagte: "Es ist jedem die Meinungsfreiheit erlaubt, und wenn er oder sie etwas zu sagen hat, dann kann er das sehr gerne tun."

Stoss, dessen Einfluss im IOC steigt und dem kein kritisches Wort über China auskommt, bedauerte Schöffmanns Ausfall. Er sagte im ORF: "Aufgrund der Isolierungspolitik befürchte ich keine weiteren Ausbrüche."

Keine Wirkung

Snowboarder Payer will die Politik vom Sport fernhalten. "Das gelingt uns natürlich nicht", sagt er. Politisch liege in China "einiges im Argen". Es wäre schön, wenn der Sport etwas bewegen könnte. Payer: "Ich bin mir sicher, diese Spiele haben politisch keine Auswirkungen. Ganz im Gegenteil. Es ist etwas, um sich reinzuwaschen." (Lukas Zahrer, 8.2.2022)