Im Zentrum von Dublin hat man sich schon daran gewöhnt, dass man keine Restriktionen mehr beachten muss.

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Am 5. März fallen in Österreich fast alle Corona-Beschränkungen. Wie sich die Bevölkerung auf die neu gewonnenen Freiheiten einstellt, zeigen Beobachtungen unter anderem aus Norwegen, Irland und England.

Die Schweiz feiert bereits am Donnerstag quasi ihren "Freedom Day". Ungeimpfte dürfen nun wieder in Restaurants, Kulturbetriebe und zum Shoppen. Private Treffen können ohne Einschränkungen stattfinden, und Homeoffice wird nicht mehr empfohlen. Nur in den Öffis und in Gesundheitseinrichtungen bleibt die Maskenpflicht bestehen.

Auch Deutschland bereitet sich auf weitreichende Lockerungen vor. Beim Bund-Länder-Treffen am Mittwoch wurde der deutsche "Freedom Day" für den 20. März angepeilt. Bis dahin sollen die meisten Maßnahmen schrittweise fallen. Maskenpflicht soll bleiben.

Andere Länder Europas sind bereits jetzt maßnahmenfreie Zonen: "Die Covid-19-Pandemie ist für die meisten von uns keine Gefahr mehr!" Mit diesem Satz verkündete Norwegens sozialdemokratischer Premierminister Jonas Gahr Støre am vergangenen Wochenende das Ende fast aller Restriktionen. Mehr als 90 Prozent der erwachsenen Bevölkerung sind doppelt geimpft. Es gilt keine Abstandsregel mehr, keine Maskenpflicht und keine Quarantäne für positiv Getestete.

Für Österreich (noch) undenkbar – und so fühlt sich auch die Situation in Norwegen für die österreichische Studentin Marlene Haase seltsam an. Die 22-Jährige ist auf Urlaub und oft die Einzige mit Maske in den Öffis. "Im Hotel wurde am zweiten Tag jeder Gast darauf hingewiesen, dass man die Maske absetzen kann", sagt sie. Wie der Tonfall dabei gewesen sei? "Schon fordernd – aber vor allem nett, weil sie denken, dass man es nicht mitbekommen hat." In Restaurants und in Cafés fühle es sich an "wie zu Prä-Covid-Zeiten", erzählt die Studentin: keine Masken, kein Abstand. Sie selbst hat dadurch ein seltsames Gefühl. Auf der einen Seite, weil sie immer wieder ihre Maske rechtfertigen muss, und auf der anderen Seite, weil sie den Maskenlosen im öffentlichen Verkehr kaum ausweichen kann: "Vor allem jetzt, wo man nicht mehr in Quarantäne muss, wenn man Corona hat."

In Irland wurden zu Beginn der Corona-Pandemie die Quarantäne- und auch die Abstandsregeln besonders genau kontrolliert, später kam ein Covid-Pass hinzu. Die Politik ließ sich leiten von der sehr konservativen Haltung des zuständigen Ausschusses Nphet unter seinem populären Leiter Tony Holohan, dem höchsten Gesundheitsbeamten des Landes.

"Pandemie vorbei"

Im Lauf des vergangenen Jahres gab es zunehmend Kritik an der restriktiven Haltung, nicht zuletzt innerhalb der Koalition. Und deren Haltung änderte sich. Erst stieg das Land nach einem wochenlangen Engpass von PCR-Tests zunehmend auf Antigentests um, wogegen Holohan stets argumentiert hatte. Im neuen Jahr wurden schlagartig fast alle Einschränkungen fallengelassen.

"In der Psyche der Leute ist die Pandemie vorbei", glaubt Edgar Morgenroth. Der Ökonomieprofessor von der Dubliner City University hat – wie seine Familie sowie die meisten seiner Studenten – kürzlich eine Covid-Erkrankung hinter sich gebracht. Die Impfkampagne auf der Grünen Insel war extrem erfolgreich; vor allem bei älteren Menschen und in den Risikogruppen liegt die Quote bei weit über 90 Prozent.

In England sind fast 85 Prozent aller Menschen über zwölf Jahren doppelt geimpft. Seit drei Wochen sind dort die meisten Beschränkungen aufgehoben. Das Tragen von Masken in Räumen und öffentlichen Verkehrsmitteln ist nur noch eine "Empfehlung". Es kommt also sehr auf die Klientel an, wie ein Beispiel von vergangener Woche beweist: Da trugen in der Autobahnraststätte Leicester East gewiss zwei Drittel der Menschen einen Mund-Nasen-Schutz. Zwei Tage später und 50 Kilometer weiter südlich, aber zur gleichen Tageszeit waren es in Watford Gap höchstens 20 Prozent.

Im Londoner Theater Seven Dials Playhouse musste am Samstag Schauspieler Nico Conde zu Beginn des Stücks Steve die Besucher erst bitten, ihre Masken anzulegen. Auch in anderen Theatern und Kinos sowie in Museen gilt die Maskenpflicht ebenso weiter wie in vielen Supermärkten. Mit dem Flickenteppich von Vorschriften scheinen sich die meisten Beteiligten einigermaßen abgefunden zu haben. Inzwischen signalisieren auch die anderen Landesteile Nordirland, Schottland und Wales die Aufhebung aller Bestimmungen. Dort war beispielsweise, anders als in England, der Covid-Pass zum Eintritt in Stadien, Pubs und Restaurants verpflichtend. (Bianca Blei, Sebastian Borger, 17.2.2022)