Ein äußerst seltenes Bild: Ein Ball springt an Mo Camara vorbei, ohne unfreiwillig in dessen Besitz überzugehen.

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Salzburg – Manchmal ist Enttäuschung der größte Ritterschlag. Hätte man österreichischen Fußballfans vor 20 Jahren gesagt, dass sie mit einem 1:1 im Champions-League-Spiel gegen Bayern München ein bisschen unzufrieden sein würden – sie hätten nach der "Echt fett?"-Kamera gesucht oder gefragt, ob man vom UI-Cup bzw. 1860 München spricht.

Aber das ist die Realität, an der RB Salzburg seit Beginn der Ära Ralf Rangnick beharrlich gebastelt hat. Mit Qualität und Erfolg steigen die Ansprüche. Und wenn dann im Achtelfinal-Hinspiel bis zur letzten Minute das 1:0 gegen den CL-Mitfavoriten steht, muss man Karim Adeyemi verstehen, wenn er sagt: "Am Schluss fühlt es sich etwas an wie eine Niederlage." Aber: "Ein 1:1 kann sich sehen lassen."

Salzburg hat Bayern mehr als nur gefordert. Stürmerstar Robert Lewandowski dürfte die Partie großteils gefesselt unter einer Werbebande verbracht haben, vielleicht hat ihn der unüberwindbare Max Wöber auch in seiner Hosentasche verschwinden lassen. In Aktion war Europas Fußballer des Jahres jedenfalls nicht zu sehen. Die höchstbegabten Offensivrennfahrer Kingsley Coman, Serge Gnabry und Leroy Sané fanden in Rasmus Kristensen und Sir Andreas Ulmer meiste Zeit ihre Meister. Nicolas Seiwalds Ruhe und Abgeklärtheit machen einen Zen-Mönch neidisch.

Liefering spielt mit

Dass Salzburg heuer in der Premium-Klasse des Weltfußballs mitspielen kann, hat viele Gründe. Ein zentraler heißt FC Liefering. Der vom Farmteam gelieferte Nachschub kompensiert die unvermeidlichen Sommer-Abgänge immer flüssiger, neuerdings gilt das auch für den Trainerposten. Matthias Jaissles Plan ging gegen die übermächtigen Münchner auf, Bayerns mäßig agile Dreierkette hatte mit den flotten Gegenstößen ihre Mühe. Freilich: Qualität bleibt Qualität, vor allem Lucas Hernandez feierte einige Punktsiege gegen Adeyemis Überschallgeschwindigkeit.

Bei anderen Mannschaften ist es gerne der letzte Pass, der Tore verhindert. Als nach einer Stunde die Erschöpfung kam, vergeigte Salzburg der Einfachheit halber gleich den ersten Pass. Nach Ballgewinnen landete die sprichwörtliche Frucht oft direkt beim Gegner. "In der zweiten Hälfte haben wir viele Umschaltaktionen nicht fertig gespielt, hatten Ballverluste", klagte Jaissle. Vorne blieben Adeyemi und Adamu in Situationen hängen, die sie an anderen, frischeren Tagen womöglich zu einem Tor weiterspinnen.

Überragender Camara

Zurück zum Guten: Mo Camara sammelte Bälle wie eine achtbeinige Krake und wurde völlig verdient zum "Man of the Match" gewählt. Es fühlt sich seltsam an, so etwas über einen Kicker der österreichischen Bundesliga zu schreiben, doch es gibt auf diesem Planeten derzeit nicht viele bessere Sechser als den Mann aus Malis Hauptstadt Bamako. Würde ein 22-Jähriger im Dress von Real Madrid derartig das Mittelfeld regieren, er wäre ein Star.

Nur ein Zufallsprodukt in der 90. Minute rettete die Bayern vor ihrer ersten CL-Auswärtsniederlage seit September 2017. Bei allem Hätti-wari des Salzburger Konteransatzwuchers sei aber auch gesagt, dass dieser Ausgleich durchaus früher passieren hätte können. "Wir waren in der zweiten Halbzeit sehr dominant und haben so gespielt, wie es sich für uns gehört", sagte Trainer Julian Nagelsmann mit dem gefürchteten Münchner Selbstbewusstsein. "Der Ausgleich war völlig verdient."

Also sprach Thomas Müller: "Es wird ein heißer Tanz im Rückspiel." Bayern gegen Salzburg, das wird am 8, März sehr spannend. Willkommen in Österreichs schöner neuer Fußballwelt. (Martin Schauhuber, 17.2.2022)