Es ist wie jeden Tag wieder Zeit für den kleinen Abschied. Die Unterlippe schiebt sich nach vorn, der Blick des Kindes ist traurig. Kinder im Volksschul- oder Kindergartenalter stellen zu Recht die Frage: Wieso verbringen Eltern nicht die Zeit mit ihnen und gehen weg? Und was tun sie in der Arbeit?

Matthias Laber (26) ist Elementarpädagoge und Leiter eines der 93 Standorte des Vereins Kiwi (Kinder in Wien).
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STANDARD: Mein Kind steht vor mir, sieht mich traurig an und fragt, warum ich zur Arbeit gehe. Was würden Sie antworten?

Laber: Der Klassiker ist zu sagen, dass man damit Geld verdient, um Wohnung, Essen und gemeinsame Aktivitäten bezahlen zu können. Ich würde allerdings den Fokus nicht nur auf das Geld legen. Wichtig ist zu betonen, dass man dort hingeht, weil die Arbeit einem Spaß macht. Man stellt somit die Freude in den Mittelpunkt anstatt des Geldes, in der Hoffnung, das Kind übernimmt diese Einstellung später im eigenen Arbeitsleben.

STANDARD: Die nächste Frage könnte sein, was ich da genau mache in der Arbeit. Kann man das kurz und gut erklären?

Laber: Ganz wichtig ist dabei, sich Zeit zu nehmen. Man sollte nicht erwarten, dass sich das Thema nach einem Gespräch erledigt hat. Zu verstehen, was die Eltern tun, ist ein Prozess, der Monate oder Jahre dauert. Wenn ich ehrlich bin, frage ich als Erwachsener sogar manchmal noch meine eigenen Eltern oder Freunde, was sie genau arbeiten.

STANDARD: Nehmen wir an, es ist Samstagvormittag, und die Kleine will über meinen Job reden. Wie fange ich an?

Laber: Man spielt die Frage zurück an das Kind: Was denkst du, was ich mache? Das Kind hört zu und bildet sich oft schon ein eigenes Bild vom Beruf der Eltern. Ziel ist es, gemeinsam herausfinden, was es schon weiß, und darauf aufzubauen. Dadurch spricht man mit ihm auf Augenhöhe. Es ist also vielmehr ein Dialog als einseitiges Gespräch. Es zeigt auch: Deine Meinungen und Ansichten sind wertvoll.

STANDARD: Wie kann das Kind die Inhalte am besten verstehen?

Laber: Sehen, anfassen und selbst ausprobieren unterstützt den Lernprozess. Um meinen Beruf wortwörtlich greifbar zu machen, kann ich mir als Elternteil die Frage stellen: Welche Utensilien aus dem Alltag kann ich dafür verwenden? Mit was arbeite ich?

Bei der Arbeit via Computer ist es schwierig zu erklären, was genau man tut. Kinder wollen aber wissen, wieso sie gerade jetzt auf die Eltern verzichten sollen und keine Aufmerksamkeit bekommen.
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STANDARD: Gelingt das auch bei einer abstrakten Tätigkeit?

Laber: Hat man einen klassischen Bürojob, sind Computer, Telefon und Maus die offensichtlichen Werkzeuge. Laden Sie Ihr Kind ein, sich an Ihren Platz zu setzen und ein Telefonat nachzuahmen. Lassen Sie das Kind tippen oder klicken. Vielleicht reicht das schon einmal fürs Erste.

STANDARD: Das klingt nach Rollentausch!

Laber: Ganz richtig. Rollenspiele können den Kleinen helfen, sich in die Eltern hineinzuversetzen. Bin ich beispielsweise Elektrotechnikfachkraft, kann ich mit meinem Kind Stromschaltkreise bauen und Licht entstehen lassen. Angestellte im Marketing können ein Plakat zeigen und dann ein eigenes zusammen mit dem Nachwuchs malen. Oder nehmen Sie Ihr Kind einen Tag mit in die Arbeit. Die Möglichkeiten sind schier grenzenlos. Werden Sie kreativ. Lassen Sie Ihr Kind an Ihrem Beruf teilhaben und den Funken der Begeisterung für Ihre Arbeit auf das Kind überspringen.

STANDARD: Was mache ich, wenn ich nicht meinen Traumjob habe und nicht so viel Begeisterung aufbringen kann?

Laber: Wir bereiten mit diesen Gesprächen das Kind auf die Zukunft vor. Wenn ich meinem Kind nur negative Gefühle vermittle, übernimmt es diesen schlechten Eindruck eventuell. Man muss aber auch nicht lügen. Ein Weg wäre zum Beispiel zu sagen: Es ist nicht ganz das, was ich will, meine Interessen und Stärken liegen woanders. Aber für andere Personen ist dieser Job ganz großartig und vielleicht auch für dich.

STANDARD: Das klingt ja alles sehr einfach. Was, wenn ich mich als Elternteil dabei trotzdem überfordert fühle?

Laber: Fragen Sie bei den Pädagoginnen und Pädagogen nach. Es gibt so viele Möglichkeiten, wie es Menschen gibt. Sich mit dem Thema Arbeit mit dem Kind zu beschäftigen ist nicht einfach, aber auch nicht schwer – es ist spannend. Der Dialog kann für beide Seiten erkenntnisreich sein, nämlich auch für mich als Elternteil. Ich reflektiere, was ich tagtäglich mache. Das ist ein Teil der Achterbahnfahrt, die das Elterndasein ausmacht. (Natascha Ickert, 24.2.2022)