Niki (Raphael Nicholas) ist Mitte dreißig und antriebslos. Eigentlich trägt er wegen Corona und Firmenpleite Jogginghose. Den feineren Zwirn muss er sich für einen Banktermin anziehen.

Foto: Anna Stöcher

Die Schwermut der russischen Provinz kann sich sogar über Wiener Penthousewohnungen legen. Das liegt zum Teil an den Anfängen der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020, zudem ist die App-Entwickler-Firma von Niki (Raphael Nicholas) und seinem Geschäftspartner Michael (Georg Schubert) insolvent. Letzte Hoffnungen ruhen auf dem Umsatzersatz. Aber es kommt noch dicker. Niki liebt Anna (Michaela Kaspar), mit der er seit Jahren verheiratet ist, nicht mehr. Sie leidet an der Lunge, den Nieren und wegen Niki auch an Trübsinn. Wenn man doch nur verreisen könnte, schwärmt der Privatarzt Konstantin (Jens Claßen) seiner Patientin vor. Wohin? "Nach Moskau!"

Wenig Wohlbefinden

Das berühmte Zitat macht die Sache klar: Im Wiener Theater an der Gumpendorfer Straße wird eine Überschreibung von Anton Tschechow gegeben. Aber: Der auf die Reisebeschränkungen der Pandemie anspielende Ausruf stammt aus Drei Schwestern, tatsächlich hat man es aber mit dem Iwanow zu tun. Niki steht für Nikolaj, und wie im Original lässt er sich von seiner Frau und deren reichen Eltern aushalten.

Sie geht im Gegenzug leer aus. Ein Feuerwerk zu ihrem Geburtstag trägt wenig zum Wohlbefinden bei, wenn er gleichzeitig mit ihrer Physiotherapeutin und Freundin Alex (Alina Schaller) schläft. Auch diese hat – praktischerweise – gut geerbt.

Die 1981 in Tirol geborene und in den USA und Österreich ausgebildete Regisseurin Sina Heiss hat Die Überflüssigen geschrieben und inszeniert. Im Stück hantelt sie sich an den Motiven und Figuren der Originalhandlung entlang und reichert diese um zeitgenössische Themen an: manchmal verpackt in Dialogen, manchmal eher kommentierend auf die Handlung draufgesetzt.

Junge Frau wehrt sich

Neben Corona (Wer sind "die Experten"?) zählen dazu die heutige Jugend ("Alles muss schmerzfrei und laktosefrei sein!"), junges weibliches Selbstbewusstsein gegen alte Chauvi-Machos und die Klimakrise: Die Welt wird trotz aller Freitagsdemos untergehen. Auch Konsumkritik wird vorgetragen als Antwort auf die Frage: Warum sind diese wohlhabenden Menschen so traurig? Warum empfinden sie ihr Leben als sinnlos? Schlagworte wie "Fülle" und "Verknappung" läuten den Abend bereits ein. Man hört Kapitalismuskritik as usual. Je konkreter die Botschaften werden, umso zeigefingerhafter und dröger sind sie.

Insgesamt schnurren die eindreiviertel Stunden zwischen weißen Schnürlvorhängen (Bühne: Alexandra Burgstaller) aber stimmungsvoll ab. Heiss arbeitet immer wieder mit der modernen Adaption klassischer Stoffe und Einflüssen aus dem Tanztheater.

Dieser Ansatz sorgt für zarte, lyrische Momente. Wenn Niki aus der Wohnung fort will, die die kranke Anna wegen des Virus nicht verlassen soll, sie sich aber an ihn klammert, zeitigt das ein getanztes Spiel des Losreißens und Festhaltens (Choreo: Katharina Senk). Passend der Soundtrack (Philipp Kienberger), der erst Beats vom Plattenspieler liefert, dann in Klassik übergeht. Ein stets gut gemeinter, vielfach aber tatsächlich guter Abend. (Michael Wurmitzer, 24.2.2022)