Russland gerät bei seinem Angriffskrieg gegen die Ukraine zunehmend in den Fokus von Hackern.

Foto: Dado Ruvic / REUTERS

Praktisch zeitgleich zum Einmarsch russischer Truppen in der Ukraine begann der Angriffskrieg auch auf einer anderen Ebene: Seit Donnerstagvormittag lässt sich nicht nur eine deutliche Beeinträchtigung des ukrainischen Internets belegen, es wurden auch zahlreiche Angriffe auf Regierungsseiten vermeldet. Zudem berichten Sicherheitsforscher von einer neuen Schadsoftware, die innerhalb weniger Stunden auf hunderten Systemen im Land untergebracht wurde und die offenbar derzeit in Lauerstellung ist, um dann in einer konzertierten Aktion sämtliche Daten auf den betroffenen Systemen zu beschädigen.

Widerstand

So einfach will die Ukraine aber auch dieses Feld nicht den russischen Angreifern überlassen. Also ruft die Regierung nun gezielt Hacker zum Widerstand auf. "Ukrainische Cybercommunity! Es ist an der Zeit, sich an der Cyberverteidigung unseres Landes zu beteiligen", heißt es in einem in zahlreichen einschlägigen Foren geposteten Beitrag.

Interessierte sollen sich in ein Google Doc eintragen und so bei der Regierung melden, heißt es in dem Beitrag. Je nach ihren Fähigkeiten würden sie anschließend in offensive und defensive Einheiten eingeteilt. Der Fokus bei der Verteidigung soll auf dem Schutz von wichtiger Infrastruktur wie Kraftwerken oder dem Wassersystem liegen. Die offensiven Abteilungen sollen sich hingegen primär mit Spionageoperationen beschäftigen.

Bestätigung

Was für manche auf den ersten Blick nach einer Falle klingen mag, scheint durchaus ernst gemeint zu sein. So bestätigen mehrere unabhängige Quellen der Nachrichtenagentur Reuters, dass der Aufruf tatsächlich vom Verteidigungsministerium in Auftrag gegeben wurde.

Die Kommunikation übernimmt dabei die Firma Cyber Unit Technologies, die schon seit längerem mit der Regierung bei der Verteidigung der kritischen Infrastruktur des Landes zusammenarbeitet. Deren Chef Jegor Auschew wird auch deutlich, was die Dringlichkeit anbelangt: "Wir haben eine Armee in unserem Land, wir müssen wissen, was sie tun."

Vernachlässigung

Eigene Cyberstreitkräfte hat die Ukraine bislang nicht, wie ein Sicherheitsexperte der ukrainischen Regierung gegenüber der "Washington Post" betont. Das müsse man nun schnell nachholen. Laut Auschew haben sich auf den Aufruf innerhalb weniger Stunden bereits hunderte Freiwillige gemeldet, diese müssen nun natürlich erst überprüft werden, um sicherzustellen, dass sich keine russischen Agenten einschleichen.

Anonymous prescht vor

So lange wollen andere Hacktivisten nicht warten und nehmen die Sache lieber selbst in die Hand. Am Donnerstagabend haben die Reste des Anonymous-Kollektivs – oder zumindest jene, die die offiziellen Kommunikationskanäle betreuen – Russland offiziell den "Cyberkrieg" erklärt. Kurz danach folgten bereits die ersten Angriffe, konkret gegen den staatlichen Propagandasender RT News.

Tatsächlich war RT.com in der Nacht auf Freitag eine Zeit lang nicht zu erreichen, auch danach hatten die Betreiber offensichtlich Probleme, die Attacke abzuwehren. Mit einem "Distributed Denial of Service"-(DDoS-)Angriff wurden so viele Anfragen an die Server geschickt, dass diese nicht mehr richtig reagieren konnten.

Als Gegenmaßnahme hat RT.com mittlerweile den Datenverkehr auf russische Anfragen optimiert. Damit macht man es aus anderen Ländern kommenden Angriffen schwerer, während innerhalb Russlands die Seite problemlos funktionieren sollte.

Auffälliges Schweigen

All das wirft natürlich die Frage auf, wieso sich die Verbündeten der Ukraine hier nicht einschalten, immerhin haben vor allem die USA, aber auch Großbritannien äußerst mächtige Cyberfähigkeiten, mit denen man der russischen Infrastruktur fraglos schweren Schaden zufügen könnte. Berichte, dass die USA diese einsetzen wollen, um etwa die Stromversorgung in Russland oder auch Bahnverbindungen für den Truppentransport zu stören, wurden aber in Windeseile vom Weißen Haus dementiert. Diese Berichte würden nicht einmal ansatzweise dem entsprechen, was man gerade diskutiere, schrieb Jen Psaki, Sprecherin des Weißen Hauses, auf Twitter.

Warum man hier sehr vorsichtig agiert, ist allerdings auch so kein Geheimnis. Die Realität ist, dass jeder Großangriff auf russische Infrastruktur verheerende Folgen für das gesamte Internet haben könnte. Immerhin würde eine russische Reaktion wohl kaum ausbleiben, und hier gibt es auch im Westen sehr viele Unternehmen und Regierungsorganisationen, die nur schlecht oder unzureichend geschützt sind. An einer vollständigen Eskalation hat also keine Seite Interesse – zumindest vorerst. (Andreas Proschofsky, 25.2.2022)