Nuklear-Sarkophag: Blick auf den Unglücksreaktor von Tschernobyl, der seit 2017 unter einer neuen Schutzhülle liegt.

Foto: Reuters/Gleb Garanich

Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine ist am Donnerstag auch die Region um Tschernobyl erobert worden. Damit befindet sich die Sperrzone um den 1986 explodierten Reaktor in russischer Hand. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) reagierte besorgt auf die Meldung der Ukraine, dass russische Truppen die Kontrolle über alle Einrichtungen der Atomanlage übernommen hätten. Auf dem Areal befindet sich auch ein Zwischenlager für radioaktive Abfälle anderer AKWs.

Berichte über Zerstörungen an der Anlage gibt es nicht. Noch am Donnerstagabend wurde jedoch ein Anstieg der Strahlenwerte in der Region beobachtet. Der aus Österreich stammende Radioökologe Georg Steinhauser von der Universität Hannover, der mit Kollegen in der Ukraine in Kontakt steht, beurteilt die Lage als brisant. Hinweise auf ein größeres Problem gebe es derzeit aber nicht. "So wie sich das derzeit darstellt, vermute ich, dass durch die schweren Militärfahrzeuge aufgewirbelter radioaktiver Staub für die Messwerte verantwortlich ist."

Diese Einschätzung teilt auch die Strahlenschutzabteilung des österreichischen Klimaschutzministeriums: "Derzeit sind laut Angaben der ukrainischen Atomaufsichtsbehörde und der Internationalen Atomenergie Organisation alle Anlagen im stillgelegten AKW Tschernobyl in sicherem Zustand. Aktuell kommt es aufgrund von Truppenbewegungen zu leicht erhöhten Messwerten vor Ort. Diese sind auf altes aufgewirbeltes radioaktives Material zurückzuführen", heißt es in einer Stellungnahme vom Freitagnachmittag.

Personal gefangen genommen

Vergleichbare Entwicklungen habe es schon früher gegeben, sagt Steinhauser, etwa als nach Waldbränden in der Region 2020 größere Staubmengen in die Luft gelangt waren. An aktuelle Messdaten aus der Ukraine zu kommen sei aber nicht einfach: Derzeit sind die Websites mehrerer ukrainischer Stationen offline. Steinhauser: "Es ist für die Ukraine ein Desaster, dass die Atomanlage jetzt in russischer Hand ist. Man hat die Kontrolle über eine sehr wichtige Einrichtung verloren."

Er selbst habe am Donnerstag von ukrainischen Kollegen erfahren, dass das Personal in der Sperrzone gefangen genommen worden sei. "Das hat mich tief erschüttert, dort arbeiten tausende Menschen, Zivilisten." Dass hier die Arbeit eines gut eingespielten Teams zur Wartung und Überwachung des Unglücksreaktors und anderer kritischer Infrastruktur gewaltsam unterbrochen worden sei, bereite ihm Kopfzerbrechen. "Wenn der Sarkophag, diese Stahlhülle über dem Unglücksreaktor, unbeschädigt ist, hält das ein, zwei Jahre ohne Probleme. Aber wenn es im Zuge der Kampfhandlungen zu Beschädigungen gekommen ist und diese nicht rasch repariert werden, wäre es problematisch."

Großes Zwischenlager

Noch kritischer wäre es Steinhauser zufolge, wenn es zu Schäden am Zwischenlager der Atomanlage gekommen wäre. Dort befinden sich größere Mengen an abgebrannten Brennstäben, auch aus anderen Atomkraftwerken. "Bei meinem letzten Besuch in Tschernobyl im Herbst 2019 wurde an diesem Lager gearbeitet. Ich weiß nicht, wie viel Material dort genau ist, aber ich vermute, eine beträchtliche Menge", sagt Steinhauser. "Wenn es dort Beschuss gegeben hat, hätte das ganz andere Auswirkungen. Aber danach sieht es nicht aus, da bin ich hoffnungsfroh."

Wie und wann würde es auffallen, wenn es doch zu einem radioaktiven Austritt aus dem Sarkophag oder dem Zwischenlager käme? "Die Daten von russischer Seite sind für uns leider nicht zugänglich, aber das europäische Messnetz würde mit dem Eintreffen einer Wolke sofort sehen, wenn untypische Bestandteile freigesetzt werden", erklärt der Radioökologe. Die Signatur der radioaktiven Stoffe, die in der Sperrzone zu finden sind, sei gut bekannt. "Wenn das Zwischenlager Schaden genommen hätte und hier ein Austritt stattfindet, könnte man das aufgrund der unterschiedlichen Isotopenzusammensetzung schnell feststellen", sagt Steinhauser.

IAEA beobachtet die Lage

Dass es zu absichtlichen Beschädigungen der Anlage durch Russland kommen könnte, hält Steinhauser für unwahrscheinlich. "Das wäre Irrsinn. Wir haben die Windrichtung sofort modelliert, die geht derzeit in Richtung Nordosten – daran kann Russland kein Interesse haben. Das russische Militär hat außerdem ein ausreichendes Arsenal und wäre nicht darauf angewiesen, eine schmutzige Bombe zu bauen."

IAEA-Chef Rafael Grossi erklärte indes, man beobachte die Entwicklungen in der Ukraine sehr genau und achte auf die Sicherheit der Atomanlagen in dem Land. Die ukrainische Atomaufsicht habe bisher versichert, dass alle ukrainischen AKWs normal arbeiten würden.

"Nach aktuellen Informationen ist auch das Zwischenlager für radioaktive Abfälle in Tschernobyl unbeschädigt", heißt es von der Strahlenschutzabteilung des österreichischen Klimaschutzministeriums. "Selbst wenn es zu einer Beschädigung des stillgelegten AKW Tschernobyl oder des Zwischenlagers kommen sollte, wären die radiologischen Auswirkungen lokal begrenzt. Für Österreich sind keine Auswirkungen zu befürchten, es besteht keine Gefahr." (David Rennert, 25.2.2022)