Die Stimme am anderen Ende der Whatsapp-Sprachnachricht bricht: "Ich habe Angst, mein Leben zu verlieren." Tanya und ihr Mann kämpfen sich von Kiew Richtung Westen, um dem Krieg zu entkommen – so wie Tausende andere Landsleute auch.

In der ukrainischen Hauptstadt heulen auch an Tag zwei der russischen Invasion die Sirenen, die Raketen schlagen seit vier Uhr früh ukrainischer Zeit ein. Während Präsident Wolodymyr Selenskyj eine Generalmobilmachung der Bevölkerung anordnet, drängt Russland mit weiteren Kräfte Richtung Kiew. Das Ziel des brutalen Angriffskriegs, gerechtfertigt mit fadenscheinigsten Begründungen, ist klar: Wladimir Putin will der ukrainischen Regierung, die er als "faschistisches" Regime bezeichnet, ein Ende bereiten – wie auch immer dieses aussehen mag.

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Ein abgeschossenes russisches Flugzeug stürzte offenbar auf diesen Wohnblock in Kiew. Wenn sie können und einen Zufluchtsort haben, verlassen die Menschen die ukrainische Hauptstadt. Bei den Kämpfen wurden bereits zahlreiche Menschen getötet
und hunderte verletzt.

Foto: AP/Emilio Morenatti

0.00 Uhr: Selenskyj will bleiben
Präsident Selenskyj wendet sich in einer Videobotschaft an die Bevölkerung – es wird an diesem Tag nicht die letzte sein. Am ersten Tag der russischen Invasion hätten "137 unserer Helden" ihr Leben gelassen, weitere 316 Menschen wurden verwundet. Selenskyj sieht sich selbst als "Ziel Nummer eins" des russischen Militärs, seine Familie sei "Ziel Nummer zwei." Der genaue Aufenthaltsort des ukrainischen Präsidenten ist geheim, Gerüchte zufolge ist er in einem Bunker versteckt.

Von internationaler Seite sei keine Hilfe zu erwarten. "Wer ist bereit, uns zu helfen? Ich sehe niemanden. Wir sind bei der Verteidigung unseres Landes auf uns allein gestellt."
Selenskyj wirkt kämpferisch, als er sagt, dass er in Kiew bleiben wird. Er ordnet die Generalmobilmachung der Bevölkerung an. Sie gilt 90 Tage und sieht die Einberufung von Wehrpflichtigen und Reservisten vor. Männer zwischen 18 und 60 Jahren dürfen das Land nicht mehr verlassen. Ob der Präsident selbst in 90 Tagen noch im Amt sein wird, scheint fraglich.

4.00 Uhr: Raketen auf Kiew
Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba berichtet von "schrecklichen russischen Raketenangriffen auf Kiew". Er vergleicht sie mit den Bombardements durch Hitler-Deutschland im Jahr 1941. Eine bittere Ironie des Schicksals: Eines der bekanntesten patriotischen Lieder der Sowjetunion besingt die damaligen Luftangriffe. Eine der Textzeilen: "Um vier Uhr morgens wurde Kiew bombardiert".

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Warten in Kiew auf einen Zug raus aus der Stadt.
Foto: Reuters/Umit Bektas

Hohe ukrainische Beamte warnen: Russische Truppen könnten im Laufe des Tages das Gebiet um Kiew betreten; eine russische Panzerattacke wird erwartet. Es steht zu befürchten, dass Freitag der härteste Tag des Krieges werden könnte.

Bilder gehen um die Welt, die sich ins kollektive Gedächtnis der Öffentlichkeit einbrennen werden: Unzählige Ukrainer, die in den U-Bahn-Stationen Kiews Schutz vor den russischen Luftangriffen suchen; Menschen an den Bahnsteigen der Bahnhöfe, die dicht gedrängt auf einen Platz in den Evakuierungszügen hoffen; Gebäude, die durch die Luftangriffe oft nur noch ein Haufen Trümmer sind – und die Hoffnung, dass sich darunter keine Toten befinden.

6.00 Uhr: Sirenen in Lwiw
Auch abseits Kiews setzt Russland seine Angriffe fort. In der Stadt Lwiw im äußersten Westen des Landes, der zunächst als sicher galt, heulen Sirenen. Der ukrainische Generalstab geht davon aus, dass die russische Armee bereits mit einem Großteil ihrer versammelten Truppen ins Land vorgestoßen ist. Man spricht von 60 taktische Bataillonsgruppen (BTG) – schnelle Kampftruppen, die wohl Kiew blockieren sollen.

DER STANDARD

8.00 Uhr: Selenskyjs Hilferuf
In einer weiteren TV-Ansprache erklärt Selenskyj, dass die ukrainischen Truppen den Vormarsch der russischen Armee gestoppt hätten. Auf Twitter bittet er die osteuropäischen Nato-Mitgliedsstaaten, die sogenannten Bukarest-Neun, um Unterstützung bei der Verteidigung des Landes und dabei, Russland an den Verhandlungstisch zu bringen. Seine Versuche vom Vortag, Putin zu kontaktieren und Verhandlungen über einen neutralen Status der Ukraine aufzunehmen, um den Konflikt zu beenden, blieben ohne Erfolg.

10.00 Uhr: Gefechte in Kiew
Von wegen Stopp der russischen Truppen: Die ukrainische Armee meldet Gefechte gegen vordringende feindliche Soldaten im nördlichen Kiewer Bezirk Oblon. Auch im Regierungsviertel werden kurz darauf Schüsse gemeldet. Das ukrainische Verteidigungsministerium fordert Zivilisten in Kiew via Facebook und Twitter auf, "über feindliche Bewegungen zu informieren, Molotowcocktails zu werfen und den Besatzer zu neutralisieren".

Später werden die russischen Truppen erklären, sie hätten den nordwestlich von Kiew gelegenen strategisch wichtigen Flugplatz Hostomel eingenommen. Dabei seien, so der offizielle Sprech, 200 Ukrainer "neutralisiert" worden.

Für Aufsehen sorgen auch erhöhte Strahlenwerte in der zerstörten Atomanlage von Tschernobyl, die am Donnerstag vom russischen Militär eingenommen wurde. Experten vermuten, dass Militärfahrzeuge radioaktiven Staub aufgewirbelt und so die Messwerte verursacht haben. Die Internationale Atomenergie-Behörde IAEO will die Lage in Tschernobyl genau beobachten.

Präsident Wolodymyr Selenskyj ordnete eine Generalmobilmachung der Bevölkerung an.
Foto: imago

11.00 Uhr: Sportverbände reagieren
Der russische Einmarsch lässt auch die Sportwelt nicht unberührt. Der europäische Fußballverband Uefa verlegt das im Mai geplante Champions-League-Finale von Sankt Petersburg nach Paris, die Formel 1 streicht den für September angesetzten Grand Prix von Russland, der Internationale Ski-Verband Fis sagt alle Rennen in Russland in diesem Winter ab.

Zahlreiche Vereine wie Manchester United verzichten ab sofort auf russische Sponsoren, Solidaritätsbekundungen für die Ukraine gibt es unter anderem in der nordamerikanischen Basketball-Liga NBA.

12.00 Uhr: Neue Sanktionen
EU-Ratspräsident Charles Michel kündigt via Twitter ein weiteres Sanktionspaket gegen Russland an. Unter anderem sollen die Vermögenswerte von Putin und Außenminister Sergej Lawrow eingefroren werden. Der Kreml kündigte postwendend "Vergeltungsmaßnahmen" an. Selenskyj wirft der EU vor, zu langsam und nicht ausreichend auf die Invasion zu reagieren. Er fordert, dass alle möglichen Sanktionen auf den Tisch gelegt werden.

Doch die Ultima Ratio, Russland aus dem internationalen Zahlungssystem Swift auszuschließen, bleibt im Westen ein strittiges Thema.

14.00 Uhr: Flucht in den Westen
Tanya, 31, und ihr Mann steigen gerade in Iwano-Frankiwsk ins Auto, als der STANDARD sie via Whatsapp erreicht. Die zehn Stunden von Kiew bis hierher sind die Filmemacherin und ihr Mann am Donnerstag gefahren, heute wollen sie weiter – wohin, ist noch offen: "Polen, Rumänien, keine Ahnung. Wir haben Angst, nicht über die Grenze zu kommen. Laut ukrainischer Regierung müsste mein Mann eigentlich gegen Putin in den Krieg."

Für den Fall, dass sie kontrolliert werden, ist ihr Gepäck leicht: Dokumente, Familienfotos, eine Garnitur Gewand und eine Flasche Wasser passen in einen Rucksack. Die Gefühle der Flucht, die Sorge, das Ungewisse kenne sie aus dem Jahr 2014, als ihre Familie aus Donezk flüchten musste, erzählt Tanya via Sprachnachricht: "Ein Flashback, mit einem entscheidenden Unterschied: Damals hatten wir mit Kiew wenigstens noch ukrainisches Land, wo wir hinkonnten. Jetzt wissen wir nicht, wo wir uns jemals wieder sicher fühlen können. Ich habe Angst um mich und um meine Familie, die wegen meiner gebrechlichen Großmutter in Kiew zurückbleiben musste."

Das Paar gehört zu den laut Uno aktuell über 100.000 Menschen, die in der Ukraine auf der Flucht sind. Insgesamt rechnen die Vereinten Nationen mit bis zu vier Millionen Vertriebenen. Tausende sind bereits in den Nachbarländern angekommen, die Flüchtlingsorganisation UNHCR sollte am Abend die Zahl von 50.000 nennen.

Diese ukrainische Familie hat es bis nach Ungarn geschafft – ohne die männlichen Familienangehörigen.
Foto: AFP

15.00 Uhr: Russland will reden
Nachrichtenagenturen weltweit pushen eine überraschende Wendung: Putin will auf das Gesprächsangebot Selenskyjs eingehen. Der Kreml erklärt sich bereit, eine Delegation in die belarussische Hauptstadt Minsk zu schicken, um über den neutralen Status der Ukraine zu verhandeln – ausgerechnet Diktator Alexander Lukaschenko soll die Rahmenbedingungen für dieses Treffen schaffen. Die Nachrichtenagentur Reuters vermeldet, dass die Ukraine die polnische Hauptstadt Warschau als Verhandlungsort vorschlägt.

Doch wie viel von Putins Worten zu halten ist, ist selbst für außenpolitische Experten nur schwer abzuschätzen. Die Hand reichen, während weiter russisches Militär nach Kiew vorrückt? Selbst wenn Selenskyj als Bedingung für Gespräche einen Waffenstillstand fordert – seine Verhandlungsposition ist derzeit nicht die beste. Am Abend heißt es aus dem Moskauer Außenamt, die Ukraine habe den Kontakt verweigert, man werde aber am nächsten Tag darauf zurückkommen. Selenskyj soll auch bei Israel um Vermittlung angesucht haben.

16.00 Uhr: Flucht in den Süden
Alfred Praus, Präsident der Ukrainian-Austrian Association, ist mittlerweile in einer kleinen Stadt etliche Kilometer südlich der Ukraine angekommen. Um halb sieben Uhr in der Früh ist der Österreicher mit seiner Frau, einer bekannten ukrainischen Sopranistin, aus Kiew geflohen: "Wir haben Kämpfe gehört", sagt der Unternehmer dem STANDARD. "Wir wussten, die Russen kommen von Norden aus Belarus, also flüchteten wir nach Süden."

Später hörte er von Freunden, dass von Kiewer Wohnhäusern im nördlichen Stadtteil Obolon aus auf die eindringenden Soldaten geschossen wird. Es seien Zivilisten, die sich gegen die Invasion wehren: "Wer halbwegs schießen kann, der schießt."

16.30 Uhr: Neue Route nach Kiew
Laut britischem Verteidigungsministerium haben die russischen Truppen eine neue Route nach Kiew eingeschlagen, nachdem sie es nicht geschafft haben, die strategisch wichtige Stadt Tchernihiw rund 140 Kilometer nördlich der Hauptstadt zu erobern. Derzeit soll sich der Großteil der Invasionstruppen etwa 50 Kilometer vom Stadtzentrum entfernt befinden.

Berichten zufolge sprengt das ukrainische Militär Brücken in Richtung Kiew, um die russischen Soldaten einzubremsen. Putin selbst fordert die ukrainischen Streitkräfte in einer TV-Ansprache zum Putsch gegen die Regierung auf. Die bezeichnet er unter anderem als "Drogenabhängige und Neonazis".

17.00 Uhr: Europarat-Ausschluss

Der Europarat suspendiert Russland. Artikel acht des Statuts ermöglicht eine Suspendierung, wenn sich ein Staat eines "schweren Verstoßes" gegen Rechtsstaatlichkeit und Menschenrechte schuldig gemacht hat. Außenminister Sergej Lawrow will nächste Woche trotz allem zu einer Sitzung des UN-Menschenrechtsrats nach Genf fliegen.

19.00 Uhr: Neues Selenskyj-Video

Präsident Selenskyj zeigt sich mit mehreren ranghohen Politikern im Kiewer Regierungsviertel. Er sei mit Ministerpräsident Denys Schmyhal sowie den Chefs der Präsidialverwaltung und des Parlaments nach wie vor in der Hauptstadt, sagte er in einem kurzen Clip, den er auf Facebook veröffentlichte. "Wir sind alle hier", sagte er. Daneben der Text: "Wir sind in Kiew. Wir verteidigen die Ukraine." Auf zuvor publizierten Videos war Selenskyjs Aufenthalt nicht erkennbar. Nun kämpft er gegen die Gerüchte an, er verstecke sich in einem Bunker oder habe die Stadt verlassen.

20.00 Uhr: Nato stärkt Ostflanke

Bei einem virtuellen Gipfel beschließen die Nato-Mitgliedsstaaten, mehr Truppen nach Osteuropa zu schicken. "Niemand sollte sich von den Lügen der russischen Regierung täuschen lassen", heißt es in einem Statement nach dem Treffen der 30 Staaten mit Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg. "Wir werden nun eine signifikante Aufstockung der Verteidigungseinheiten im östlichen Teil des Bündnisses vornehmen", heißt es weiter. Zuvor hatte das Außenministerium in Moskau auf einer Pressekonferenz davor gewarnt, dass Finnland oder Schweden der Nato beitreten. Dies hätte "ernsthafte militärische und politische Konsequenzen", erklärte Ministeriumssprecherin Maria Sacharowa.

21.30 Uhr: Klitschkos Warnung

Der Kiewer Bürgermeister Witali Klitschko bestätigt fünf Explosionen in der Stadt – darunter im Norden, wo auch ein Heizkraftwerk getroffen wurde. Die Situation sei "bedrohlich"; die kommende Nacht sowie die Morgenstunden würden "sehr schwierig" werden.

23.00 Uhr: Odessa unter Beschuss

Russische Soldaten beschießen nach ukrainischen Angaben die Region um die Hafenstadt Odessa mit Raketen. Betroffen sei auch Infrastruktur in der Region Mykolajiw. Befürchtet wird, dass russische Truppen bald ins strategisch wichtige Odessa vorrücken könnten.

24.00 Uhr: Kiew will reden

Selenskyjs Sprecher Sergii Nykyforov tritt auf Facebook der russischen Behauptung entgegen, die Ukraine habe den Kontakt mit Moskau für heute gestoppt. Das Land sei "immer bereit, über Waffenstillstand und Frieden" zu sprechen. Präsident Selenskyj selbst wendet sich kurz nach Mitternacht an die Öffentlichkeit: "Das Schicksal des Landes entscheidet sich jetzt." (Kim Son Hoang, Manuela Honsig-Erlenburg, Magdalena Pötsch, 25.2.2022)